Interview mit Sönke Wortmann "Auch eine Niederlage ist großes Kino"

Sönke Wortmann, 46, dreht einen Dokumentarfilm über den Auftritt der deutschen Mannschaft bei dieser WM. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sprach der Regisseur über Tränen nach dem verlorenen Italien-Spiel, den Star der Weltmeisterschaft und was nun aus seinem Projekt wird.


SPIEGEL ONLINE: Herr Wortmann, haben Sie nach dem Spiel gegen Italien geweint?

Wortmann: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Stimmung auf der Ersatzbank?

Oliver Neuville, Sönke Wortmann und Bernd Schneider: "Ich hatte keine Kraft mehr, die Kamera aufzuheben"
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Wortmann: Wohl genauso wie bei der Mannschaft auf dem Spielfeld und auch im Publikum: Eine große Trauer ist ausgebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Hoffnung auf ein Elfmeter-Schießen?

Wortmann: Ich fand das Spiel so spannend, dass ich da gar nicht drüber nachgedacht habe. Jederzeit konnte noch ein Tor fallen - auf beiden Seiten, es ging ja hin und her.

SPIEGEL ONLINE: Und nebenbei haben Sie noch gefilmt?

Wortmann: Ich habe während des Spiels viel gefilmt, aber als das Tor fiel, hatte ich keine Kraft mehr, die Kamera aufzuheben. Erst bei der Ehrenrunde und dann in der Kabine war ich dazu wieder fähig.

SPIEGEL ONLINE: 'Das Drehbuch für den Film schreibt die WM', haben Sie gesagt. 'Stuttgart, Stuttgart, wir fahren nach Stuttgart' - hört sich aber irgendwie komisch an. Deutschland wird nicht Weltmeister. Aber wird Ihr Film dann noch großes Kino?

Wortmann: Auch eine Niederlage kann großes Kino sein. Es ist hoch dramatisch, wenn man kurz vor Erreichen des großen Ziels scheitert. Aber es ist natürlich die Frage, ob die Verleiher das auch so sehen. Mal gucken, was die kommenden Tage bringen und wie die Stimmung sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird der Film fertig?

Wortmann: Im Herbst. Ich will ihn aber auch nicht um jeden Preis in die Kinos peitschen. Die große Frage wird sein, ob die Leute auch noch später bereit sein werden, dafür an den Kinokassen Geld zu zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Drehen Sie am Samstag auch noch? Wieviel Material haben Sie jetzt zusammen?

Wortmann: Bislang habe ich rund 80 bis 90 Stunden zusammen, auch das Spiel am Samstag werde ich auf jeden Fall mitnehmen. Aber ich habe keine Ahnung, ob ein Spiel um Platz drei dann im Film noch eine Rolle spielen wird.

SPIEGEL ONLINE: Was spendet Ihnen Trost?

Wortmann: Dass durch die Arbeit von Jürgen Klinsmann und seinem Stab so viel erreicht wurde. Aber die Italiener waren eben auch sehr gut. Es war das Halbfinale einer WM - und so was kann man schon mal verlieren. Aber was bleibt, wird sehr positiv sein - für den Fußball und das Land.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich selbst als Motivationstrainer der Mannschaft betätigt, indem sie den Spielern kleine Videoclips vor den Spielen zeigten.

Wortmann: Ich wollte mich nicht aufdrängen, wurde aber von Klinsmann vor dem ersten Spiel gefragt, ob ich nicht so ein Filmchen zusammen schneiden kann. Das kam dann so gut an, dass ich es immer wieder machen musste und es auch gerne gemacht habe. Es war eins der vielen Rituale.

SPIEGEL ONLINE: Was haben sie Ballack, Lehmann und Co. vor dem letzten Spiel gezeigt?

Wortmann: Diesmal waren es Szenen aus dem Spiel gegen Argentinien - einschließlich des Elfmeter-Schießens. Unterlegt war das Ganze mit der Filmmusik aus "Fluch der Karibik" mit Johnny Depp.

SPIEGEL ONLINE: Elegische Filmmusik nach Eminem und Xavier Naidoo?

Wortmann: Naja, es waren eher die fetzigen Sachen. Es ist schon eine mitreißende, emotionale Untermalung gewesen.

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SPIEGEL ONLINE: Sie hatten mit den Spielern ein Zeichen vereinbart, wenn sie allein sein wollten und sie nicht der Kamera verfolgen sollten. Kam jetzt dieser Moment?

Wortmann: Nein. Es hat mich sehr gefreut, dass sie mich nachher nicht aus der Kabine geschickt haben - trotz ein paar Tränen. Ich war zwar etwas schüchtern, aber die Spieler zeigten auch in diesem Moment Größe.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für Sie einen Star dieser WM?

Wortmann: Für mich war das die deutsche Mannschaft, die für mich den attraktivsten Fußball gespielt hat.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zum Confederations Cup 2005 sah man bei allen Mannschaften bei dieser WM aber kaum eine Fortentwicklung des Fußballs.

Wortmann: Im vergangenen Jahr ging es ja auch nicht um alles und man konnte befreit aufspielen. Allerdings gab es jetzt auch hohes taktisches Niveau zu sehen. Zum Beispiel Deutschland gegen Argentinien, und jetzt auch bei Italien wieder. Das waren schon Mannschaften auf Augenhöhe.

SPIEGEL ONLINE: Italien steht also verdient im Finale?

Wortmann: Es tröstet mich ein wenig, dass die Italiener sehr gut gegen die Deutschen gespielt haben. Das war eine starke Vorstellung - und wer in Dortmund gegen eine sehr gute deutsche Auswahl gewinnt, steht verdient im Finale.

SPIEGEL ONLINE: Also werden Sie auch in Zukunft noch Italienisch essen gehen?

Wortmann: Na klar. Ich fahre da auch wieder in den Urlaub hin.

Das Interview führte Lars Langenau

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