Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sexismus-Debatte in Frankreich: "Wir blenden die Wirklichkeit aus"

Ein Interview von

Sexismus-Debatte in Frankreich: "Man muss laut werden" Fotos
Antonin Sabot/ Le Monde

Französische Journalistinnen haben ein Manifest gegen sexuelle Belästigung veröffentlicht, das von Politikern fordert: "Pfoten weg!" Hier spricht die "Le Monde"-Redakteurin Hélène Bekmezian über die Reaktionen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bekmezian, auf der Titelseite der Tageszeitung "Libération" haben Sie zusammen mit rund 40 Kolleginnen gefordert, dass Schluss sein müsse mit dem "schlüpfrigen Paternalismus" der französischen Politiker gegenüber Journalistinnen. Wieso haben Sie dieses Manifest gerade jetzt veröffentlicht?

Bekmezian: Es war einfach an der Zeit, laut zu werden und zu beschreiben, wie es uns Politikjournalistinnen tagtäglich ergeht. Die Idee hatte eine Journalistin der "Libération" schon vor zwei Monaten. Als sie auf mich zukam und mich bat, zu unterschreiben, zögerte ich keinen Moment, weil ich mit jeder Zeile des Textes übereinstimme. Wir hatten das Gefühl, dass wir mehr machen müssen als nur mit unseren Freunden und Familienmitgliedern über die Belästigungen zu sprechen; dass wir etwas veröffentlichen müssen, das viele Menschen wahrnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Hätte man diese Debatte nicht schon zum Zeitpunkt der Affäre um Dominique Strauss-Kahn, den früheren Chef des Internationalen Währungsfonds, der Frauen unter anderem als "Material" bezeichnet hat, anstoßen müssen?

Bekmezian: Ja, es gab auch eine kurze Debatte im Rahmen dieser Affäre. Aber nach der Parlamentswahl in Frankreich 2012 besserte sich die Lage für uns Journalistinnen zunächst: Zum einen, weil auffällige Politiker nach Strauss-Kahn eher befürchten mussten, dass ihre Namen veröffentlicht werden. Zum anderen, weil damals viele junge Abgeordnete ins Parlament einzogen, die sich nicht so sexistisch verhielten wie viele ältere. Aber mittlerweile ist es schon wieder schlimmer. Und einige Leute sagen sogar, es habe sich nichts geändert - verglichen mit der Situation vor 20 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte sich die Situation ändern?

Bekmezian: Dadurch, dass im Parlament Ausgewogenheit zwischen männlichen und weiblichen Abgeordneten herrscht. Heute sind etwa 20 Prozent der Abgeordneten Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Im Deutschen Bundestag sind es 36 Prozent.

Bekmezian: Wenn Männer fast nur mit Männern zusammenarbeiten und sich daran gewöhnen, dauernd über "Männerthemen" zu sprechen, dann geht das einfach immer so weiter. Wenn die Männer aber nicht mehr in der Mehrheit sind, kann sich etwas ändern. Außerdem ist das eine Generationenfrage. Die Gesellschaft verändert sich und damit auch die Politik. Langsam, aber immerhin.

SPIEGEL ONLINE: Ist das "vorherrschende Machotum", das Sie im Artikel beklagen, aus Ihrer Sicht ein speziell französisches Phänomen?

Bekmezian: Ich hoffe, dass das nichts typisch Französisches ist, weil es nichts wäre, auf das man stolz sein könnte. Einige Politiker haben das sogar als ein Argument genutzt, nach dem Motto: "Ach, weißt du, das ist einfach die französische Kultur: Wir sind das Land der Liebe." Das ist eine schlechte Entschuldigung. Man kann ja das Land der Liebe sein und es mögen, zu verführen; aber darum geht es uns nicht. Uns geht es um Diskriminierung. Ich kann verstehen, dass man sich, wie zum Beispiel die Journalistin Valérie Trierweiler, in einen Politiker verliebt. Man sieht diese Menschen, wenn man im Parlament arbeitet, rund um die Uhr, manchmal spät nachts, manchmal ganz früh am Morgen. Aber Liebe ist nun mal etwas ganz anderes als Belästigung.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gab es eine vergleichbare Debatte unter dem Hashtag #aufschrei vor über zwei Jahren; vorher hatte es in Großbritannien eine ähnliche Diskussion unter dem Hashtag #shoutingback gegeben. Wie erklären Sie sich, dass diese Debatte in Frankreich so spät angestoßen wird?

Bekmezian: Vielleicht liegt es daran, dass in Frankreich, stärker als in anderen Ländern, die politische Macht sehr oft in denselben Händen liegt. Und es geht dabei nicht nur um Frauen. Wir haben ein grundsätzliches Problem mit Vielfalt. Es gibt einfach sehr viele weiße alte Männer in der Politik. Ein Beispiel: Es ist in Frankreich illegal, Statistiken über ethnische Zugehörigkeiten zu erheben. Weil gesagt wird: Es gibt keine Schwarzen und Weißen, es gibt keine Männer und Frauen, alle sind Franzosen, alle sind gleich. Als gäbe es keine Hautfarben und keine Geschlechter, sondern nur die französische Republik. Hinter diesem Gedanken versteckt sich das eigentliche Problem: Wir blenden die Wirklichkeit aus.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, das Manifest wird zur Lösung dieses Problems beitragen?

Bekmezian: Für mich war das gar nicht das Hauptziel des Artikels. Wir wollten dieses Problem erst einmal ansprechen: Schaut her, das gibt es immer noch, auch 2015. Und das haben wir erreicht. Damit sich etwas ändert, brauchen wir mehr Zeit. Vielleicht werden wir eines Tages auch die Namen der Politiker nennen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie die Namen nicht sofort genannt?

Bekmezian: Wir wollten nicht, dass mit dem Finger auf Einzelpersonen gezeigt wird. Wir wollten ein System kritisieren. Wir als Journalistinnen wissen, wie die Medien funktionieren: Hätten wir den Namen eines Abgeordneten oder Ministers genannt, hätten die Medien und die Menschen sich nur auf diese eine Person gestürzt: "Der da ist ein Sexist!" Dann hätte die Aufmerksamkeit nicht dem Gesamtproblem gegolten.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Politiker auf Ihren Artikel reagiert?

Bekmezian: Wir haben sehr viele positive Reaktionen erhalten. Vor allem von Frauen, die sagen, wir hätten das Richtige getan und sollten diesen Kampf fortführen. Einige männliche Politiker nehmen unseren Artikel nicht ernst. Einer meinte: "Aber wenn ich mit euch sprechen werde, dann sagt nicht, das sei Sexismus, ja?" Oder: "Kann ich euch einen Kaffee anbieten, oder rennt ihr dann zur Polizei?" Solche Witze wundern mich überhaupt nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie persönlich Opfer jenes Sexismus geworden, den sie anprangern?

Bekmezian: Ich fühle mich nicht wie ein Opfer. Solche Belästigungen hindern mich persönlich nicht an meiner Arbeit. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich mich besser verteidigen kann als einige andere Frauen. Als ich den Artikel las, verstand ich, dass viele Kolleginnen mehr leiden als ich. Mir gegenüber fallen meist nur komische Sätze. Zum Beispiel bei Pressekonferenzen, bei denen größtenteils Männer anwesend sind. Da sagen Politiker schon mal: "Du kannst eine Frage stellen, weil du hübsch bist." Oder ich stelle eine Frage und die Antwort lautet: "Oh, das ist jetzt aber eine Mädchenfrage!" Solche Sachen. Ich antworte dann, dass sie das nicht sagen sollten. Man darf als Frau keine Angst davor haben, sich zu wehren. Man muss dann laut werden. Sofort.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: