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Interview mit Robert Schindel: "Es ist ein Armutszeugnis, wie Grass behandelt wird"

Robert Schindel war einer der ersten, die von Günter Grass' SS-Vergangenheit wussten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der österreichische Autor, Lyriker und Regisseur über das Bekenntnis des deutschen Schriftstellers - und die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden.

SPIEGEL ONLINE: Günter Grass hat Ihnen und anderen Schriftstellern vor mehr als 20 Jahren in einer kleinen Runde von seiner SS-Zeit erzählt. Erinnern Sie sich noch, wie er damals über seine Vergangenheit gesprochen hat?

Schindel: Er hat erzählt, dass er zur Waffen-SS rekrutiert wurde. Er hatte sich damals zuvor freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, dort haben sie ihn nicht genommen. Aber weil es schon seine freiwillige Meldung gab, haben sie diese Meldung genommen, um ihn zur Waffen-SS zu rekrutieren - das war damals offensichtlich Usus. Das hat er erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Wirkte es für Sie damals wie ein Geständnis?

Schindel: Nein, warum? Das war vollkommen normal. Wir haben eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde darüber gesprochen, er hat auch ein bisschen von seiner Verwundung erzählt, dann sind wir zu anderen Themen übergegangen - das hat niemanden von uns erstaunt. Ich wusste schon damals, und die anderen Schriftstellerkollegen wohl auch, dass die Leute im letzten Kriegsjahr massiv zur Waffen-SS rekrutiert wurden. Mein Stiefvater etwa sollte damals in Dachau rekrutiert werden, im Januar 1945 wurden Häftlinge zusammengerufen und konnten sich zur Waffen-SS melden. Auch Grass wurde rekrutiert, aber ich habe da niemals irgendeine Sympathie bei ihm für die SS gesehen. Er wurde eben rekrutiert, Schluss, aus, basta.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren denn die Teilnehmer der Gesprächsrunde?

Schindel: Das kann ich nicht genau sagen, weil ich nicht mehr weiß, wo das Gespräch stattgefunden hat. Entweder war es in Hamburg oder im Schloss Dobris bei Prag beim letzten Treffen der "Gruppe 47". Sollte es in Prag gewesen sein, dann waren damals auch Helga Novak und Hans Joachim Schädlich dabei.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Urteil über den Menschen Grass damals verändert? Ihr Vater wurde 1945 in Dachau hingerichtet.

Schindel: Nein, da hat sich überhaupt nichts geändert. Was so sehr für Grass spricht, ist, dass dieses SS-Kapitel für ihn selber wie eine Schmach ist - obwohl er nichts dafür kann. Wir hatten damals keine Ahnung davon, dass es ihn so beschäftigt hat. Das ist bei dem Gespräch nicht herausgekommen. Aber in ihm scheint es ein Leben lang eine Wunde gewesen zu sein. Deswegen habe ich auch Hochachtung vor ihm.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass noch andere von Grass' SS-Zeit wussten?

Schindel: Ich habe inzwischen erfahren, dass auch Peter Turrini seit 20 Jahren davon weiß. Grass hat wahrscheinlich öfter in privaten Kreisen davon erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie ist der Grund für das späte öffentliche Geständnis?

Schindel: Ich glaube, dass jeder Mensch, wenn er unter einer Scham leidet - ob berechtigt oder nicht - einen gewissen Reifeprozess braucht. Irgendwann ist die Eiterbeule reif, dann geht sie auf. Es hat eben so lange gedauert. Es muss doch jeder in seiner Biografie selber bestimmen dürfen, wann ganz bestimmte Dinge preisgegeben werden. Das kann ihm doch keiner vorschreiben, das ist doch eine Anmaßung. Jetzt ist es reif, und ich finde es höchst respektabel und ziehe wirklich den Hut vor ihm, dass er jetzt etwas preisgibt, was ihn offensichtlich ein Leben lang beschäftigt hat. In meinen Augen ist es eine deutsche Krankheit, ihn dafür jetzt zu prügeln.

SPIEGEL ONLINE: Der Zentralrat der Juden in Deutschland wirft Grass vor, sein Geständnis als PR-Maßnahme für sein neues Buch zu nutzen.

Schindel: Wenn ich das so offen sagen darf: Der Zentralrat ist in den letzten 20 Jahren nicht durch besondere Intelligenz aufgefallen. Der Vorwurf gegen Grass ist eine böswillige Unterstellung. Wenn man so etwas nicht beweisen kann, darf man es nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Vorwürfe, er habe sich seinen Nobelpreis erschlichen?

Schindel: Es ist doch für ihn selber eine Schmach und eine Wunde. In Wirklichkeit ist dieses SS-Kapitel doch ein Klacks: Es ist doch gar nichts, dass er als 17-Jähriger im letzten Dreivierteljahr des Krieges eingezogen wurde. Was anderes ist es, wenn jemand 1938 zur SS geht. Das ist der Punkt. Es werden Sachen durcheinander geworfen. Das Wort SS wird als Reizwort genommen. Grass hat recht, wenn er sagt, dass er als Person jetzt wirklich schlecht behandelt wird. Er ist einer der großen Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, er hat sich große Verdienste erworben, nicht nur durch sein literarisches Werk, sondern auch durch seine Art und sein Leben. Er war immer ein Beispiel für Zivilcourage, für Nichtopportunismus. Natürlich hat er sich auch geirrt, wie wir alle. Ihn so zu behandeln, ist ein Armutszeugnis.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Empörung Ihrer Meinung nach so groß?

Schindel: Weil er sozusagen eine moralische Instanz war - und eine moralische Instanz darf in Deutschland, diesem Tugendland, keine Fehler haben. Wir anderen dürfen Fehler haben und können die unangenehmen Dinge unseres Lebens verschweigen. Macht doch jeder von uns. Aber ein Vorbild muss makellos sein, ein richtiger Tugendbold. Das ist er natürlich nicht, er ist ein Schriftsteller mit allen Widersprüchen.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn die Frage nicht gerechtfertigt, warum Grass so lange nichts gesagt hat?

Schindel: Wenn das nicht so gehässig ablaufen würde, hätte ich auch gern gewusst, warum er sich so lange Zeit gelassen hat. Aber nicht als Vorwurf, sondern: Was waren deine Gründe? Dann hätte er vielleicht sagen können: Ich habe ohnehin genug Gegner, ich wollte ihnen nicht in die Hände spielen, sondern wollte warten, bis ich mir das leisten kann. Das ist doch menschlich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie das nächste Mal Grass treffen - was werden Sie ihm sagen?

Schindel: Respekt.

Das Interview führte Björn Hengst

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