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Irak-Krieg: "New York Times" kritisiert eigene Berichterstattung

In einem bemerkenswerten Leitartikel hat die US-Zeitung "New York Times" ihre eigene Berichterstattung vor und während des Irak-Krieges reflektiert. Man habe sich zu oft auf Informanten und Regierungsquellen gestützt, deren Glaubwürdigkeit inzwischen angezweifelt wird.

Titelseite der "New York Times" (im Mai 2003): "Missverständnisse aus dem Weg räumen"

Titelseite der "New York Times" (im Mai 2003): "Missverständnisse aus dem Weg räumen"

New York - "Im Verlauf des letzten Jahres hat diese Zeitung das helle Licht der nachträglichen Einsicht auf die Entscheidungen scheinen lassen, die die Vereinigten Staaten in den Irak geführt haben. Wir haben die Versäumnisse der amerikanischen und alliierten Geheimdienste untersucht, insbesondere in der Frage nach irakischen Massenvernichtungswaffen und möglichen irakischen Verbindungen mit internationalen Terroristen (...). Es ist an der Zeit, dass wir das selbe Licht auch auf uns selbst richten." Mit diesen Sätzen beginnt der Leitartikel "The Times and Iraq", der in der Mittwochsausgabe der "New York Times" erschienen ist und sich kritisch mit der eigenen Berichterstattung über die Umstände auseinandersetzt, die zum Krieg im Irak geführt haben.

Man habe sich bei einigen Berichten auf Informanten gestützt, deren Verlässlichkeit inzwischen in Zweifel stehe. So seien Meldungen über Massenvernichtungswaffen im Irak oder Beziehungen der Regierung zu internationalen Terroristen nicht genügend hinterfragt und überprüft worden, heißt es in dem Artikel weiter.

Kritisch wird angemerkt, es sei weit ausführlicher über angebliche Gefahren durch Saddam Hussein berichtet worden, als über Hinweise, dass diese Behauptungen falsch sein könnten. Viele Meldungen basierten demnach auf Angaben von Exilirakern, die die USA zum Sturz Saddam Husseins bewegen wollten, wobei deren Motivation nicht genügend hinterfragt worden sei. Das Blatt nennt mehrere Beispiele von Artikeln, die sich auf Quellen stützten, die zu jener Zeit als glaubwürdig galten, sich später aber als Betrüger entpuppten. Vielen dieser Artikel sei auch nach dem Bekanntwerden der Falschinformation kein klärender Bericht gefolgt, der den Sachverhalt nachträglich ins rechte Licht gerückt hätte, so das Blatt in seiner Selbstkritik.

Die Redakteure auf den verschiedenen Ebenen hätten kritischer im Umgang mit Quellen und Informationen, die von der US-Regierung und zweifelhaften Quellen weitergegeben wurden, sein sollen, hieß es weiter.

Fast alle der bemängelten Artikel erschienen unter der Ägide des im Juni vergangenen Jahres zurückgetretenen Chefredakteurs Howell Raines. Dieser hatte nach dem Skandal um einen Reporter, der Dutzende seiner Geschichten erfunden oder abgeschrieben hatte, seinen Posten geräumt.

"Wir betrachten die Geschichte der irakischen Waffen und das Muster der Fehlinformation nicht als erledigt", schließt der bemerkenswerte Text. "Wir werden weiterhin mit aggressiver Berichterstattung darauf abzielen, die Missverständnisse aus dem Weg zu räumen."

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