Interview mit Michael Jürgs "Axel Springer war ein Anti-Nazi"

Weil er Axel Cäsar Springer für einen Nazi hielt, hat der Schweizer Daniel de Roulet vor 30 Jahren dessen Chalet angezündet. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Springer-Biograf Michael Jürgs über die Rolle des Verlegers während der Studentenproteste 1968.


SPIEGEL ONLINE:

Der Schweizer Autor Daniel de Roulet hat sich 30 Jahre nach der Tat dazu bekannt, Axel Springers Chalet in der Schweiz niedergebrannt zu haben. Für wie glaubwürdig halten Sie seine Darstellung?

Verleger Springer (1982): "Er hätte Dutschke den Flug nach Israel bezahlt"
AP

Verleger Springer (1982): "Er hätte Dutschke den Flug nach Israel bezahlt"

Jürgs: Das kann durchaus sein, denn es wurde damals ja nicht herausgefunden, wer die Brandstifter waren. Die Polizei hat lange gesucht, aber nichts gefunden und die Nachforschungen dann eingestellt. Ich kannte den Autor nicht, habe bisher immer gedacht, der letzte Schweizer Revolutionär war Wilhelm Tell.

SPIEGEL ONLINE: Axel Springer wurde zur Zielscheibe einer ganzen Generation.  Warum hat sich die Bewegung so auf ihn konzentriert?

Jürgs:
Man darf nicht vergessen: Das, was in der "Bild"-Zeitung stand, und vor allem das, was die "BZ" in Berlin gemacht hat, war Volksverhetzung. Und das war ja auch typisch für die Nazizeit, insofern waren die Parallelen ziemlich klar.

SPIEGEL ONLINE: Der Autor sagt, er habe geglaubt, Springer sei ein Nazi. Aber der Verleger hat sich gerade durch sein Engagement für die deutsch-israelischen Beziehungen hervorgetan? Wie kam es also zu diesem Bild?

Jürgs: Ich selbst war nach den Recherchen zu meiner Axel-Springer-Biografie völlig verstört, als ich herausfand, dass Springer nicht nur kein Nazi war, sondern dass er ein richtiger Anti-Nazi war. Er hat nie verschwommen gesprochen, etwa "im Namen Deutschlands ist Schuld begangen worden", sondern hat sich klar zur Kollektivschuld der Deutschen bekannt. Alles davon hat er auf seine Schultern geladen. Das fand ich beeindruckend und musste das fairerweise in meinem Buch auch schreiben. Auch ich war erstaunt über die Ausmaße dieses aus christlichen Beweggründen geborenen Anti-Nazitums. Zudem hasste Springer Zeit seines Lebens Uniformen, er hasste Marschmusik - zwei Essentials der ganzen Nazizeit. Dass Springer nie in der Partei war und gegen die Nazis war, spielte sicherlich auch dafür eine Rolle, dass er nach dem Krieg von den Engländern die Lizenz bekam, eine Zeitung zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Springer denn im Zweiten Weltkrieg gelebt?

Jürgs: Er hat brav das gemacht, was jeder anständige Journalist macht - ein Volontariat und geschrieben. Sonst hat er sich erfolgreich davor gedrückt, eingezogen zu werden, durch Atteste, die besagten, er sei schwer krank. Und er hat die Damen erobert.

SPIEGEL ONLINE: Der Historiker Wolfgang Kraushaar hat mit seinem Buch "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus" nachgewiesen, dass die linke Stadtguerilla mit einem anti-jüdischen Anschlag eingeläutet wurde. Warum gab es so wenig Selbstkritik bei den Linken und so viel Hass auf Springer?

Jürgs: Man sollte die Kirche im Dorf lassen, auch bei Kraushaar, den ich sonst sehr schätze. Ich hab nie antisemitische Untertöne bei den Linken entdeckt. Es gab anti-israelische Untertöne, aber das ist ein Unterschied. Die Linke in den sechziger Jahren hat ja immerhin dafür gesorgt, dass die gesamte Demokratur, diese verkrusteten Nazistrukturen, die in Beamtenschaft, Richtertum, in der Medizin und vor allem in den Universitäten noch herrschte, aufgebrochen wurden. Das war eine große Leistung. Hinzu kam dann die emotionale Begeisterung dieser jungen Menschen für revolutionäre Bewegungen, ob sie gegen den Vietnamkrieg waren oder ihre Unterstützung für den Versuch der Palästinenser, sich gegen die israelische "Besatzungsmacht" durchzusetzen, zeigten. Anti-jüdisch war das nicht. Aber natürlich sind in dieser Zeit auch Fehler passiert.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Springer überhaupt als Rechten bezeichnen oder tut man ihm damit Unrecht?

Jürgs: Springer war ein nationaler Konservativer, manchmal auch ein nationaler Prophet, der glaubte, im Namen Gottes auf die Welt geschickt worden zu sein. Während der fünfziger Jahre hat er sich wirklich für den Messias gehalten, nur so ist auch sein Glockentürmchen in der Schweiz zu erklären. Er zog sich zurück, möglichst nah am Himmel. Er war da zum Beten. Er war ein Gottsucher mit all dem, was dazu gehört, also auch der fanatischen Überzeugung, Recht zu haben.
Er war ein Mensch, der unfähig zur Konfrontation war, er glaubte an bestimmte Sachen und glaubte, die durchsetzen zu müssen, aber eher durch Überzeugung als durch Gewalt. Er war keiner von den Hugenbergs oder Scherls, also den nationalkonservativen deutschen Verlegern, die eine Mitschuld am Faschismus haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat denn Springer selbst seine Rolle während der Studentenproteste gesehen?

Jürgs: Er sah sich einerseits als einer, der das Gute, Wahre und Schöne gegen diese unrasierten, ungewaschenen, widerwärtigen Menschen, die auf der Straße rumbrüllten, verteidigen musste. Wenn er aber Dutschke persönlich kennengelernt hätte und der den Wunsch geäußert hätte, für ein Jahr mit seinen ganzen Studentenführern in einem Kibbuz zu arbeiten, hätte Springer ihnen allen die Flüge bezahlt.

Das Interview führte Anna Reimann



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