Proteste gegen "GNTM" "Heidi Klum setzt unsere Kids unter Druck"

Neun Jahre "Germany's Next Topmodel sind genug", findet die Lobbygruppe Pinkstinks und mobilisiert zur Demo gegen die ProSieben-Show. Zum Start der neuen Staffel erklärt die Sprecherin der Organisation, warum Heidi Klum besonders sehr junge Mädchen stresst und was man dagegen tun kann.

Christina Palitzsch

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Schmiedel, Ihre Organisation Pinkstinks entwickelt Kriterien für ein Gesetz gegen geschlechtsdiskriminierende Werbung, organisiert Kampagnen gegen sexistische Produkte - und auch gegen das Frauenbild in "Germany's Next Topmodel", dessen neunte Staffel am Donnerstagabend auf ProSieben startet. Sie wollen zum Finale eine Demonstration gegen die Castingshow machen. Aber Sie verraten nicht, wo und vor allem wann genau…

Stevie Meriel Schmiedel: Es wird am Rudolfplatz in Köln sein, wo ProSieben sitzt. Wann genau, können wir noch nicht sagen, denn der Sender hat den Termin im Mai noch nicht festgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht? Haben die etwa Angst vor feministischen Protesten?

Schmiedel: Das kann schon sein. Beim letzten Finale standen ja plötzlich zwei Aktivistinnen von Femen auf der Showbühne. Und unser Protest ist dem Sender auch bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie denn zum Staffelstart ProSieben einschalten?

Schmiedel: Natürlich! Ich muss ja mitreden können. Außerdem bin ich es gewohnt, mich da durchzuquälen - ich habe an der Uni lange zu dem Thema unterrichtet, da habe ich mit meinen Studentinnen und Studenten immer wieder Heidi Klum geschaut.

SPIEGEL ONLINE: Unterrichtet? Was und wen unterrichtet man bitteschön in Sachen "GNTM"?

Schmiedel: Ich hatte an der Uni Hamburg und an der Fachhochschule oft angehende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die in ihrer Arbeit damit konfrontiert sind, dass Jugendliche sich abwerten und dissen, weil sie nicht den Schönheitsidealen entsprechen. Mit denen habe ich die Sendungen analysiert.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin sollen in dieser Staffel auch Models aus der Show fliegen, weil sie zu dünn sind.

Schmiedel: Offensichtlich will ProSieben so auf die Proteste gegen den Magerwahn reagieren. Das bringt aber nicht viel - das gängige Schönheitsideal bleibt ja trotzdem bei Frauen, denen Größe 32 oder 34 passt. Frauen, die bei Heidi Klum fliegen, weil sie zu dünn sind - das dürfte dann wohl an die Grenze der Magersucht gehen.

Zur Person
  • S. Fischer/ Gunter Glücklich
    Die Deutsch-Britin Stevie Meriel Schmiedel, 42 Jahre, ist Dozentin für Genderforschung und lehrte zuletzt an der Universität Hamburg und der Hochschule für Soziale Arbeit. Die Mutter zweier Töchter gründete die deutsche Sektion der feministischen Lobbyorganisation Pinkstinks im Jahr 2012, weil sie sich zunehmend über die Frauenrollenbilder in Werbung und TV-Produktionen geärgert hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie werfen der Sendung vor, sie sei sexistisch. Weil darin junge Frauen sexy aussehen sollen?

Schmiedel: Bei Sexismus denken viele, es ginge um Sex oder Sexyness. Tatsächlich geht es um die Abwertung eines Geschlechts. Wir haben kein Problem mit wenig Kleidung, wir haben ein Problem damit, dass nur die wenig Kleidung tragen dürfen, die einem Barbie-Bild entsprechen. Wenn das zu dem Idealbild wird, dem alle Frauen nacheifern, dann bedeutet das natürlich eine Form der Unterdrückung von Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Dagegen setzen Sie den Slogan "Top ohne Model"?

Schmiedel: Genau. Die Maße, die bei "Topmodel" gefordert sind, können gerade mal zwei Prozent der Frauen aufweisen. Die Botschaft der Sendung ist aber, dass jede es werden kann, wenn sie sich nur richtig anstrengt.

SPIEGEL ONLINE: Aber gibt es nicht unter den Teenies, die die Sendung schauen, auch eine ironische Distanz zu so einem TV-Format? Man schaut es, aber findet es eigentlich doof und peinlich?

Schmiedel: Selten. Wir machen viel Theaterarbeit an Schulen und sprechen ständig mit den Mädchen, die das schauen. Da stellen wir fest, dass nur die Schlanken die Möglichkeit haben, eine ironische Distanz einzunehmen, weil sie eben kein Problem damit haben. Mädchen, die nicht dem Ideal entsprechen, gehen aus Angst zum Teil nicht mehr zum Sportunterricht.

SPIEGEL ONLINE: Das sind Ihre Erfahrungen - aber ist eine solche Tendenz auch statistisch festzustellen?

Schmiedel: 2006 ergab die "Bravo-Studie" noch, dass sich dreißig Prozent der 16- bis 17-jährigen Mädchen nicht wohl in ihrem Körper fühlen. Im Jahre 2012 waren es schon über fünfzig Prozent. Eine Studie der Medienforscherin und Pädagogin Maya Götz von 2012 hat ergeben, dass "GNTM" das Körperbild von Kindern und Jugendlichen stark prägt.

SPIEGEL ONLINE: Von Kindern auch?

Schmiedel: Natürlich! Beim Finale der bisherigen Staffeln sitzen ja vor allem Zehn- bis Zwölfjährige und jubeln. Die tollen Shootings an exotischen Locations, die schönen Klamotten, Heidi Klum als ältere beste Freundin - das spricht gerade die Traumwelt sehr junger Mädchen an, die sich vorstellen, wie es sein könnte, sich zum ersten Mal aus dem Elternhaus herauszuwagen. Aber es ist ja nicht nur Heidi Klum. Um "Germany's Next Topmodel" herum gibt es eine Merchandising-Industrie, die Puppen mit Magertaillen und Duckface-Lippen vertreibt, die "Daja" heißen und ein Topmodel-Leben führen. Gerade die jüngeren Mädchen bis 12 oder 13 Jahre sagen uns, dass ihnen dieses Körperbild Druck macht. Die Älteren reagieren auf unsere Positionen häufiger abwehrend: 'Wieso, das ist doch ästhetisch, wo ist euer Problem?' Druck macht ihnen das natürlich trotzdem - aber es ist halt uncool, es zuzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Und wie machen Eltern ihren Kindern klar, dass nicht sie die Uncoolen sind - sondern Heidi Klum?

Schmiedel: Jedenfalls nicht einfach damit, dass sie darüber schimpfen oder es verbieten. Wir machen das meist so, dass wir uns gemeinsam die Sendung anschauen, ganz gemütlich - und danach kann man mal besprechen, was da eigentlich passiert. Wir wollen niemanden befreien oder indoktrinieren, sondern nur erklären, wie es den Mädchen zunehmend geht in dieser Medien- und Werbewelt.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nicht, dass Eltern oft selbst Teil des Problems sind? Dass aus Kids prinzessinnenhafte Models werden, entspricht doch häufig dem Schönheitsideal der Eltern.

Schmiedel: Klar, auch Eltern tragen Verantwortung. Aber es haben eben auch nicht alle Eltern den Hintergrund, um kritisch mit dem Körperbild umzugehen, das ihnen medial vorgelebt wird. Deshalb wenden wir uns mit unsere Forderungen auch an die Medien- und Werbebranche.



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Das Pferd 06.02.2014
1.
So habe ich mir eine Gender-Professorin immer vorgestellt. Ist die verbohrt. Und davon alimentieren wir Massen. Dann lieber eine Alice, die ist wenigstens manchmal noch witzig. Und selbst wenn man sie auf Lebenszeit von Steuern befreien würde immer noch billiger als 146 Gender-Lehrstühle.
asdfred 06.02.2014
2.
Zitat von sysopChristina PalitzschNeun Jahre "Germany's Next Topmodel sind genug", findet die Lobbygruppe Pinkstinks und mobilisiert zur Demo gegen die ProSieben-Show. Zum Start der neuen Staffel erklärt die Sprecherin der Organisation, warum Heidi Klum besonders sehr junge Mädchen stresst und was man dagegen tun kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-stevie-schmiedel-von-pinkstinks-ueber-heidi-klum-und-gntm-a-951918.html
Find ich jetzt eigentlich nicht so dolle das da so ein Aufstand gemacht wird. Meine Frau und meine Tochter schaun das ganz. Na ja, leben und leben lassen ist scheinbar moralinsaurer Verbitterung gewichen. Als könnte wir nicht selbst entscheiden was wir schon möchten.
atech 06.02.2014
3. falscher Ansatzpunkt
Zitat von sysopChristina PalitzschNeun Jahre "Germany's Next Topmodel sind genug", findet die Lobbygruppe Pinkstinks und mobilisiert zur Demo gegen die ProSieben-Show. Zum Start der neuen Staffel erklärt die Sprecherin der Organisation, warum Heidi Klum besonders sehr junge Mädchen stresst und was man dagegen tun kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-stevie-schmiedel-von-pinkstinks-ueber-heidi-klum-und-gntm-a-951918.html
die Organisation setzt ihren Schwerpunkt falsch. Es geht doch nicht darum, dass die Show junge Mädchen unter Druck setzen könnte, sondern darum, dass die ganze Show nur dazu da ist, junge Mädchen und Frauen zum Kauf der angepriesenen Schönheitsprodukte (Produktplatzierung!) zu bewegen und ihnen einzureden, dass es im Leben nur darum geht, "schön" zu sein. Intelligenz und Charakter? - Völlig unwichtig... So verdient man aber Geld. In der Ausbildung und im Beruf ist nur erfolgreich, wer einen guten oder sehr guten Schulabschluß vorweisen kann. Und den erwirbt man nicht, wenn man denkt, dass schlank werden oder bleiben für sich genommen schon eine Leistung wäre. Oder dass x-beinig über den Catwalk zu stolzieren eine "Challenge" (Herausforderung) wäre. Ein Abitur mit 1,0 zu schaffen ist eine Herausforderung. Mit GNTM wird ein völlig falsches und unzeitgemäßes Frauenbild transportiert. Das des unterwürfigen Weibchens, das widerspruchslos die absurdesten Anweisungen umsetzt und auf Knopfdruck lächelt. Das sollte die Organisation thematisieren. Dass "Models" in der Regel nicht viel verdienen (im Gegensatz der bei Heidi Klum gezeigten Glamour-Welt) und mißbraucht und ausgebeutet werden. Ob es das ist, was junge Mädchen wollen? Oder doch lieber ein gutes Abitur machen, studieren, einen Beruf ergreifen und in jeder Hinsicht - auch finanziell - unabhängig sein?
glen13 06.02.2014
4.
Zitat von sysopChristina PalitzschNeun Jahre "Germany's Next Topmodel sind genug", findet die Lobbygruppe Pinkstinks und mobilisiert zur Demo gegen die ProSieben-Show. Zum Start der neuen Staffel erklärt die Sprecherin der Organisation, warum Heidi Klum besonders sehr junge Mädchen stresst und was man dagegen tun kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-stevie-schmiedel-von-pinkstinks-ueber-heidi-klum-und-gntm-a-951918.html
"Sozialarbeiter hatten Jugendliche, die wegen Äußerlichkeiten "gedisst" wurden." Was sollen Sozialarbeiter sonst für Kundschaft haben? Selbst wenn ihr alle Schönheitsshows und "mein kleines Pony" und "Barbie" abschafft, wird immer noch kein Mann oder keine Frau einen hässlichen Zeitgenossen schön finden. Das hat überhaupt nichts mit dem Geschlecht zu tun. Femen sollte mal bei den Männer Body Building Wettbewerben demonstrieren. Man kann Realitäten nicht einfach wegdiskutieren.
longhoishong 06.02.2014
5.
Besonders passend in diesem Zusammenhang finde ich die Werbung für den flachen Bauch neben dem Artikel ;)
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