Interview mit Uschi Glas "Werden die Alten bald weggesperrt?"

Uschi Glas gilt als ewige Sauberfrau des deutschen Films. Dass die 59-Jährige durchaus zu provozieren weiß, zeigte sie unlängst mit freizügigen Bikini-Fotos. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die Schauspielerin über Badenixen, Jugendwahn und den reinen Übermut.


Kontroverse Glas-Bilder: "Wenn die so spinnen, dann mache ich auch mit!"
Cecil Arp/ MAX

Kontroverse Glas-Bilder: "Wenn die so spinnen, dann mache ich auch mit!"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Glas, Sie stehen momentan für die ORF-Produktion "Alles Glück dieser Erde" vor der Kamera, bei der Sie eine frisch geschiedene Frau spielen, die ihre neu gewonnene Freiheit erst allmählich begreift. Machen die Parallelen zu Ihrer privaten Situation es einfacher, diese Figur zu spielen?

Uschi Glas: Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Zum einen ist mir das Drehbuch von Maximilian Krückl schon sehr lange bekannt und sollte eigentlich längst verfilmt sein. Zum anderen bin ich schließlich Schauspielerin und damit in der Lage, eine Figur zu entwickeln, egal ob es Ähnlichkeiten zu meiner privaten Situation gibt oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest zeigt die Figur, die Sie dort spielen, ähnlichen Mut zu unkonventionellen Entscheidungen wie Sie unlängst mit der viel diskutierten Foto-Serie für die Zeitschrift "Max", für die Sie sich als Badenixe im Bikini fotografieren ließen.

Glas: Diese "Max"-Geschichte ist eher zufällig entstanden. "Max" hat eine Anfrage über Home Shopping Europe gemacht, wo ich meine Kosmetik-Produkte vertreibe. Dort wiederum hat man sich gar nicht richtig getraut zu fragen, ob ich so etwas überhaupt machen würde. Die haben ganz verschämt herumgedruckst und wohl befürchtet, dass ich gleich einen Anfall bekomme. Tatsächlich aber haben mir die jungen "Max"-Leute, die meine Kinder sein könnten, einen richtigen Kick gegeben und ich habe mir gedacht, wenn die so spinnen, dann mache ich auch mit!

SPIEGEL ONLINE: Was war der Kick?

Glas: Wichtig war mir, dass jeder, der wirklich hinschaut, auch sieht, dass diese Fotos mit einem Augenzwinkern und mit einer gewissen Kessheit gemacht sind.

SPIEGEL ONLINE: Also spielen Sie auf diesen Fotos eine Uschi Glas, die mal über die Stränge schlagen möchte?

Schauspielerin Glas mit Kindern: "Ich wollte ganz sicher nicht mit den jungen Badenixen konkurrieren"
DDP

Schauspielerin Glas mit Kindern: "Ich wollte ganz sicher nicht mit den jungen Badenixen konkurrieren"

Glas: In gewisser Weise ja. So geschminkt würde ich jedenfalls im Leben nicht an den Strand gehen. Und ich wollte auch ganz sicher nicht mit den jungen Badenixen konkurrieren, sondern eben einfach nur bei einem kleinen Spaß mitmachen. Genau genommen war es nichts als der reine Übermut, zu dem ich mich habe anstacheln lassen.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie sich diesen Übermut, der Sie nun zu den Fotos getrieben hat, schon früher gewünscht, um vielleicht auch international Karriere zu machen?

Glas: Jein. Ich habe damals ja bereits in Italien gedreht oder auch in Frankreich mit Größen wie Jean Gabin, es hätte also vielleicht etwas werden können mit der internationalen Karriere. Dann aber habe ich meinen Mann kennen gelernt und musste eine Entscheidung treffen zwischen internationaler Karriere und dem Ausland, vielleicht Los Angeles, wo ich noch einmal ganz von vorne hätte anfangen müssen. Also habe ich meine Karriere hier zu Lande mehr oder weniger nebenbei betrieben.

SPIEGEL ONLINE: Und wurden zur "Sauberfrau des deutschen Films" erklärt...

Glas: Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse, dann habe ich eigentlich immer nur genau das getan, was ich zum jeweiligen Zeitpunkt für richtig gehalten habe. Dieses Unwort von der Sauberfrau, irgendwann mal geprägt von einem trostlosen Journalisten, um mir eins auszuwischen, ist irgendwie an mir kleben geblieben, vielleicht, weil ich nicht jeden zweiten Tag mit einem anderen Kollegen ins Bett gesprungen bin. Wer mich wirklich kennt, der weiß, dass dieser Begriff mich ganz sicher nicht charakterisiert.

SPIEGEL ONLINE: Das Attribut "Sauberfrau" hat man Ihnen aber auch deshalb angehängt, weil Sie Nacktheit vor der Kamera stets vermieden haben.

Glas: In den siebziger Jahren hatte ich Berge von Drehbüchern zuhause, in denen praktisch nur Stroh stand. Entscheidend war, dass man mindestens einen nackten Busen und einen nackten Po zu sehen bekam. Dieser Druck, der damals ausgeübt wurde, dieses Spielchen mitzumachen, hat mich so geärgert, dass ich mich schon aus purer Opposition geweigert habe. Die heute beinahe legendäre Szene mit der weißen Korsage in "Zur Sache, Schätzchen" ist auch so entstanden. Das war kein cleveres Kalkül, sondern einfach nur meine Verweigerungshaltung.

SPIEGEL ONLINE: Heute zieht sich jedes Filmsternchen für ein bisschen Öffentlichkeit aus. Was antworten Sie denen, die jetzt fragen, warum die Glas das mit 59 nun auch noch machen muss?

Kosmetik-Model Glas (im "Home Shopping"-Kanal): "Was mir vorschwebt ist, dass die Frauen kämpferischer werden"
DPA

Kosmetik-Model Glas (im "Home Shopping"-Kanal): "Was mir vorschwebt ist, dass die Frauen kämpferischer werden"

Glas: Zunächst mal ist es natürlich ein Unterschied, ob man ganz nackt ist oder noch einen Bikini trägt. Gerade diese Frage und diese Reaktion eines, wenn auch kleineren Teils der Öffentlichkeit sind für mich im Nachhinein noch einmal die Bestätigung, dass ich diese Fotos unbedingt machen musste. Denn das zeigt mir noch einmal ganz deutlich, wie viel Jugendwahn und Doppelzüngigkeit es in dieser Gesellschaft gibt. Wie alt darf man denn höchstens sein, um noch im Bikini am Strand zu liegen, ab welchem Alter muss man einen Badeanzug tragen, wann darf man gar nicht mehr an den Strand?

SPIEGEL ONLINE: Mit diesen Fotos setzen Sie aber auch viele Frauen in Ihrem Alter unter Druck.

Glas: Das glaube ich nicht. Dass ich mich ein wenig fit halte, darauf achte, was ich esse, und bestimmte Kosmetik benutze - ich glaube, das weiß jeder. Was mir vorschwebt ist, dass die Frauen kämpferischer werden und mehr Selbstbewusstsein entwickeln, um sich eben nicht immerzu über ihren Körper definieren zu müssen. Und selbstverständlich habe ich auch mit über 50 ein Recht an den Strand zu gehen und dort zu sitzen, wo ich möchte. Wenn diese Gesellschaft den Jugendwahn nicht in den Griff bekommt, muss man dann befürchten, dass die Alten bald alle weggesperrt werden?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie aber nicht dem Jugendwahn sogar Vorschub geleistet mit Fotos, die förmlich schreien: Seht her, ich bin zwar 59, kann aber dennoch aussehen wie 35?

Glas: Sicherlich haben Sie nicht völlig Unrecht, aber die große Zustimmung, die ich gerade auch von Menschen aller Altersklassen erfahren habe, die mit Film, Fernsehen oder Showgeschäft gar nichts zu tun haben, zeigt mir, dass ich so falsch nicht liegen kann.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie die Fotos denn auch gemacht, wenn Sie nicht mehr diese Figur hätten?

Glas: Nein, das glaube ich nicht. Schließlich will ich ja auch niemanden erschrecken. Andererseits hat mich jemand gefragt, ob ich ähnliche Fotos auch noch in zwanzig Jahren machen würde und dem habe ich geantwortet "warum nicht?" Es gibt wunderbare Fotos von älteren Menschen und selbst die Werbung begreift mittlerweile, dass das Leben nicht mit 50 aufhört.

Schauspielerin Berben: "Selbst die Werbung begreift mittlerweile, dass das Leben nicht mit 50 aufhört
DPA

Schauspielerin Berben: "Selbst die Werbung begreift mittlerweile, dass das Leben nicht mit 50 aufhört

SPIEGEL ONLINE: Gerade das Privatfernsehen allerdings tut sich mit dieser Erkenntnis noch schwer und auch Sie sind einmal Opfer des Jugendwahns geworden, als Sat.1 einen bestehenden Vertrag mit Ihnen nicht verlängerte. Finden Sie heute schwerer adäquate Rollen als noch vor zehn, fünfzehn Jahren?

Glas: Das könnte man annehmen, ist aber nicht der Fall. Wenn Sie einmal schauen, welche starken Frauenfiguren es im deutschen Fernsehen gibt, dann sind das Frauen von 50 plus, Frauen wie Hannelore Elsner, Iris Berben, Christiane Hörbiger oder Hannelore Hoger. Und eine Ruth Drexler in "Der Bulle von Tölz" macht ganz gewiss einen großen Teil des Erfolges dieser Serie aus.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Privatfernsehen und damit die größere Nachfrage nach Stoffen der Qualität des deutschen Fernsehfilms geschadet?

Glas: Ich muss natürlich etwas vorsichtig formulieren, glaube aber, dass die Öffentlich-Rechtlichen zu guter Letzt in der Summe die bessere Qualität abliefern. Dazu sehe ich sie aber nicht nur per Auftrag, sondern auch moralisch verpflichtet, denn genau genommen sind ARD und ZDF nichts anderes, als eine Art von Pay-TV.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Situation des deutschen Kinos?

Glas: Mein Herz schlägt immer schon fürs Kino und ich würde wahnsinnig gerne mal wieder einen Kinofilm machen, aber...

SPIEGEL ONLINE: ...es mangelt an guten Stoffen und gerade auch an Autorenfilmen, wie einst "Zur Sache, Schätzchen"?

Glas: Ich glaube, dass der Autorenfilm völlig verloren gegangen ist. Trotzdem gibt mir der eine oder andere deutsche Film die Hoffnung, dass es wieder etwas bergauf geht. Gerade auch, weil diese Filme durchaus an der Kasse Erfolg haben. Es nützt nichts einen anspruchsvollen Stoff zu verfilmen, den dann aber niemand sehen will.

Das Interview führte Andreas Kötter



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