Interview mit Nadja Auermann "Wer sagt, dass alte Frauen nicht schön sind?"

Nadja Auermann war in den neunziger Jahren Deutschlands Mode-Ikone. Jetzt wagt sie den Sprung vom Laufsteg auf den Bildschirm. SPIEGEL ONLINE sprach mit der Schauspielnovizin über Schlankheitswahn, Ohrfeigen und ihre Hauptrolle im TV-Thriller "Dornröschens leiser Tod".


 Auermann als Mutter unter Mordverdacht in "Dornröschens leiser Tod" (Filmszene mit Michael Kind)
ZDF / Oliver Ziebe

Auermann als Mutter unter Mordverdacht in "Dornröschens leiser Tod" (Filmszene mit Michael Kind)

SPIEGEL ONLINE:

Auf dem Laufsteg ein Weltstar, vor der Kamera ein Frischling. Sagen die Kolleginnen nicht: Jetzt kommt die Auermann, großer Name, Null Erfahrung?

Auermann: Ich kann verstehen, dass man erstmal skeptisch ist. Wenn umgekehrt jemand zum ersten Mal den Laufsteg betritt, dann würde ich vielleicht auch denken: Die glaubt wohl, dass das so einfach ist. Deshalb hab ich mich ja auch vorbereitet. Ich bin nicht so arrogant, dass ich sage, ok, das ist die Szene, ich mach dir jetzt mal die Kindsmörderin. Ich nehme den Beruf sehr ernst und habe auf Probeaufnahmen bestanden. Man sollte mich nicht nehmen, bloß weil ich einen großen Namen habe. Ich wollte sicher gehen, dass man mir die Rolle zutraut.

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Nadja Auermann: Vom Laufsteg auf die Mattscheibe
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit einem Schauspielcoach gearbeitet - für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlich.

Auermann: Stimmt, das hat mit den hiesigen Ausbildungsstrukturen zu tun. In anderen Ländern gibt es so etwas wie eine Lehre nur bedingt, zum Beispiel in Frankreich oder Amerika. Da gilt Learning by doing. In Deutschland wird immer noch extrem auf Abschlüsse geachtet - auch bei den Darstellern. Aber das Schauspiel wandelt sich. Schauen Sie sich Filme aus den vierziger Jahren an: ein ganz anderer Stil, der heute auf uns manchmal sogar gekünstelt wirkt. Wenn man vor ein, zwei Jahrzehnten eine Schauspielschule absolviert hat, hat sich die Art der Darstellung bis heute zum Teil gewandelt. Als Ärztin müsste man sich ja auch weiterbilden, neuen Erkenntnissen zugänglich sein. Das heißt aber nicht, dass ich Schauspielschulen ablehne.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen beim Spielen am schwersten gefallen?

Auermann: Ohrfeigen auszuteilen. Herr Kind war mir sehr sympathisch.

SPIEGEL ONLINE: Eventuell kriegen Sie nun bald selber welche - in Form von Kritiken. Viele beharren darauf, dass Sie ein Model sind. Oscar-Preisträgerin und Ex-Mannequin Charlize Theron beschwerte sich unlängst, sie hätte die Rolle einer Serienkillerin nur mit viel Glück bekommen. Ist gutes Aussehen ein Hindernis, wenn man ins Charakterfach will?

Auermann: Auf jeden Fall muss man darauf setzen, dass Leute Phantasie haben und einen nicht nur oberflächlich besetzen, zum Beispiel als eine "der schönsten Frauen der Welt". Schließlich kann man in der Maske tolle Sachen machen. Als Kind war ich begeistert von Peter Sellers als Kommissar Clouseau mit seinem Verkleidungsfimmel. Ich habe auch gar keine Berührungsängste, mich hässlich zu machen oder optisch zu verändern. Für einen Postwerbespot von Detlev Buck wurde mir mein Gesicht so gemorpht, dass ich am Ende aussah wie Christoph Gottschalk - ein Riesenspaß.

SPIEGEL ONLINE: Die Supermodel-Ära, als deren Ikone Sie gelten, hat diese Entwicklung aber doch mit angeheizt. Schönheitswahn, Schlankheitsterror ...

 Nadja Auermann und Filmpartner Hinnerk Schönemann: Probleme beim Ohrfeigen
ZDF / Oliver Ziebe

Nadja Auermann und Filmpartner Hinnerk Schönemann: Probleme beim Ohrfeigen

Auermann: Das ist Quatsch, das machen sich die Medien zu einfach. Die Modewelt ist einfach nur ein Spiegel unserer Gesellschaft, und wenn in unserer Gesellschaft ein Schönheits- und Jugendwahn grassiert, dann ist daran nicht die Mode Schuld. Wer behauptet eigentlich, dass ältere Frauen nicht mehr schön sind? Die Modemacher? Das hat mit einem grundlegendem Kommunikationsdefizit zwischen den Generationen zu tun, das nicht aus der Mode kommt. Die Mode greift immer nur auf. Designer sind hochsensible Menschen, die den Zeitgeist registrieren. Wenn Männer überfordert sind mit starken Frauen, dann sehnen sie sich nach schwächeren Frauen, und das, glauben sie, sind die jüngeren. Deswegen werden jüngere Frauen immer attraktiver - nicht aufgrund von Modetrends, sondern weil sie leichter zu manipulieren sind.

SPIEGEL ONLINE: Viele Frauen fühlen sich unter Druck gesetzt: Beziehung, Ehe, Karriere - alles soll machbar sein, am besten gleichzeitig. Waren Sie nicht eine Gallionsfigur dieses Trends?

Auermann: Nein, das ist ein Frauendrama schlechthin. Außerdem ist Modeln einer der wenigen Berufe, in denen Frauen mehr Geld verdienen als Männer. Es ist heutzutage immer noch gang und gäbe, dass Frauen für den gleichen Job schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. Ich wüsste eigentlich gerne mal, warum. Auch in der Politik wird das kaum thematisiert. Wir leben im 21. Jahrhundert, und Frauen kriegen weniger Gehalt, müssen aber höhere Krankenkassenbeiträge bezahlen. Dafür, dass wir Kinder bekommen? Wir können's ja auch lassen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es eigentlich, dass man bei Models immer nach Klugheit forscht? Bei Sportlern fragt niemand nach, wie intelligent sie sind.

Supermodel Auermann (1997): Marlene Dietrich der Modeszene
DPA

Supermodel Auermann (1997): Marlene Dietrich der Modeszene

Auermann: Da geht man davon aus, dass sie's nicht sind. Und bei Models irgendwie auch. Spaß beiseite: Bei Sportlern setzt man wie bei Models voraus, dass sie sehr diszipliniert arbeiten, immer irgendwelche Diäten halten müssen, sei es um fit, sei es um schlank zu bleiben. Außerdem sind sowohl Sport- als auch Model-Karrieren zeitlich begrenzt. Die meisten denken wohl, wenn man sich ständig nur mit seinem Äußeren beschäftigt, hat man ansonsten wenig Inhalte im Leben.

SPIEGEL ONLINE: Stil und Mode haben im hiesigen Filmgeschäft nicht immer einen guten Stand. Anders als in Cannes und Venedig sieht man beim deutschen Filmpreis immer noch Tennissocken zum Smoking. Braucht die deutsche Filmszene mehr Glamour?

Auermann: Bei der diesjährigen Berlinale war von Stillosigkeit nichts zu sehen. Die deutsche Szene hat sich ganz schön gemausert. Außerdem hat jedes Land seine eigene Identität, sein eigenes Auftreten. Ich finde es nur falsch zu denken, es sei unheimlich intellektuell, sich schlecht anzuziehen. Intelligenz und Kompetenz drücken sich nicht unbedingt in schlechtem Stil aus. Schönheit schadet nichts.

SPIEGEL ONLINE: Karl Lagerfeld hat Sie im Zusammenhang mit Stil und Glamour mit Marlene Dietrich verglichen. Passt der Vergleich?

Auermann: Das ist ein Riesenkompliment und eine Bürde. Auf jeden Fall sollte man die Chance haben, man selbst zu sein. Als ich anfing zu modeln, wurde ich auch immer mit irgendwelchen Kolleginnen verglichen. Das kann schmeichelhaft sein, aber die Leute gab's ja schon. Dann braucht man mich nicht, wenn ich so bin wie X oder Y.

Interview: Daniel Haas



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