Interview mit Sonya Kraus "Ich, eine Sexgöttin?"

Sie ist nur auf den ersten Blick die blondeste Blondine im deutschen Fernsehen: SPIEGEL ONLINE sprach mit der TV-Moderatorin Sonya Kraus ("Talk Talk Talk", "Die Alm") über ihr Image als Sexbombe, das emanzipierte Spiel mit Erotik und die inflationäre Nacktheit im Fernsehen.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Kraus, "auf der Alm, da gibt's koa Sünd", behauptet der Volksmund. Ihr dralles Dirndl-Outfit im neuen Reality-Format "Die Alm" lässt da aber ganz andere Schlüsse zu.

Sonya Kraus: Natürlich spiele ich mit dem Klischee, dass die Alm eine sündenfreie Zone ist. Wir haben beim Outfit ganz bewusst überzogen und alles möglichst stark verkitscht. Jetzt komme ich als eine Art bayerische Barbie rüber, und ich finde das ganz okay.

SPIEGEL ONLINE: Provokante Outfits sind auch bei "Talk Talk Talk" Ihr Markenzeichen und dienen nach eigener Aussage "dem hemmungslosen Einsatz weiblicher Waffen".

Kraus: Warum auch nicht? Um diese Outfits hat sich ein regelrechter Kult entwickelt. Vor allem junge Frauen sind sehr daran interessiert, welchen Fummel ich gerade trage. Nachdem das Zuschauer-Telefon während der Sendung mehrfach zusammengebrochen ist, haben wir im Internet sogar ein Styling-Forum eingerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Reduzieren Sie sich nicht auf den Typ "blonde Sexbombe"?

Kraus: Das sehe ich nicht so. Es ist doch schade, dass Frauen, die sich sexy anziehen, gleich als minderbemittelt dastehen. Für mich ist die Tatsache, dass ich mich so anziehen kann, ein Ausdruck westlicher Freiheit. Dafür bin ich jeden Tag aufs Neue dankbar. Wir Frauen können heute tun und lassen, was wir wollen - das ist doch großartig!

SPIEGEL ONLINE: Alice Schwarzer würde das sicher anders sehen.

Kraus: Letztlich haben Emanzen wie Frau Schwarzer doch genau dafür lange gekämpft. Ich bin ein großer Fan von ihr. Meine Art von Feminismus ist einfach moderner entwickelt. Ich bin völlig unabhängig, verdiene mein eigenes Geld. Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet für mich auch eine Art von Macht und Freiheit. Deshalb gehöre ich aber nicht zu den Frauen, die sich gleich wehren, wenn ihnen ein Mann die Tür aufhält

SPIEGEL ONLINE: Sie kokettieren auf dem Bildschirm sehr mit dem Blondinen-Image - Selbstironie oder Rechtfertigung?

Kraus: Nein, ich bin zwar durchaus eine verstärkte Blondine, aber rechtfertigen muss ich nichts. Ironie ist sicher auch im Spiel, und da ich mich selbst nicht so wichtig nehme, kann ich auch über mich selbst lachen. Häufig fragen mich die Leute, wie ich den Spagat schaffe zwischen dem Mädel, das bei "Do It Yourself" bis zu den Ellbogen im Bauschlamm steckt, und der hochgetrimmten Tussi bei "Talk Talk Talk".

SPIEGEL ONLINE: Ihre Antwort?

Kraus: Frauen haben mehrere Persönlichkeitsfacetten.

SPIEGEL ONLINE: Von denen ist aber wenig zu sehen, wenn sich immer mehr Frauen zwecks Medienkarriere einfach nur ausziehen.

Kraus: Das ist legitim. Nacktheit ist doch etwas ganz Natürliches. Und dass wir heute die Freiheit genießen, uns so zu zeigen, wie Gott uns schuf, spricht für eine liberale Gesellschaft. Gerade der weibliche Körper ist etwas so Schönes, und ich gestehe gerne, dass ich "Playboy"-Guckerin und damit ein Frauenfan bin.

SPIEGEL ONLINE: Schadet es den Frauen nicht, wenn sie ihre Nacktheit so offensiv einsetzen?

Kraus: Nein, was ich viel schlimmer finde, sind Formate wie "Der Bachelor", wo sich zehn Frauen gegen Geld für einen angeblichen Millionär prostituieren. Da ist mir dann jeder Softporno lieber. Natürlich gibt es eine gewisse Inflation der Nacktheit. Jedes Mäuschen, das ins "Big Brother"-Haus rennt, zieht sich erst mal aus. Wer so handelt, verkauft sich einfach zu billig. Trotzdem würde ich diese Frauen nicht verteufeln, wie das die selbst ernannten Sittenwächter machen, die heimlich in den Swingerclub rennen. Das finde ich extrem eklig.

SPIEGEL ONLINE: Der "Playboy" hat von Ihnen ein Nein kassiert, "Maxim" bekommt allerdings Bikini-Fotos. Ist das nicht ein Widerspruch?

Kraus: Ich will keine Rollkragen-Pullis tragen, werde mich also auch nicht verstecken. Weil mein eigenes Schamgefühl aber bei der Brustwarze anfängt und beim Schambein aufhört, ziehe ich mich eben nicht für ein Magazin aus. Ich finde ganz nackt auch gar nicht so sexy. Die Dosierung macht's - wie beim Kuchenbacken. Im Bikini aber zeige ich mich auch am Strand, warum dann nicht auch in einem Magazin - noch dazu, wo es meine eigene Kollektion ist?

SPIEGEL ONLINE: Wie eitel sind Sie eigentlich?

Kraus: Ich bin professionell eitel, das heißt, dass ich erst einmal meine Fassade renovieren lasse, bevor ich mich ins Scheinwerferlicht stelle. Ich liebe das Aufhübschen und Tricksen sogar, weil man in solchen Momenten eine wunderbare Metamorphose durchmacht.

SPIEGEL ONLINE: Die aber vielen Frauen ein schlechtes Gefühl geben dürfte, weil für sie das Ideal der Sexgöttin unerreichbar bleibt.

Kraus: Ich, eine Sexgöttin? Wir wollen mal nicht übertreiben. Im Übrigen gebe ich genau deswegen öffentlich zu, dass ich falsche Wimpern, Haarteile, Kontaktlinsen, portable Tittchen und einen Bauch-Weg-Gürtel benutze. Ich sage den Frauen: Was ihr dort seht, das ist nichts anderes als eine Illusion - getüncht, geklebt, getackert und aufgemotzt.

SPIEGEL ONLINE: Diese Offenheit teilen die wenigsten Ihrer Kolleginnen.

Kraus: Das kann ich nicht verstehen. Ich bin auch bekennende Silikonträgerin, nur dass ich das Silikon nicht unter, sondern über der Haut trage. Und wenn mit 45 mein Gesicht bis aufs Dekolletee hängt, dann wird eben auch geschnibbelt und gezurrt, dann lasse ich mich liften. Es ist doch lächerlich, wenn Promis, nach ihren Schönheitsrezepten gefragt, antworten: "Ich pflege mich gut, und ich ernähre mich makrobiotisch." Was für ein unglaublicher Blödsinn! Vielleicht haben die aber einfach nur Angst, dass die Illusion ganz auf der Strecke bleiben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Eine Illusion, die Sie mit Ihrem Heimwerker-Format bewusst zerstören wollen?

Kraus: Ich brauche diese Abwechslung und habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich bin sehr stolz auf dieses Format, weil wir die Ersten waren, die eine solche Show gemacht haben. Ich war mir von Anfang an sicher: Das wird ein absoluter Knüller. Ich habe meinen Chefs lange in den Ohren gelegen, aber auf das Blondchen wollte erst mal keiner hören. Dabei liegt doch auf der Hand, dass im Land der Häuslebauer eine Heimwerker-Sendung ein Muss ist!

SPIEGEL ONLINE: Träumen Sie manchmal von einem hochseriösen Format? Im Stil von "Maischberger" etwa, wo das Äußere eine untergeordnete Rolle spielt?

Kraus: Oh Graus! Ich will nicht seriös sein. Seriös hört sich an wie scheintot. Ich stehe für Unterhaltung, und sicherlich habe ich den Einstieg ins Fernsehen, das nun einmal ein visuelles Medium ist, durch mein Äußeres geschafft. Meinen Erfolg erklärt das aber nicht, es gibt viel attraktivere Frauen als mich. Meine Stärken sind meine Teamfähigkeit, meine unkomplizierte Art und die Tatsache, dass ich ein fleißiges, emsiges und diszipliniertes Lieschen bin. Auf diese Weise habe ich mir langsam, aber sicher immer mehr Sendezeit ergattert. "Do it yourself" ist sicher das härteste Format im deutschen Fernsehen. Wir arbeiten sechs Tage die Woche bei Wind und Wetter. Das soll mir erst mal einer nachmachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen toll aus, können Parkett verlegen und Decken streichen. Kriegen die Männer da nicht Angst?

Kraus: Nein, dazu besteht auch kein Grund. Ich glaube, dass ich eine sehr warmherzige und offene Person bin. Und solange ein Mann mich nicht körperlich bedrängt, muss er auch keine Angst haben, dass ich beiße.

Interview: Andreas Kötter



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