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Zerstörte Tempel in Palmyra: "Ein Totalverlust für die gesamte Menschheit"

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Palmyra war das New York der Antike: Gewaltige Tempelanlagen zeugen von der einstigen Blüte der syrischen Oasenstadt. Nun vernichtet der IS die Jahrtausende alte Pracht - und raubt der Welt ein Kulturerbe von unschätzbarem Wert.

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Anwohner berichten von "totaler Zerstörung". Nach einer gewaltigen Detonation steht offenbar nur noch die Außenmauer des einst prachtvollsten Gotteshauses in Palmyra: Der "Islamische Staat" (IS) hat am vergangenen Wochenende mit dem Baal-Tempel das größte Gebäude der antiken Oasenstadt gesprengt - und damit eines der wichtigsten historischen Bauwerke des gesamten Nahen Ostens.

Das genaue Ausmaß der Zerstörung ist laut der syrischen Antikenverwaltung in Damaskus noch unklar, doch die Erfahrungen aus ähnlichen Fällen der Vergangenheit machen wenig Hoffnung: Erst vor einer Woche hatten IS-Fanatiker den ebenfalls bedeutenden Baalschamin-Tempel in Palmyra mit Sprengstoff vernichtet. Die Fachwelt reagierte entsetzt, der renommierte Altorientalist Markus Hilgert sprach im Interview mit SPIEGEL ONLINE von einem Albtraum und einer "kulturellen Katastrophe".

Im Video: Die Sprengung des Baalschamin-Tempels

AFP
Jetzt weitet sich diese Katastrophe aus. "Das ist eine Kulturzerstörung mit Ansage", sagt Hilgert am Montag zu SPIEGEL ONLINE, "und das macht mich tieftraurig." Wie andere Unesco-Welterbestätten stehe Palmyra für globale kulturelle Werte. Der Baaltempel sei größer und architektonisch noch komplexer als der zuletzt zerstörte Baalschamin-Bau gewesen. Zudem, so Hilgert, seien alle Kulturgüter in Palmyra Sinnbilder einer enorm pluralistischen Epoche in der einstigen Weltstadt. (Lesen Sie hier mehr darüber.)

Die Vernichtung der antiken Stätten sei daher mehr als eine brachiale Attacke auf Kulturgüter: Die internationale Unesco-Welterbekonvention von 1972 habe nach den Erfahrungen zweier Weltkriege die Bedeutung von Kunst und Kultur für die globale Gesellschaft hervorheben wollen. "Für mich ist die Zerstörung Palmyras ein Angriff auf diese Übereinkunft", sagt Hilgert: "Das ist ein Totalverlust für die gesamte Menschheit."

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IS-Verwüstungen in Palmyra: Systematische Zerstörung
Im Altertum war Palmyra eine Karawanen- und Oasenstadt an der Handelsroute, die China, Persien, den heutigen Irak und den Mittelmeerraum miteinander verband. Am Baaltempel zeige sich, wie sich die Stadt so zum kulturellen Schmelztiegel ähnlich dem New York der Neuzeit entwickelt habe, sagt Hilgert: Äußerlich ähnele der Prachtbau einem römischen Tempel, der Zugang befinde sich jedoch auf typisch mesopotamische Art an der Längsseite. Im Zentrum des quadratischen Innenbaus habe sich ein Schrein für die Gottheit Baal befunden, die ihre Ursprünge ebenfalls im Hunderte Kilometer entfernten Mesopotamien haben soll.

IS-Anhänger droht mit weiteren Zerstörungen

Der Innenteil der Anlage stammt aus dem Jahr 32 vor Christus, ein davor liegender Raum mit Opferaltar und Wasserbecken kam etwa 200 Jahre später hinzu. Die gesamte Tempelanlage war rund vier Hektar groß und bildete in der Antike den größten Gebäudekomplex Palmyras. (Lesen Sie hier mehr über die bedrohten Kulturgüter in Palmyra.)

Der "Islamische Staat" jedoch, der in der Region ein islamistisches "Kalifat" ausgerufen hat, verachtet diese kulturellen Schätze. Die Sprengung von antiken Gebäuden werde bis zum letzten Gebäude fortgesetzt, zitierte am Montag die syrische Oppositionsseite "Masar Press" einen Anhänger der Extremisten.

Entsprechend ist die Zerstörungswut in Palmyra bei aller Tragik keine Überraschung: Seit der Eroberung der Stadt im Mai hatten sich die Anzeichen für eine systematische Attacke vermehrt. Zwei besonders bedeutende Gotteshäuser des Altertums sind nun binnen einer Woche vernichtet worden, den früheren Leiter der römischen Kulturstätten hat die Miliz geköpft - weil er sich für den Erhalt des antiken Palmyra eingesetzt hatte.

Im Video: Die Zerstörung des Baaltempels in Palmyra

Der IS geht schon seit Monaten mit roher Gewalt nicht nur gegen Menschen vor, sondern auch gegen kulturelle und historische Denkmale. Die Zerstörungswut der Terroristen zielt darauf, alle Zeugnisse vorislamischer Kulturen zu vernichten. Zuletzt hatte auch die Unesco die komplette Vernichtung historischer Stätten in Palmyra befürchtet, brandmarkte das Vorgehen der Terroristen in der Stadt gar als Kriegsverbrechen.

Anders als bei ähnlichen Zerstörungsakten im Irak brüstet sich der IS bislang jedoch nicht in Videos mit der Verwüstung der Kulturstätten von Palmyra. Hilgert hält es daher für möglich, dass die Gewalt sich diesmal weniger gegen die religiösen Kulte des Altertums richtet - sondern womöglich indirekt gegen die Bevölkerung der Stadt: "Wir wissen, dass viele Bewohner Palmyras sich für ihre Kulturstätten eingesetzt haben", sagt er. Denkbar sei daher, dass die Gewaltakte gegen das Kulturerbe von Palmyra die Bevölkerung einschüchtern soll - zumal die Stadt in der Vergangenheit von den nun abgeebbten Touristenströmen profitiert habe.


Zusammengefasst: Dschihadisten des "Islamischen Staats" haben im größten Tempel der antiken Oasenstadt Palmyra einen Sprengsatz detonieren lassen. Der renommierte Altorientalist Markus Hilgert spricht von einer "Kulturzerstörung mit Ansage". Er hält es für möglich, dass die Zerstörungen vor allem ein Signal an die Bewohner der Stadt sind, von denen sich in der Vergangenheit viele für die Kulturstätten eingesetzt hatten.

Mit Material von dpa

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Fotostrecke
Zerstörte Welterbestätte: "Ein Albtraum"

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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