Interview mit "Ma Walton" "Überall nur Sex und Gewalt"

Gute Nacht, John Boy: Ab heute läuft die US-Familienserie "Die Waltons" wieder im deutschen Fernsehen. SPIEGEL ONLINE sprach mit der Schauspielerin Michael Learned (alias Olivia Walton) über den Wandel der amerikanischen Familienwerte und den dauerhaften Erfolg der 30 Jahre alten TV-Serie.


Schauspielerin Learned als "Ma Walton": "Die Waltons waren zwar arme, aber auch ehrliche Leute"
Warner Bros.

Schauspielerin Learned als "Ma Walton": "Die Waltons waren zwar arme, aber auch ehrliche Leute"

SPIEGEL ONLINE:

Mrs. Learned, Ihr Vorname ist Michael; hätten es Ihre Eltern lieber gesehen, wenn ich heute mit Mister Learned sprechen würde?

Michael Learned: Nennen Sie mich ruhig Michael, ich bin schließlich daran gewöhnt. Wahrscheinlich haben meine Eltern den Vornamen ausgesucht, als sie schon den einen oder anderen Martini zu viel hatten. Nein, meine Eltern waren mit mir, glaube ich, ganz zufrieden. Später aber hätten sie vielleicht wirklich lieber noch einen Jungen bekommen, denn nach mir folgten noch meine fünf Schwestern.

SPIEGEL ONLINE: War der männliche Vorname hinderlich für Ihre Karriere?

Learned: Zumindest am Anfang schien es mir notwendig, in Besetzungslisten immer ein "Miss" vor meinen Namen stellen zu lassen. Später konnte dann ich darauf verzichten.

SPIEGEL ONLINE: "Später", das war, als sich der Erfolg der TV-Familiensaga "Die Waltons" abzeichnete. "Arm, aber doch glücklich", so lautete die Formel dieser Großfamilie im ländlichen Amerika zur Zeit der Großen Depression. Sie selbst sind auch auf einer Farm aufgewachsen...

Fernsehfamilie "Die Waltons": "Natürlich war die Show sehr idealistisch angelegt"
Warner Bros.

Fernsehfamilie "Die Waltons": "Natürlich war die Show sehr idealistisch angelegt"

Learned: ...aber auf einer, die eher eine Art Herrenhaus war, als das, was man gemeinhin unter einer Farm verstehen würde. Wir waren weder arm, noch mussten wir von den landwirtschaftlichen Erträgen dieser Farm leben.

SPIEGEL ONLINE: War der Plot der "Waltons" nicht eigentlich ziemlich naiv?

Learned: Natürlich war die Show sehr idealistisch angelegt, das steht außer Frage. Und manche Kritiker haben das damals in der Tat auch als "naiv" bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben "Die Waltons" beinahe 30 Jahre nach Ihrer Erstausstrahlung auch in Deutschland noch eine große Fan-Gemeinde. Wie erklären Sie sich diese offensichtliche Faszination?

Learned: Ein Punkt ist sicher, dass der Zuschauer über die Jahre miterleben konnte, wie die Waltons älter und wie aus den Kindern Leute wurden. Es gab damals nicht allzu viele Serien, auch nicht unter den langlebigen, die es ihren Charakteren wirklich erlaubte, sichtbar zu altern. Für noch entscheidender aber halte ich, dass die Waltons Allerweltsamerikaner waren, mit denen sich einerseits bis heute viele Menschen identifizieren können, während andererseits manch einer vielleicht stets von einem Leben oder einer Kindheit wie bei den Waltons geträumt hat.

Darstellerin Learned (am 13. Januar in Hamburg): "Wer könnte sich denn heute noch eine elfköpfige Familie leisten?"
DDP

Darstellerin Learned (am 13. Januar in Hamburg): "Wer könnte sich denn heute noch eine elfköpfige Familie leisten?"

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige US-Präsident George Bush Sen. äußerte sogar einmal den Wunsch, dass Amerikaner mehr wie die Waltons und weniger wie die Simpsons sein sollten. Die Waltons als Ebenbild des braven Amerikaners, so wie ihn sich jeder konservative Politiker wünscht?

Learned: Ich bin nicht ganz sicher, wie Bush das wirklich gemeint hat, sicher aber hat ihm gefallen, dass die Waltons Werte hatten und für diese auch einstanden. Die Waltons waren zwar arme, aber auch ehrliche Leute, die zu Recht Stolz auf diese Rechtschaffenheit waren.

SPIEGEL ONLINE: Der größte Wert war jedoch die Familie selbst. Welche Rolle spielt die Familie heute in der US-Gesellschaft?

Learned: Ich hoffe, dass sie eine Renaissance erlebt. Seit den sechziger Jahren ist Amerika durch eine ganze Menge Turbulenzen gegangen. Einiges war gut, wie die Aufhebung der Rassentrennung und - Gott sei Dank - die Frauenbewegung. Anderes war schlecht, und allzu oft wurde das Kind auch mit dem Bad ausgeschüttet und die Dekadenz kannte keine Grenzen mehr. Überall nur noch Sex und Gewalt. Jetzt aber scheinen die Menschen in Amerika davon langsam die Nase voll zu haben und sich wieder auf die alten Werte zu besinnen.

SPIEGEL ONLINE: Womit wir auch beim Küchentisch im Hause Walton wären, dem Zentrum des waltonschen Mikrokosmos, wo man einmal am Tag zusammenkam. Kann aber ein Küchentisch heute wirklich noch der symbolische Mittelpunkt Amerikas sein?

Learned: Als meine heute längst erwachsenen Söhne noch Kinder waren, nahmen wir das Abendessen stets zusammen ein. Ich glaube aber, dass dies heute eher die Ausnahme ist in Amerika. Internet, Computer und natürlich vor allem auch das Fernsehen haben viel verändert. Heute spielt ein Kind am Computer, hört dabei Musik und macht gleichzeitig auch noch seine Hausaufgaben. Und wahrscheinlich läuft bei alledem auch noch der Fernseh-Apparat.

SPIEGEL ONLINE: Der Fernseher, der heute das Lagerfeuer bildet, um das sich die Familie am Abend scharrt...

Learned: Wenn man denn überhaupt noch regelmäßig zusammen kommt. Dann aber wird nicht mehr miteinander gesprochen, man erzählt sich gegenseitig nicht mehr, was am Tag vorgefallen ist. Es wäre schön, wenn das gemeinsame Sitzen um den Küchentisch, das ja nichts anderes bedeutet, als dass man miteinander kommuniziert, tatsächlich wieder populärer würde. Der Mangel an Kommunikation schon innerhalb einer Familie ist bisweilen beängstigend. Dabei sind die Familien heute doch viel kleiner; wer könnte sich denn heute noch eine elfköpfige Familie leisten, noch dazu vielleicht in einer Großstadt wie New York.

SPIEGEL ONLINE: Heute bilden wohl eher die schrägen "Bundys" ("Eine schrecklich nette Familie") oder die Wohngemeinschaft "Friends" die Familien im Fernsehen ab.

Learned: Um Himmels Willen! Ich hoffe natürlich, dass dem nicht so ist. Bei "Friends" hat ja grundsätzlich sowieso schon jeder mit jedem geschlafen, aber jetzt fangen zu allem Unglück auch die Männer an mit Männern ins Bett zu gehen. Eine schöne Familie!

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die Qualität des US-Fernsehens heute?

Die Waltons heute: John Walmsley (Jason), Eric Scott (Ben), Mary Beth McDonough (Erin), Judy Norton (Mary Ellen), Michael Learned (Olivia), Kami Cotler (Elizabeth), David Harper (Jim Bob), hinten v.l.
DPA

Die Waltons heute: John Walmsley (Jason), Eric Scott (Ben), Mary Beth McDonough (Erin), Judy Norton (Mary Ellen), Michael Learned (Olivia), Kami Cotler (Elizabeth), David Harper (Jim Bob), hinten v.l.

Learned: Zwar laufen "Die Waltons" immer noch in "TV-Land", einem Sender im Kabelfernsehen, der sich auf Spielfilm- und Serien-Klassiker spezialisiert hat, aber ein Erfolg wie bei der Erstausstrahlung, als wir jahrelang unter den 20 erfolgreichsten Serien zu finden waren, wäre heute undenkbar. Heute dominieren Real-Life-Formate das Programm, die ständig auf der Suche nach neuen Tabu-Brüchen sind. Vielleicht muss man uns zugute halten, dass wir immer noch eine sehr junge Nation sind, die immer noch auf der Suche ist und mit allem experimentiert. Und dazu gehört nun einmal auch das Fernsehen mit Sex, Gewalt und mit seinen vielen Peinlichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht grundsätzlich ein tief greifendes Missverständnis darüber, was Amerika ist oder sein soll? Besonders zwischen den Menschen in den Küstenmetropolen New York und Los Angeles auf der einen und denen aus dem so genannten Bible Belt, der häufig auch als Hillbillies verunglimpften Landbevölkerung, auf der anderen Seite?

Learned: Ich denke, dass es sich diesbezüglich bei uns nicht anders verhält als in anderen Ländern auch. Großstadt-Menschen mögen zwar mehr sophisticated sein, als die Menschen auf dem Land. Oft aber lautet der Preis dafür Zynismus und manch einer muss sich diese Sophistication sogar mit Abstumpfung erkaufen, weil das Leben in den großen Städten einfach hektischer, anonymer und daher für viele wohl auch unerbittlicher ist.

SPIEGEL ONLINE: Wo sollte ein Europäer das wahre Amerika suchen, in den Küstenmetropolen oder doch eher irgendwo im Nirgendwo des Mittelwestens?

Learned: Das pure Amerika, das Herz dieses Landes, findet sich sicherlich eher im geografischen Zentrum, als an der Peripherie. Das heißt nicht, das dort alles besser ist, aber hier ist Amerika noch unverfälschter als etwa im von Hollywood regierten L.A., hier leben die Menschen noch nach ihren alten Werten, während in den Großstädte diese Werte bisweilen auf der Strecke bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem 11. September 2001 scheinen die Amerikaner, egal ob Stadt- oder Landmenschen, aber wieder näher zusammengerückt zu sein.

Learned: Das stimmt, der 11. September hat uns auch wieder bewusst gemacht, wie glücklich wir sein können, in einem freien Land zu leben. Und dieser Tag hat uns erstmals gezeigt, wie verletzlich wir auf eigenem Boden sind. Das hat uns sehr zornig gemacht, weil wir uns nicht für schlechte Menschen und unsere Heimat nicht für ein schlechtes Land halten. Dieses große Unrecht hat uns einander wieder näher gebracht und uns alle daran erinnert, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind.

Interview: Andreas Kötter



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