Islam im TV Maischberger, Christiansen und der doppelte Imam

In deutschen Talkshows wird ein umstrittener Islam-Repräsentant herumgereicht: der Leipziger Imam Hassan Dabbagh - für den sich auch der Verfassungsschutz interessiert. Dies allerdings erfuhren die Zuschauer nicht, als er bei Sabine Christiansen zu Gast war.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Wenn eine Talkshow-Redaktion einen Gesprächspartner zum Thema Christentum sucht, hat sie allein auf offizieller Seite die Auswahl unter mehr als hundert Bischöfen. Sucht man einen Repräsentanten für Fragen des Judentums, gibt es nicht nur eine Reihe Rabbiner, sondern auch noch den Zentralrat der Juden. Soll sich das Gespräch um den Islam drehen, werden die Gesichter in den Redaktionen länger - die Listen mit den Telefonnummern dagegen kürzer: Es gibt nur inoffizielle und kaum repräsentative Verbände, deren Köpfe zumeist auch noch umstritten sind.

Moderatorin Christiansen, Gast Dabbagh: Keine Konfrontation
DPA

Moderatorin Christiansen, Gast Dabbagh: Keine Konfrontation

Und so kann es kommen, dass man auf einen Gast wie Hassan Dabbagh verfällt. Der wird schließlich "Imam von Sachsen" genannt, was ja ein gewisses Maß an Repräsentanz verheißt. Am 20. März saß der gebürtige Syrer bei "Menschen bei Maischberger" zum ersten Mal in einer bundesweiten Fernsehrunde. Knapp vier Wochen darauf, am 23. April, war er schon bei "Sabine Christiansen" angekommen. Und am vergangenen Sonntag, 10. September, ergänzte der Vorbeter der Leipziger "al-Rahman"-Moschee die Talkrunde der ehemaligen "Miss Tagesthemen" bereits ein zweites Mal um eine islamische Perspektive.

Man habe "positive Erfahrungen" bei seinem ersten Auftritt gesammelt, so begründete der NDR die erneute Einladung. Und in der Tat hatte der gebürtige Syrer mit dem langen Bart und dem wallenden Gewand zur Spannung der Sendung beigetragen: Einerseits weigerte er sich wie zuvor schon bei Maischberger, Christiansen die Hand zu geben (was beide Moderatorinnen thematisierten). Andererseits sagte er: "Ja, es gibt bei uns auch schwarze Schafe." Für Terror und Gewalt aber gebe es keine Rechtfertigung im Islam. Am Ende schenkte er der Gastgeberin "als Zeichen für Verständigung und friedliches Zusammenleben" sogar einen Koran. Ein schrecklich-netter Imam: ein Islamist, aber einer, der gegen Terror ist.

Unverbraucht, nicht unbekannt

Der Hauptunterschied zwischen Dabbaghs Auftritten bei "Maischberger" auf der einen und "Christiansen" auf der anderen Seite war: Sandra Maischberger konfrontierte den Leipziger Imam mit schwer wiegenden Verdachtsmomenten, die deutsche Verfassungsschützer gegen ihn hegen. Bei Sabine Christiansen dagegen wurde zwar signalisiert, man habe es mit einem Islamisten zu tun - die konkrete Nachfrage unterblieb aber.

Hassan Dabbagh mag ein unverbrauchtes Fernsehgesicht sein. Ein Unbekannter ist er nicht. Am 20. März berichtete der SPIEGEL, dass deutsche Verfassungsschützer im November 2004 ein Telefonat abgehört haben: Aus diesem glauben sie ableiten zu können, dass Dabbagh einen Glaubenbruder aufgefordert hat, die deutschen Ermittlungsbehörden hinters Licht zu führen.

Unter der Leipziger Nummer des Imams hatte ein Student angerufen und um Rat in brisanter Angelegenheit gebeten. Er habe von einem Muslim erfahren, der ein schlimmes Verbrechen geplant habe, und frage sich nun, ob er bei der Polizei gegen den Glaubensbruder aussagen solle. "Unrecht ist bisher nicht passiert, sie haben ihn vorher festgenommen", sagte der Anrufer laut Abhörprotokoll. Er werde als Zeuge gebraucht. Die religiöse Autorität am anderen Ende riet dichtzuhalten: "Wer einen Muslim deckt, den deckt Gott am Tag des Jüngsten Gerichts." In einem zweiten Telefonat wurde dem Ratsuchenden beschieden, er solle behaupten, sich an die Diskussion mit dem Verdächtigen nicht mehr zu erinnern.

Dabbagh bestreitet, der Angerufene zu sein. "Das ist absurd", sagte er heute zu SPIEGEL ONLINE. Schon bei Sandra Maischberger hatte er von "Lügen" gesprochen. Doch der Verdacht steht im Raum - und Dabbaghs Moschee zählt nicht zuletzt deshalb zu den 30 islamischen Gebetshäusern, die deutsche Verfassungsschützer als mögliche "Zentren der Radikalisierung und Rekrutierung" erfassen.

"Bild" mischt sich ein

Bei Sabine Christiansen gab es für das Publikum keinen Hinweis auf diesen Zusammenhang. Ob hier der journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge getan wurde, diese Frage wollte die Redaktion auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht beantworten. Ein Fehler aber sei die Einladung des Mannes nicht gewesen: Ihm sei schließlich von den anderen Teilnehmern "Kontra gegeben worden". Darüber hinaus macht die Redaktion geltend, man habe vor der Sendung bei den Innenbehörden in Hamburg nachgefragt. Und diese hätten den Auftritt des Mannes im Fernsehen als unbedenklich eingestuft.

Gestern skandalisierte "Bild" den Dabbagh-Auftritt bei "Sabine Christiansen" - allerdings nicht, weil die Moderatorin den Kontext nicht hergestellt hatte, sondern ganz allgemein: weil ein Islamist im Fernsehen zu sehen war. "Wer lässt diesen Mann immer wieder ins TV?", fragte das Blatt. Der Imam habe "begründet", warum die Kofferbomber von Dortmund und Koblenz zwei Züge in die Luft hätten sprengen wollen.

Seitdem fühlt Dabbagh sich als Opfer der Presse. "Ich verstehe die Welt nicht mehr", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Bild" habe seine Worte verdreht. Er habe doch laut und deutlich den Terror verurteilt. Tatsächlich hatte er gesagt: "Keiner darf das rechtfertigen, das ist ein krimineller Akt. Sie sehen im Fernsehen, dass muslimische Kinder getötet werden. Sie sehen im Fernseher, dass der Islam immer mit Terrorismus gleichgesetzt wird. Sie sehen sich als ungerecht behandelt. Und als Reaktion, weil sie keine vernünftigen Stimmen von richtigen Imamen hören, (…) führt es dazu, dass diese Leute solche Taten begehen." "Bild" hatte den ersten Satz nur indirekt zitiert ("sprach sich der Imam aus Sachsen zwar gegen Gewalt aus").

Eine Stunde Imam-Fernsehen

Freilich ist auch Dabbaghs Opfer-Pose nicht über jede Kritik erhaben. So gab er einerseits im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und in den Talkshows stets an, seine Moschee sei "offen" und "transparent": Er habe "nichts zu verbergen". Andererseits wollte er auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nicht einmal mitteilen, bei wem er studiert hat - obwohl er zuvor gesagt hatte, dies sei bei den "größten Gelehrten der islamischen Welt" geschehen. Nur widerwillig teilte er schließlich mit, in Syrien, Jordanien, Deutschland und Saudi-Arabien den Islam studiert zu haben. Insbesondere in Saudi-Arabien gibt es praktisch nur islamistische religiöse Hochschulen.

Auch in einem weiteren Punkt zeigt sich, dass der Imam Dabbagh sich gerne und schnell als Opfer der Medien inszeniert. Es sei ein Skandal, dass Sicherheitsbehörden gefragt würden, ob er eingeladen werden könne, klagte er: Das sei ein Beleg dafür, dass "Muslime unter Generalverdacht stehen". Ein Sprecher der "Christiansen"-Redaktion bestätigte SPIEGEL ONLINE dagegen, dass einzelne angedachte Gesprächsteilnehmer nichtislamischer Herkunft aufgrund der Bedenken der Behörden zu der betreffenden Sendung zum Thema Religiösität nicht eingeladen wurden. Von einem besonderen Verdacht allein gegen Muslime kann also keine Rede sein.

Dabbagh hat eine Idee, wie alles wieder ins Lot kommen kann: Er würde "ohne Zögern" noch einmal ins Fernsehen gehen. Am besten, schlägt er vor, "zu einer Sendung nur mit dem Imam". Also mit sich. Es gebe so viele Fragen, die er dann beantworten könnte. Vielleicht wäre das gar keine schlechte Idee - wenn man ihm denn eine Stunde lang die richtigen Fragen stellen würde.

Nachtrag: Mittlerweile, am Freitag, hat sich die Hamburger Innenbehörde in Person ihres Sprechers bei SPIEGEL ONLINE gemeldet. Sie legt in Zusammenhang mit der oben im Text widerergegebenen Aussage des NDR, man habe sich dort Informationen über Herrn Dabbagh besorgt, auf folgende Feststellung Wert: "Richtig ist, dass es eine Anfrage gab (bei der Dienststelle unserer Sektenbeauftragten). Falsch ist aber die Wiedergabe 'keine Bedenken'. Die Kollegen haben vielmehr im Vorfeld deutlich gemacht, dass der Einzuladene durchaus problematische Thesen vertritt, es aber natürlich letztendlich Sache der Redaktion sei, wer eingeladen wird. Einen wie auch immer gearteten Persilschein hat die Innenbehörde nicht ausgestellt." In seiner Pressemitteilung vom 14.9. schreibt der NDR dagegen, von Seiten der Hamburger Innenbehörde bestünden gegen einen Auftritt von Hassan Dabbagh "keine Einwände".



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