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Interview mit Naomi Klein: "Wir sind doch auch schon privatisiert"

Von Constanze Semidei

Die kanadische Journalistin Naomi Klein schürt mit ihrem Buch "No Logo!" das Bewusstsein für die Alltagsmacht der Marken. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ruft sie zu mehr Gemeinschaft und Solidarität im Kampf gegen die Werbeslogans der Großkonzerne auf.

SPIEGEL ONLINE:

Frau Klein, wenn Werbung mittlerweile fester Bestandteil unserer Kultur ist, ist es dann nicht besser, die Diskussion über die Todesstrafe auf Benetton-Werbeplakaten zu führen als gar nicht? Die Kampagne brachte immerhin einen großen Streit in Gang.

Naomi Klein: Ich bin da eher unentschieden. Es ist in vieler Hinsicht ein Zeichen dafür, dass die Politik am Ende ist, wenn es eine Pulloverfirma braucht, um über so wichtige Dinge zu reden. Bilder von blutgetränkten Uniformen oder Todeskandidaten rütteln natürlich auf, aber da keine politische Kampagne, kein wirkliches Engagement dahinter steht, trägt es nur zur Desensibilisierung unserer Gesellschaft bei. Die Welle von ethisch engagierten Unternehmen scheint auch schon wieder vorbei zu sein. Benetton hat seinen Chef-Kreativen Oliviero Toscani rausgeschmissen, und bei Body Shop haben die Shareholder auch gesagt, wir wollen Schaumbad verkaufen und nicht Politik. Diese Fälle zeigen, wie es um die Aufrichtigkeit solcher Firmen bestellt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wann hat sich Ihre Einstellung zu Marken eigentlich geändert?

Naomi Klein: Als ich zur Universität ging, hatte es gerade angefangen, dass Werbung in die Schulen eindrang. Das hat mich erschreckt, denn Unis und Schulen waren die letzten verbliebenen Plätze, wo man uns Jugendliche als Bürger und nicht als Konsumenten behandelte.

SPIEGEL ONLINE: Gab es ein echtes Schlüsselerlebnis?

Klein: Nein. Um das gleich zu sagen: Ich interessiere mich nicht so sehr für Marken, das ist nur ein Aufhänger. Mein Buch ist eher eine Sozialkritik, die von der Veränderung der Arbeit und dem Leben handelt.

SPIEGEL ONLINE: Große Konzerne wie Nike und Coca Cola sind ein amerikanisches Phänomen, ebenso der Protest gegen sie. Warum gibt es nichts Ähnliches in Deutschland?

Klein: Protest braucht einen persönlichen Zugang, und jede Kultur hat ihren eigenen. Die amerikanische Gesellschaft ist sehr auf Marken und Prominente fixiert. Nike ist eng verbunden mit dem Basketball-Idol Michael Jordan, und mit dem identifizieren sich viele. So fängt es an.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das hier funktionieren?

Klein: Die Leute finden etwas, das sie persönlich interessiert. In Deutschland sind das vielleicht eher Verbrechen an der Umwelt als die Herstellung von Turnschuhen. Der Protest gegen Shell und Brent Spar war hier sehr stark. Oder 1993, da haben deutsche Verbraucher, organisiert von Greenpeace, die kanadische Holzindustrie attackiert, wegen der Abholzung uralter Wälder. Sie haben sich ganz einfach an die Zeitungen und Verlage gewandt, damit die das Papier nicht kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich gegen das Vordringen der großen Konzerne und ihrer Werbung wehren?

Klein: In letzter Zeit hat sich eine große Privatisierung vollzogen, gerade der öffentlichen Plätze in den Städten. Schauen Sie sich den New Yorker Times Square an, eine einzige Werbefläche! Ebenso wird der geistige Raum okkupiert. Utopien werden zu Werbeslogans und so weiter. Und letztlich sind wir doch auch schon privatisiert. Man betrachtet uns nur noch als Konsumenten und Investoren statt als Mitglieder einer Gesellschaft, die gemeinsam handeln. Wir müssen also über Wege nachdenken, wie man Raum zurückerobern und verteidigen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Klein: Auf lokaler Ebene gibt es viele Möglichkeiten: Man kann die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen bekämpfen oder dagegen vorgehen, dass Konzerne in die Schulen eindringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das heißt, dass die Menschen sich gesellschaftlich mehr engagieren müssten und weniger Privatmensch sind.

Klein: Genau das ist es. Wir müssen uns informieren und uns aktiv einbringen. Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber so funktioniert Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Liste, zum Beispiel im Internet, wo Firmen aufgeführt werden, deren Unternehmenspolitik besonders schändlich ist?

Klein: Corporate Watch hat so eine Liste. Dort werden jährlich die zehn schlimmsten Unternehmen genannt. Aber in den USA geht der Protest weg vom Boykott einzelner Firmen. Die Aktivisten beschäftigen sich mittlerweile eher mit dem IWF und der Welthandelsorganisation.

SPIEGEL ONLINE: Wie können die denn attackiert werden?

Klein: Nun ja, man kann entweder auf die Straße gehen oder in eine Organisation. In Seattle war das Ziel der Demonstranten, die Verhandlungen über den Freihandel in Amerika zu stören. Sie haben eine öffentliche Diskussion angeheizt und sich nicht einschüchtern lassen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich daraufhin auf Unternehmensseite etwas verändert ?

Klein: Schwer zu sagen. Zweifellos hat der Protest die Firmen stark angegriffen. Sie sprechen immerhin eine ganz neue Sprache: In Davos ging es viel um die Teilung der Welt in Arm und Reich. Als ich mit meinen Untersuchungen anfing, haben die gleichen Leute noch nicht einmal eingestanden, dass es derartige Probleme auf der Welt überhaupt gibt! Die WTO sagte damals, alles, wofür wir uns interessieren, ist die Steigerung von Profit, und heute stellen sie sich als die Armutsbekämpfer dar. Andererseits, wenn man bedenkt, was gerade in Südafrika abläuft...

SPIEGEL ONLINE: ...wo Pharmaunternehmen die Regierung verklagen, dafür dass sie erschwingliche Aidsmedikamente einführen wollen...

Klein: ...das ist schon unglaublich. Ich glaube nicht, dass Unternehmen so etwas wie ein Gewissen haben. Sie machen das, was ihnen die Shareholder sagen. Und die sagen, der Umsatz muss steigen!

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