Interview mit "Perlentaucher"-Chef Chervel "Wir sind journalistisch unabhängig!"

Wer wissen will, woher kulturell der Wind weht im deutschen Blätterwald, sieht nach beim "Perlentaucher". Seit fünf Jahren ist die Feuilleton-Rundschau im Netz präsent. SPIEGEL ONLINE sprach mit Redaktionschef Thiery Chervel über Subventionen, Selbstausbeutung und die Europäiisierung der Öffentlichkeit.


"Perlentaucher"-Chef Chervel: "Sich von den etablierten Hierarchien lösen"
Andreas Süß

"Perlentaucher"-Chef Chervel: "Sich von den etablierten Hierarchien lösen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Chervel, heute wird der "Perlentaucher" fünf Jahre alt. Hätten Sie gedacht, dass Sie im krisengeplagten Online-Geschäft so lange durchhalten?

Chervel: Der "Perlentaucher" ist eine der ganz wenigen unabhängigen journalistischen Gründungen im deutschen Netz. Als wir online gingen, dachten wir, wir müssen uns beeilen, weil bestimmt viele Journalisten die neue Technik nutzen würden, um sich von den etablierten Hierarchien zu lösen. Nun sind wir bis heute die einzigen. Wir haben durchgehalten, weil wir kein Start-up waren. Hätte ein Riskofinanzier hinter uns gestanden, dann hätte er uns in der Panik nach dem Börsencrash irgendwann die Computer abgeschaltet. Wir funktionieren wie ein kleiner Familienbetrieb, der auch Selbstausbeutung in Kauf nehmen muss.

SPIEGEL ONLINE: Pünktlich zum Jubiläum startet die englischsprachige Feuilleton-Schau "Signandsight.com". Was bringt die Übersetzung deutscher Feuilletons?

Chervel: Ähnlich wie SPIEGEL ONLINE, wo ja jüngst ein erfolgreicher englischsprachiger Dienst gestartet wurde, glauben wir, dass sich Öffentlichkeit durch das Netz internationalisiert. Und die Sprache dieser Internationalisierung ist nun mal das Englische. Außerdem sind die deutschen Feuilletons ein einzigartiger Debattenraum. Wir möchten ihm einen internationalen Widerhall geben. Denn auch die angelsächsischen Öffentlichkeiten, die durch das Netz bevorzugt werden, haben ihre provinziellen Seiten. Deutschland ist zum Beispiel viel offener für Osteuropa. Gerade diesen Kosmopolitismus der deutschen Öffentlichkeit möchten wir widerspiegeln.

SPIEGEL ONLINE: Übersetzen Sie einfach nur Ihre deutsche Presseschau?

Chervel: Eine Eins-zu-Eins-Übersetzung hätte keinen Sinn. Wir übersetzen die deutsche Presseschau nicht einfach, sondern wir fragen uns jeden Morgen, welche Inhalte und Debatten in deutschen Zeitungen international von Belang sein könnten.

SPIEGEL ONLINE: Eine Podiumsdiskussion, die heute in Berlin stattfindet, ist überschrieben mit der Frage: "Müssen wir Englisch sprechen, um Europäer zu werden?" Was meinen Sie?

Chervel: Wir meinen: ja. Und dennoch denke ich, dass jeder einigermaßen intelligente Europäer auch noch eine dritte Sprache sprechen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Für "signandsight.com" sollen Sie bis September 2007 1,4 Millionen Euro aus Bundesmitteln erhalten. Welcher allgemeine Nutzen rechtfertigt eigentlich die Bezuschussung durch die Bundeskulturstiftung?

Chervel: Ganz einfach: Wir haben einen wunderschönen Artikel von Andrzej Stasiuk über Gräber des Ersten Weltkriegs in Osteuropa übersetzt. Am Tag danach meldete sich die spanische Zeitung "El Pais" und fragte nach einem Kontakt zu Stasiuk, um die spanischen Rechte an dem Text zu erwerben. Der Text stand vorher in der "Neuen Zürcher Zeitung", aber die spanische Redaktion konnte ihn wohl auf Deutsch nicht lesen. Ein anderes Beispiel: Am Tag nach der Lancierung meldete sich ein indischer Autor und freute sich über die neue Informationsquelle, bat aber auch darum, dass wir Diskussionsforen eröffnen. Im "Toronto Globe and Mail" wurde "siganandsight.com" als Beispiel für eine Tendenz zur Europäisierung der Öffentlichkeit gefeiert. Und "Metazin.hu", der Online-Ableger der großen ungarischen Zeitung "Nepszabadsag", freut sich, dass es nun auch ein einglischsprachiges "Metazin" über Deutschland gibt. Diese Reaktionen zeigen doch, wie sinnvoll der neue Dienst ist. Aber anders als den "Perlentaucher" hätten wir "signandsight.com" niemals ohne Förderung hochziehen können. Wir freuen uns darum sehr, dass der Stiftungsrat der Bundeskulturstiftung diesen Sinn auch gesehen hat und unserem Projekt zustimmte. Die Subventionierung wird nicht ewig dauern. Sie ist auf drei Jahre befristet. Innerhalb dieser Zeit möchten wir alternative Geldquellen - Sponsoring oder Werbung - finden, um das Projekt weiterzuentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Beeinträchtigt die staatliche Förderung nicht Ihre journalistische Freiheit?

Chervel: Die Subventionen werden für "signandsight.com" bezahlt, nicht für den "Perlentaucher". Wir sind journalistisch unabhängig. Niemand redet uns in die Inhalte rein.

Das Interview führte Andreas Borcholte


Die Feuilleton-Rundschau des "Perlentauchers"
wird täglich von SPIEGEL ONLINE übernommen und veröffentlicht.



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