Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Interview mit Ralph Giordano: "Wer Gaarder zustimmt, ist Antisemit"

Israel habe die Legitimität seiner Existenz verspielt, hat der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder in einem Essay erklärt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Publizist Ralph Giordano über zulässige Kritik an Israel und die eigentlich Verantwortlichen für die Toten im Libanon.

SPIEGEL ONLINE: Herr Giordano, der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder hat in einem Essay geschrieben, Israel solle als Staat nicht länger anerkannt werden – es habe mit seinen schrecklichen Kriegen und seinen fürchterlichen Waffen seine Legitimität verspielt. Hat Sie Gaarders Aussage erschrocken?

Schriftsteller Giordano: "Ich bin unfähig, die Hisbollah von der Erstverantwortung freizusprechen"
DPA

Schriftsteller Giordano: "Ich bin unfähig, die Hisbollah von der Erstverantwortung freizusprechen"

Giordano: Es trifft mich sehr, dass diese Aussagen von norwegischer Seite kommen. Die Art und Weise, wie Gaarder geschrieben hat, mit welchen Verbalinjurien und mit welch schrecklicher Mentalität, geht weit über eine Kritik an Israel und seiner aktuellen Militärpolitik hinaus. Der Inhalt von Gaarders Essay hat historische Tradition und geht mit der Verdammung der Juden, weil sie sich als Gottes auserwähltes Volk geben, auf das Urchristentum zurück. Aber der Aufsatz hat mich nicht empört, weil ich diese Art von Kritik aus Deutschland gewohnt bin.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Giordano: Was mich immer wieder geradezu aufgeputscht, ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Israel hier zu Lande grundsätzlich im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt von einem bestimmten Teil der öffentlichen und auch der veröffentlichten Meinung auf die Anklagebank gesetzt wird - wie jetzt bei der Eskalation im Libanon. Das stößt mich ab, weil jede einseitige Schuldzuweisung von Ignoranz über den komplexen Charakter des Nahostkonflikts zeugt. Was mich wirklich bestürzt, ist, dass diese Leute sich offenbar nicht in die Alltagssituation von Israel hineindenken können.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit darf die Kritik an Israel gehen?

Giordano: Natürlich ist nicht jeder, der Israels Politik in diesem oder jenen Fall kritisiert - akut oder historisch- ein Antisemit. Israel steht nicht unter kritischem Naturschutz. Aber wir leben in einem Land, in dem 18 Prozent aller Menschen keinen jüdischen Nachbarn haben wollen und 30 Prozent sagen, sie hätten ein ambivalentes Verhältnis zum Antisemitismus. Aber es gibt auch Kritik an Israel, die aus einer tiefen Sorge um alle Opfer kommt. Immer wenn über den Krieg in Nahost gesprochen wird, muss am Anfang die Trauer um alle Opfer stehen. Humanitas ist unteilbar. Aber man muss auch die historischen und politischen Zusammenhänge sehen.

SPIEGEL ONLINE: Laut der norwegischen Zeitung "Aftenposten" hat Gaarder auch viel Beifall erhalten. Sind alle diese Menschen Antisemiten?

Giordano: Den, der dem Originaltext von Gaarder zustimmt, nicht als Antisemiten zu bezeichnen, fällt mir schwer. Dazu sind Gaarders Worte zu eindeutig.

SPIEGEL ONLINE: Tut die israelische Regierung das Richtige?

Giordano: Ich kenne Freunde Israels, die trotzdem sagen: Hört mal, ist das, was ihr macht, richtig? Ich selber will nicht besserwisserisch sagen, was israelische Regierung oder Militär machen müssen oder sollen, um ihre Bürger zu schützen. Ich kenne auch die islamische Welt und weiß: die Guerilla kann durch reguläre Armeen nicht besiegt werden - das hat das 20. Jahrhundert gezeigt. Es wird aber erst Frieden geben, wenn die arabische Welt erkennt, dass die Hisbollah und alles was sie symbolisiert, von innen her besiegt werden muss. Mit der Hisbollah wird es keinen Frieden geben. Das ist eine düstere Perspektive, weil sich zeigt, dass die inner-arabischen Kräfte bislang nicht stark genug waren, der Hisbollah den Garaus zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Der bekannte libanesische Schriftsteller Abbas Beydoun hat Israel vorgeworfen, einen Staat zu zerstören, dessen Institutionen Frieden schaffen könnten.

Giordano: Es ist fürchterlich, was da geschieht. Es bricht mir das Herz, wenn ich die täglichen Bilder aus dem Libanon sehe. Aber ich bin ein Zeitzeuge, der weiß, dass so etwas Ähnliches - zwar mit anderen Vorzeichen, aber doch vergleichbar - schon einmal stattgefunden hat - in einem weit größeren Maße. Mir kommt es darauf an zu sagen, wer die eigentlich Verantwortlichen für das Leid sind. Ich habe alle Höllen des Luftkrieges in Hitlerdeutschland miterlebt - bin ausgebombt und verletzt worden, aber mir war immer eines klar: Die Erstverantwortlichen für diesen Luftkrieg der anglo-amerikanischen Luftwaffe, der Hunderttausende Deutsche das Leben gekostet hat, waren Hitler und das nationale Kollektiv seiner Anhänger. Ich weigere mich, für diese 500.000 Opfer die anglo-amerikanische Luftwaffe verantwortlich zu machen. Genau das Gleiche gilt jetzt für Israel. Es ist fürchterlich was im Libanon geschieht, aber ich bin unfähig, die Hisbollah und deren Geldgeber aus Syrien und Iran von dieser Erstverantwortung freizusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Es wird viel über eine internationale Eingreiftruppe diskutiert, die nach einer Waffenruhe für Frieden sorgen und die Hisbollah entwaffnen soll. Unter welchen Voraussetzungen wäre eine deutsche Beteiligung denkbar?

Giordano: Es ist unvorstellbar, dass es bei Spannungen zwischen dieser Friedenstruppe und der israelischen Armee zu Konfrontationen zwischen uniformierten Deutschen und der israelische Armee kommen könnte. Das ist nach dem, was im Zweiten Weltkrieg letztlich durch die Eroberung der Wehrmacht vorbereitet worden ist - nämlich der Holocaust - nicht denkbar. Deshalb habe mich zurückgenommen. Auf der anderen Seite - und dies war das Motiv meiner anfänglichen Zustimmung - wäre es so etwas wie eine "Normalisierung" zwischen Deutschen und Israelis. Man müsste darüber nachdenken, was Deutschland in diesem Rahmen auf anderem Wege zum Frieden beitragen könnte, zum Beispiel finanziell oder sozial.

Das Interview führte Anna Reimann

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: