Interview mit Tracey Emin "Ich bin aufregend, na und?"

Die britische Star-Künstlerin Tracey Emin über ihr Image als glamouröses Bad Girl und ihre neue Liebe zum Luxus.


Künstlerin Emin: "Nacktheit ist nichts Verwerfliches"

Künstlerin Emin: "Nacktheit ist nichts Verwerfliches"

SPIEGEL:

Mrs. Emin, Ihre Werke erzählen Geschichten aus Ihrem Leben, Einzelheiten über Ihre Sexerlebnisse als Teenager oder Ihre zahlreichen vergangenen Liebhaber. Wie fühlen Sie sich als gläserner Mensch?

Emin: Alle glauben inzwischen, Tracey Emin durch und durch zu kennen. Aber das stimmt nicht. Ich habe mich nie völlig preisgegeben, ich habe nur einige meiner Lebenserfahrungen mitgeteilt.

SPIEGEL: Drastische Erfahrungen, an denen die britische Nation offenbar lustvoll Anteil nimmt ...

Emin: ... das Interesse an meiner Person ist manchmal geradezu makaber. Meine Katze Docket ist vor ein paar Tagen weggelaufen, und die Journalisten klopften sogar nachts an meine Tür, um mich zu fragen, was aus ihr geworden sei. Und als sie jetzt wieder auftauchte, wurde das in den Fernsehnachrichten gemeldet. Das muss man sich vorstellen: Afghanistan wird von einem Erdbeben erschüttert, Tausende von Menschen sind gestorben ­ und die kümmern sich um meine Katze.

SPIEGEL: Sind die Briten besonders voyeuristisch?

Emin: Nicht mehr als die Deutschen. Aber es gibt einen anderen Grund für dieses exzessive Interesse an Künstlern. Großbritannien hatte, trotz Turner und Bacon, nie eine ernst zu nehmende Tradition in der bildenden Kunst. Und plötzlich, vor ein paar Jahren, ist die Kunstszene des Landes wirklich wichtig geworden. Darauf sind hier alle stolz, ob sie nun Kunst mögen oder nicht. So wie sie auf den britischen Fußball stolz sind.

SPIEGEL: Sie entsprechen offenbar gern dem Image des glamourösen Bad Girls: Sie haben jahrelang kaum eine Party versäumt und sich in den Kleidern von Vivienne Westwood für Modemagazine oder sogar in eleganten Dessous fotografieren lassen. Sind Sie inzwischen so sehr als Vamp bekannt, dass man Sie als Künstlerin nicht mehr allzu ernst nimmt?

Emin-Installation "My Bed" (1999): Bruchstücke einer Skandalbiografie
REUTERS

Emin-Installation "My Bed" (1999): Bruchstücke einer Skandalbiografie

Emin: Ich bin glamourös, ich bin aufregend, ich bin abenteuerlich, na und? Ich genieße es. Picasso hatte ja auch einen extrem glamourösen Lebensstil. Es gibt natürlich Künstler, die freitagnachts in ihren dreckigen und kalten Ateliers zusammenhocken und sich nach den alten Zeiten sehnen, als Düsseldorf noch das Zentrum der zeitgenössischen Kunstwelt war. Sie regen sich darüber auf, dass junge Menschen an tollen, schicken Outfits und Filmpremieren interessiert sind. Warum zum Teufel sollte ich auch so frustriert leben? Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht auch eine gute Künstlerin sein kann.

SPIEGEL: Es ist ja nicht so, dass Ihre Kunst nicht auch für Wirbel sorgt: Als Sie 1999 für den Turner-Preis nominiert wurden, haben Sie für die Ausstellung in der Tate Gallery Ihr Bett zum Kunstwerk erklärt. Gewonnen hat den Preis zwar der Videokünstler Steve McQueen, aber die Welt sprach nur von Ihrem Werk "My Bed" ­ das Sie anschließend für 150 000 Pfund verkauften. War die Teilnahme trotz der Niederlage also ein Erfolg?

Emin: Nein. Viele Künstler, die für den Turner-Preis nominiert wurden, waren zuvor unbekannt. Ich war bereits bekannt. Ich hatte mehr Aufmerksamkeit als genug, und ich hatte inzwischen gut verdient, deshalb brauchte ich auch das Preisgeld nicht. Trotzdem war mir der Preis nicht gleichgültig. Ich wollte unbedingt gewinnen, denn ich wollte die Bestätigung des Kunst-Establishments für meine Arbeit.

SPIEGEL: Keine andere britische Künstlerin ist zurzeit so berühmt wie Sie. Weshalb ist das nicht Bestätigung genug?

Emin: Weil es eben nie um mich als Künstlerin geht. Das Haus der Kunst in München, das mir im Rahmen der Ausstellung "Prüderie und Leidenschaft" ein Kabinett zur Verfügung gestellt hat, ist das erste Museum, das mir eine Soloschau ermöglicht. In Deutschland werde ich als Künstlerin ernst genommen. In Großbritannien dagegen gibt es zwar dieses ungeheure Interesse an meinem Privatleben, aber nicht an meiner Kunst.

SPIEGEL: Kunst und Privatleben lassen sich bei Ihnen doch nur schwer trennen. In Ihren Werken geht es um Vergewaltigung, Alkohol, Selbstzerstörung, lauter Bruchstücke einer Skandal-Biografie.

Emin: Früher war das so. Meine Arbeiten haben sich aber in den vergangenen Jahren verändert, natürlich sind sie immer noch authentisch, aber mir ist heute die visuelle Qualität viel wichtiger als früher.

Kultfigur Emin: "Ich genieße den Erfolg"

Kultfigur Emin: "Ich genieße den Erfolg"

SPIEGEL: In München zeigen Sie auf Polaroids Detailaufnahmen von Ihrem nackten Körper. Das Haus der Kunst feiert die Bilder als "drastisch, provokativ und intim". Und eine Zeitung freute sich, Ihre Zeichnungen seien "obszöne Bekenntnisse". Anscheinend erfüllen Sie nach wie vor die reißerischen Erwartungen des Betriebs.

Emin: Nacktheit ist nichts Verwerfliches, es gibt gute und schlechte Aktbilder, gute und schlechte Pornografie. Wenn Künstlerinnen nicht mehr zu bieten haben, als die Beine breit zu machen, haben sie in der Kunst nichts zu suchen. Sie könnten genauso gut Prostituierte sein. Andere schaffen es, Distanz zu bewahren, eine Relevanz für das Publikum herzustellen. Wie Elke Krystufek, die sich sogar in ihren Performances direkt vor dem Publikum auszieht, ohne dass deshalb jemand weniger Respekt vor ihr als Künstlerin hätte.

SPIEGEL: Sind Künstlerinnen radikaler in der Selbstdarstellung als ihre männlichen Kollegen?

Emin: Künstlerinnen lassen sich häufig von ihrem Privatleben oder ihrer Umgebung inspirieren, und sei es, dass sie den Inhalt ihres Kühlschranks zu einem grandiosen Kunstwerk verarbeiten. Ich glaube, Männer würden gar nicht erst auf so eine Idee kommen. Die graben eher in der Kunstgeschichte nach Themen. Letztlich gibt es aber nur gute oder schlechte Kunst, keine weibliche oder männliche.

SPIEGEL: Die Briten, sagt man spätestens seit der "Sensation"-Schau von 1997, schocken gern, besonders Tracey Emin.

Emin: Es gibt eben Leute, die halten so ziemlich alles für schockierend, die zählen nach, wie oft das Wort "Fuck" in meinen Zeichnungen auftaucht, und sind sogar darüber entrüstet. Ich provoziere manchmal, aber ich will niemanden schocken. Es wäre wirklich dumm, herumzugehen und zu überlegen, wie man Leute schocken kann. Wie weit wollen solche Künstler gehen, vor allem nach dem Schock des 11. September? Müssen sie sich jetzt mindestens die Hände abschneiden, um noch jemanden aufzuregen? So bin ich nicht. Manchmal hilft meine Kunst sogar.

SPIEGEL: Wie?

Emin: Als ich das Video ausgestellt habe, in dem es um Abtreibungen ging, habe ich viele Briefe von Leuten erhalten, die sich sonst nicht für Kunst interessieren. Aber sie haben vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht und sonst keine Gelegenheit nachzuvollziehen, wie sich andere mit solchen Erlebnissen fühlen.

SPIEGEL: In dem Film sind die fiktiven Schreie Ihrer abgetriebenen Babys zu hören.

Emin: Ich versuche, Gefühle zu verbildlichen. Solche Emotionen sind der wahre Hardcore. Aber ich will einfach, dass darüber geredet wird, ebenso wie über das Thema Teenager-Sex. Es gibt in Großbritannien so viele unglückliche Eltern im Teenager-Alter. Es ist eher ein Skandal, dass darüber nicht gesprochen wird.

SPIEGEL: Ihr Kollege Damien Hirst hat vor kurzem ein Buch über seine Drogenerfahrungen und andere Exzesse herausgebracht. Eine britische Zeitung veröffentlichte ein Interview, das Sie via E-Mail mit Ihrem guten Freund David Bowie geführt haben. Auch darin ging es um Drogen.

Emin: Ich habe nie Drogen genommen ...

SPIEGEL: David Bowie hat eingeräumt, früher jede Menge davon konsumiert zu haben. Und Sie erzählten von den Zeiten, in denen Sie zu viel Whiskey und Brandy getrunken haben. Gelten die Künstler heute als die wahren Popstars, weil sie die Einzigen sind, die sich öffentlich noch richtig schlecht benehmen dürfen?

Emin: Ich glaube nicht, dass sich die richtigen Popstars besser benehmen. Es sei denn, Sie reden über Britney Spears. Aber man muss sich doch nur mal Oasis anschauen.

Künstler Hirst: "Ich glaube nicht, dass sich die richtigen Popstars besser benehmen"
AP

Künstler Hirst: "Ich glaube nicht, dass sich die richtigen Popstars besser benehmen"

SPIEGEL: Sie selbst sind betrunken in TV-Shows aufgetreten.

Emin: Die Zeiten sind aber vorbei. Ich habe mein Leben verändert. Ich bin älter geworden und ruhiger, ich habe eine Menge meiner Probleme gelöst, ich habe aufgehört, harte Spirituosen zu trinken. Heute trinke ich nur noch Wein und Bier.

SPIEGEL: Und Sie haben inzwischen auch dem Kunstsammler Charles Saatchi verziehen. Früher haben Sie sich geweigert, mit ihm zusammenzuarbeiten, heute verkaufen Sie ihm Ihre Kunstwerke.

Emin: Ich konnte ihm jahrelang nicht verzeihen, dass seine Werbeagentur mit ihrer Kampagne für die Tories einst Margaret Thatcher zum Sieg verholfen hat. Aber Saatchi ist sehr viel mehr ein begeisterter Kunstsammler als ein gerissener Werber. Er sammelt sehr klug, und er hat viele Künstler entdeckt und unterstützt.

SPIEGEL: Und er gibt viel Geld für Kunst aus.

Emin: Er hat auch früher schon Werke von mir gekauft, aber über Zwischenhändler. Dabei hat er Geld verloren, und ich habe erst recht schlecht dabei abgeschnitten. Das habe ich nicht mehr eingesehen.

SPIEGEL: Warum ist Ihnen Geld plötzlich wichtig?

Emin: Es war mir schon immer wichtig, gerade weil ich es nie hatte. Mir ging es lange Zeit schlecht, ich war arm. Meine erste Waschmaschine konnte ich mir 1998 leisten. Ich habe mir aber irgendwann vorgenommen, nie wieder arm sein zu wollen. Auch deshalb genieße ich jetzt den Erfolg und den damit verbundenen Luxus, das Geld macht mich zu einem besseren Menschen, ich fühle mich sicherer, und ich kann mich entspannen. Wer sagt, dass Christus arm war? Er hatte doch eine ganze Schar von Dienern. Es ging ihm die meiste Zeit seines Lebens phantastisch. So wie jetzt mir.

Das Interview führte Ulrike Knöfel



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