Iranischer Internet-Comic Terror, Schwarz auf Weiß

Comic-Romane boomen. Aber noch kein gezeichnetes Werk hat derart mutig und aktuell die Schrecken eines Regimes kommentiert: Die im Netz laufende Geschichte "Zahra's Paradise" spielt in Iran und zeigt schonungslos, wie ein Staat seine Bürger zerstört.

Zahra's Paradise

Mehdi ist verschwunden. Wird er jemals lebend zu seiner Mutter zurückkehren? "Ob die Geschichte ein glückliches Ende hat? Das werden die Leser Ende dieses Jahres erfahren", sagt Amir, Autor von "Zahra's Paradise". Der Online-Comic-Fortsetzungsroman ist nichts für Ungeduldige: Nur drei Mal die Woche stellen seine Macher eine neue Episode ins Netz. Langsam, Schwarzweiß-Zeichnung für Schwarzweiß-Zeichnung nimmt die Tragödie so ihren Lauf.

"Zahra's Paradise", das Tagebuch einer Suche, setzt am 16. Juni 2009 ein. Vier Tage sind seit der umstrittenen Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vergangen. Auf den Straßen Teherans toben Straßenschlachten zwischen Regimekritikern und staatlich bestellten Schlägern. Hunderte Demonstranten sind inzwischen festgenommen, Stunden zuvor haben die Sicherheitskräfte erstmals das Feuer auf die Menge eröffnet. Die ersten Toten sind zu beklagen.

Mehdis Mutter kommt an diesem Tag in eine leere Wohnung: Ihr Sohn ist nicht zurückgekehrt von der letzten Demo. Seine Mutter beginnt eine verzweifelt Suche, die sie in Krankenhäuser und vor Gefängnistore, in Amtsstuben und auf Friedhöfe führt. Mit dem Leser im Schlepptau steigt sie hinab in die Unterwelt des iranischen Regimes. Sie sucht ihren verschwundenen Sohn, sie findet eine Schattenwelt des Grauens.

Popkultur macht Geschichte

Historische Ereignisse, die zu Bildromanen verarbeitet werden, haben in den vergangenen Jahren Furore gemacht. "Persepolis", in dem die Exil-Iranerin Marjane Satrapi von ihrer Kindheit während der iranischen Revolution berichtet, und "Maus", in dem Art Spiegelman die Judenverfolgung im Dritten Reich thematisiert: Der Mix aus Geschichte und Comic ist ein Erfolgsrezept. Was "Zahra's Paradise" besonders macht, ist die fehlende zeitliche Distanz zu den beschrieben Ereignissen, denn die Geschichte Mehdis, die die Geschichte vieler Iraner ist, ist noch lange nicht vorbei. Sie geht weiter, während sie in Echtzeit in ein Comic umgesetzt wird.

Noch immer sitzen Hunderte Regime-Gegner in iranischen Gefängnissen, ist das Schicksal von im vergangenen Jahr Verschwundenen ungeklärt. Jede Woche treffen sich ihre Mütter, organisiert in einer Gruppe namens "Mütter in Trauer" in den Parks von Teheran, um an ihr Schicksal zu erinnern.

Amir nennt seinen Roman eine Collage, eine Geschichte, die viele Erzähler hat. In ihm verarbeitet der Exil-Iraner mit Wohnsitz in den USA, was er von Verwandten und Freunden aus der Heimat hört, was er auf iranischen Reform-Webseiten und auf Blogs liest. "Doch was die mir erzählen, ist dank der Zensur in Iran nicht im Bild zu sehen."

Das Genre des Comics erlaube ihm, Licht auf das zu werfen, was das Regime im Verborgenen halten will, sagt Amir. Es ist der erste Comic, den der ehemalige Journalist schreibt. Dass er seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen will, ist der politischen Situation in seiner Heimat geschuldet. "Meine Familie dort würde enorme Probleme bekommen, wenn herauskäme, dass ich der Autor bin."

Odyssee für Tausende

Ohne große Werbekampagne ist "Zahra's Paradise" zu einem Internet-Phänomen geworden. Zehntausende Leser verfolgen Mehids Mutters Odyssee durch Teheran. Comic-Verlage aus elf Ländern haben sich bereits die Rechte an dem Roman gesichert, der einmal vollendet in Buchform gedruckt werden soll. Schon jetzt werden die neuen Kapitel am Erscheinungstag in zehn Sprachen übersetzt: Persisch und Koreanisch, Hebräisch und Spanisch, eine deutsche Übersetzung wird vorbereitet.

Viele Autoren gezeichneter Romane illustrieren ihre Geschichten selbst. Amir hat mit dem Zeichner Khalil einen Partner gefunden, der die anrührenden Bilder zeichnet, die den Leser in ihren Bann ziehen. "Khalil haucht der Geschichte Leben ein, dank seiner Vorstellungskraft können sich die Leser ein Bild der Realität in Iran machen", sagt Amir. Khalil hat arabische Wurzeln, auch er zieht es vor, anonym zu bleiben. "Was uns antreibt ist der Wunsch, von einem anderen Nahen Osten zu erzählen", sagt sein Kompagnon.

In Rückblicken zeigen die beiden einen weltoffenen, kosmopolitischen Iran. Es ist das Persien, dass Amir als Kind erlebt hat, wie er sagt. "Ich war zwölf, als die Revolution stattfand und meine Familie ins Exil gehen musste." Seine Landsfrau Satrapi, die in "Persepolis" genau jenen Iran heraufbeschwört, ist denn auch sein großes Vorbild. "Sie hat unserer Generation ihre Stimme gegeben. Sie hat die Mauern des Schweigens eingerissen, die uns Exilanten umgab."

Tödlicher Zeitbezug

"Zahra's Paradise" steckt voller Anspielungen auf die persische Kultur, deren Strahlkraft überschattet wird von der Politik der Islamischen Republik: Der herbeigesehnte Held des Romans heißt Mehdi so wie der Erlöser, der dem schiitischen Islam zufolge kommen wird, die Welt zu retten. Der Titel der Bildergeschichte wiederum bezieht sich auf die Totenstadt außerhalb Teherans. "Zahra's Paradise" ist der Name des größten Friedhofs in Iran. Zahllose Regimegegner sind hier verscharrt, die im Juni vergangenen Jahres vermutlich von staatlichen Sicherheitskräften erschossene Neda Agha Soltan hat hier ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Der Name Zahra ist jedoch auch eine Hommage an Zahra Kazemi. Die iranisch-kanadische Fotojournalistin widmete sich im Jahr 2003 dem, was Mehids Mutter umtreibt: der Suche nach in iranischen Gefängnissen verschwundenen Männern und Frauen. Für ein Reportage-Projekt begleitete Kazemi Familien zum berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran, wo diese nach ihren Angehörigen fragen wollten. Am 23. Juni wurde sie von Gefängniswärtern auf die andere Seite der Mauern gezwungen, neunzehn Tage später starb sie an den Folgen der Folter, die sie erleiden musste.

Trotz der schrecklichen Geschichten, die er seit seiner Kindheit hört, ist Amir voller Hoffnung. "Das iranische Regime ist erledigt", sagt er. Die brutale Gewalt, die es anwendet und die er in seinem Roman darstellt, sei ein Zeichen der Dekadenz des Systems. Mit seinem Comic will er seinen Landsleuten Mut machen, dem Regime den Todesstoß zu versetzen, wie er sagt. "Es ist Zeit, dass wir Iraner unser Land und unsere Würde zurückerobern." Solange das nicht geschehen ist, will er Zeugnis ablegen von dem, was daheim passiert. "Wir müssen zeigen, dass es ein anderes Iran gibt."



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