SPIEGEL ONLINE: Ihre aktuelle Serie "Treme" spielt in New Orleans - große Teile der Stadt sind noch zerstört, Korruption und Gewalt sind kaum in den Griff zu bekommen. Warum bleiben die Einwohner dort?
Simon: New Orleans ist eine postapokalyptische Stadt, es gibt objektiv keinen guten Grund dort zu leben. Nach Hurrikan "Isaac" gab es Leute, deren Haus zum fünften Mal zerstört wurde - und doch wollten sie es wieder aufbauen. New Orleans hat die korrupteste Polizei in den gesamten USA, das schlimmste Schulsystem des Landes und eine zutiefst korrupte politische Elite. Aber die Stadt hat auch etwas, was nur wenige Orte in den USA haben - eine kulturelle Tradition, die lebendiger Teil des Alltags ist und echtes Gemeinschaftgefühl. Vor "Katrina" waren 77 Prozent der Einwohner von New Orleans auch dort geboren. Eine ungeheure Zahl in einem Land, in dem niemand mehr irgendwo verwurzelt ist. Die Kultur ist das Einzige, was die Stadt am Leben hält. Die Kultur ist die Währung von New Orleans.
SPIEGEL ONLINE: Die erste Staffel von "Treme" spielt 2005 und wurde Ende 2008 gedreht - mitten in der Finanzkrise. Was hat sie mit der Gegenwart zu tun?
Simon: Die Serie ist eine Allegorie auf das Amerika unserer Zeit. Was in New Orleans 2005 geschah, war nur eine Vorahnung dessen, was mit dem ganzen Land, ja der ganzen westlichen Welt drei Jahre später passiert ist: der Systemzusammenbruch. "Treme" untersucht, womit die Menschen sich wappnen, wenn alles, was sie schützen soll, wegfällt und sie komplett auf sich alleine gestellt sind. Die Leute von New Orleans haben drei Jahre vor dem Rest des Landes begriffen, dass ihnen niemand hilft, wenn es hart auf hart kommt.
SPIEGEL ONLINE: 2008 wurde Obama gewählt - gilt Ihre düstere Sicht auch für seine Amtszeit?
Simon : Als Obama ins Amt kam, hat die Staatsanwaltschaft Bürgerrechtsfälle aufgerollt, um die sich jahrelang kein Mensch gekümmert hat. Dieselben Leute, die sich vorher ausschließlich um Verbrechen durch Schwarze gekümmert hatten, untersuchten plötzlich Übergriffe der Polizei während "Katrina" und danach. Wirklich frappierend.
SPIEGEL ONLINE: Und das ist direkt Obama zu verdanken?
Simon: Es hatte zuallererst mit dem hervorragenden investigativen Journalismus von A.C. Thompson zu tun, einem Reporter von Pro Publica, der diese Vorfälle aufgedeckt hat. In der dritten Staffel haben wir eine Figur, die an ihn angelehnt ist. Es ist belegt, dass zuvor Staatsanwälte unter Bush dafür gefeuert wurden, wenn sie Bürgerrechtsklagen verfolgt haben. Jetzt haben wir sieben Bürgerrechtsklagen in New Orleans und vier Verurteilungen. Vor dem 4. November 2008 gab es keine einzige Anklage.
SPIEGEL ONLINE: Das ist recht trockene Politik. Haben die eher mäßigen Quoten von "Treme" auch damit zu tun, dass Sie solche Stoffe in ein TV-Drama packen?
Simon: Ich habe kein Talent für das große Quoten-Melodram. Die Geschichte des einsamen Wolfes, der sich gegen alle Widerstände auflehnt, wäre vielleicht die klassische Form, so etwas zu erzählen. Aber sie würde nicht viel über die Realität aussagen. Das Comeback von New Orleans vollzieht sich langsam und schmerzhaft und ist die Leistung von vielen normalen Menschen. Die einfachen Leute, die ihre Stadt nicht aufgegeben haben nach "Katrina", sind die Helden von New Orleans. Alle anderen haben versagt. Deshalb zeigt "Treme" alltägliche Menschen mit ihren alltäglichen Kämpfen - also New Orleans von unten, keine Bürgermeister, keinen Polizeichef, keine einsamen Kung-Fu-Gerechtigkeitskämpfer.
SPIEGEL ONLINE: Was hat sich durch Obama in New Orleans noch verändert?
Simon: Es flossen endlich die Gelder, die für New Orleans bewilligt worden waren - was leider sofort die Profiteure auf den Plan gerufen hat. Unglaublich viel Geld ist spurlos in den Taschen von Unternehmen verschwunden, die absolut nichts gemacht haben. Man kann bis heute nicht nachvollziehen, wo es genau gelandet ist. Es ist in den USA die gleiche Geschichte wie in Haiti oder im Irak.
SPIEGEL ONLINE: Oder an der Wall Street und in Washington?
Simon: Unser System funktioniert hervorragend, wenn es darum geht, schnelle Profite zu erzielen - losgelöst von jeglichem greifbaren Resultat in der realen Welt. An der Wall Street passiert das seit 50 Jahren. Mittlerweile bestimmt es aber unsere gesamte Wirtschaft und unser gesamtes Leben. Die moralische Leere im Zentrum des US-Systems resultiert aus der Verwechslung von Kapitalismus und Politik. Kapitalismus ist aber kein soziales Regelwerk, sondern ein ökonomisches Werkzeug. Kaufen und Verkaufen alleine verändert nichts. Wir lösen unsere Probleme nicht, indem wir nur den richtigen Preis für alles suchen. Dieses Denken ist eine unglaubliche Perversion, der wir seit 1980 verfallen sind. Ich bin zwar kein Marxist, aber ich denke, dass niemand die Kapitalismuskritik von Marx und Engels bislang erfolgreich widerlegt hat.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich in der Occupy-Bewegung engagiert?
Simon: Engagiert wäre zu viel gesagt - aber ich habe sehr große Sympathien für sie und bin sehr stolz auf den Impuls, der dahinter steckt. Es ist nur schade, dass der Auftritt der Bewegung nur einen Akt lang dauerte. Protest ist gut und wichtig - aber er muss irgendwann in Macht umgewandelt werden. Oder in Geld, mit dem man in unserer Kultur Macht kaufen kann.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Occupy-Leute überhaupt irgendetwas erreicht?
Simon: Sie haben klar gemacht, dass es sehr viele Leute gibt, mit denen unsere Politiker nicht reden. Wirtschaftliche Entwicklung muss an sozialen Fortschritt gebunden sein. Das haben die Occupy-Aktivisten hervorragend zum Ausdruck gebracht. Nur leider können sie ihre Regierung nicht für einen ähnlich hohen Preis kaufen, wie das Kapital ihn bietet. Aber hier zu sitzen und darüber zu lamentieren, hilft niemandem. Sollen wir nicht lieber rausgehen und einen Ziegelstein werfen?
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht später. Sie waren ja investigativer Journalist, bevor Sie TV-Serien geschrieben haben. Haben Sie mit "The Wire" und "Treme" die richtige Form gefunden, um ihre Botschaften ans Volk zu bringen?
Simon: Unbedingt. Ich erzähle in "Treme", wozu wir Amerikaner als urbanes Volk fähig sind, mit welchen Widerständen wir zu kämpfen haben - und um wie viel es bei all dem geht. Es ist mein bisher reifstes politisches Werk. Wenn ich allerdings an die Schwierigkeiten denke, die wir hatten, überhaupt die vierte - ja ohnehin verkürzte - Staffel zu drehen und die Geschichte damit zu Ende zu erzählen, frage ich mich schon, wie effektiv ich bin. Aber ich will nicht jammern. Wir haben gewusst, dass wir mit dem Konzept gegen den Markt arbeiten. Im Grunde ist es ein Wunder, dass es "Treme" überhaupt gibt.
Das Interview führte Sebastian Moll
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