Islam und Aufklärung Herr Seehofer, lesen Sie dieses Buch!

Islam und westliche Werte sind nicht vereinbar? In Istanbul kämpften schon im 19. Jahrhundert Frauen für mehr Rechte. Der Orientalist Christopher de Bellaigue zeichnet in seinem Buch die muslimische Aufklärung nach.

Konstantinopel um 1890
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Konstantinopel um 1890


Verstößt ein Kopftuch im Staatsdienst gegen das Neutralitätsgebot? Wie viel Antisemitismus grassiert unter jungen Muslimen? Nur zwei Fragen in der aktuellen Diskussion über Islam in Deutschland, die oft vereinfachende Antworten nach sich ziehen und immer für Erregung sorgen: Nicht erst seit Horst Seehofers "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" gilt das Verhältnis zwischen postreligiöser deutscher Gesellschaft christlicher Prägung und dem Islam als belastet. Und jeder Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund scheint die Spaltung voranzutreiben zwischen denen, die auf den friedfertigen Charakter des Koran pochen, und jenen, die in der Religion ein rückständiges Wertesystem sehen.

Gegen diese tiefen Gräben will der Brite Christopher de Bellaigue mit Wissen arbeiten. Mit seinem Buch möchte der Orientalist mit dem Irrtum aufräumen, dass die jüngste der fünf Weltreligionen nie eine Aufklärung erlebte; jene von Vernunft und Fortschrittsglauben geprägte Strömung, die Europa Kants Rationalismus bescherte, Voltaires Plädoyer für religiöse Toleranz und die Französische Revolution mit ihrer Forderung nach "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit".

Der Islam, so Bellaigue in "Die islamische Aufklärung", habe in den vergangenen zwei Jahrhunderten "einen schmerzhaften, aber zugleich auch beglückenden Wandel erfahren", samt Reformen, Innovationen, Gegenbewegungen. Der Autor zeichnet diesen Umbruch detailliert nach - macht zuvor aber deutlich, weshalb dieser überhaupt nötig war.

Selbst auferlegte Isolation

Ein halbes Jahrtausend des Glanzes bescheinigt de Bellaigue der islamischen Welt im Anschluss an Mohammeds Tod im Jahr 632. Der christlichen Zivilisation sei man in vielem voraus gewesen, habe nicht nur in der Mathematik, Medizin oder Baukunst brilliert. Doch die Spaltung in Sunniten und Schiiten leitete den Niedergang ein, es folgten die christlichen Kreuzzüge und damit der Zweifel an der Gunst Gottes. Die Konsequenz: der Verlust von "Originalität und Finesse" sowie eine selbst auferlegte Isolation, etwa durch das Verbot der aus Europa kommenden Druckerpresse. Ein allen zugänglicher Koran, so die Furcht damals, führe zu Fehlinterpretationen.

Christopher de Bellaigue: "Wasserscheide in der Geschichte der islamischen Aufklärung"
Pako Mera

Christopher de Bellaigue: "Wasserscheide in der Geschichte der islamischen Aufklärung"

Welche progressiven Geister die muslimische Welt dann jedoch im 19. Jahrhundert erlebte, als sie sich wieder Einflüssen von außen öffnete, führt de Bellaigue am Beispiel der Metropolen Kairo, Istanbul und Teheran vor. Erneuerer wie Rifaa al-Tahtawi, Namik Kemal oder Mirza Saleh dürfte hierzulande kaum jemand kennen, in Nahost trieben sie die Moderne entscheidend voran. Pioniere auf den Gebieten der Bildungspolitik, der freien Presse und der Frauenrechte, die etliche ihrer Ideen von Reisen nach Europa mitbrachten, sogar die Marseillaise ins Türkische und Arabische übersetzten.

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Christopher de Bellaigue:
Die islamische Aufklärung: Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft

Michael Bischoff

S. Fischer; 544 Seiten; 25 Euro

Dass etwa für Emanzipation in Istanbul schon gekämpft wurde, als die Stadt noch Konstantinopel hieß, zeigt das Beispiel der Fatma Aliye. Als eine der ersten muslimischen Schriftstellerinnen genoss sie in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts Ansehen weit über die Grenzen des Osmanischen Reichs hinaus. Und bereits 1869 konnte man in der Wochenzeitung "Fortschritt muslimischer Frauen" die wütenden Sätze lesen: "Sind wir nicht in der Lage, Wissen und Fertigkeiten zu erlangen? Sind wir keine Menschen? Niemand, der mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet ist, akzeptiert das."

Fatma Aliye auf einer Banknote: "Sind wir keine Menschen?"
Getty Images

Fatma Aliye auf einer Banknote: "Sind wir keine Menschen?"

Warum aber konnten weder die Freigeister Ägyptens noch der Türkei oder Irans langfristig den Weg zu einer offenen Gesellschaft ebnen? De Bellaigue nennt den Ersten Weltkrieg eine "Wasserscheide in der Geschichte der islamischen Aufklärung". Die Begeisterung für liberale Werte und einen säkularen Staat endete jäh, stattdessen formierten sich reaktionäre Gegenbewegungen - etwa zu Atatürks Reformen, die mit der Gründung der Republik Türkei eine Trennung von Religion und Staat vorsahen. Den Islamismus als radikale Form des politischen Islam sieht de Bellaigue so als Folge der Zerstückelung des Osmanischen Reichs.

Den Modernisierungsprozess des Islam vergleicht De Bellaigue mit einem Tier, das eine Lobotomie erlitten hat: Äußerlich scheint alles in Ordnung, innerlich leidet es unter schweren Störungen.

Zugleich begeht der Autor aber nicht den Fehler, die Entwicklung der islamischen Welt allein im Hinblick auf ihre Aneignung christlich-europäischer Werte zu beurteilen. Sein historischer Blick macht vielmehr deutlich, wie der Westen gerade durch die Einmischung den Nationalismus stärkte: Ägypten etwa habe sich nach dem Ende der britischen Besetzung 1922 in einen arabischen Chauvinismus geflüchtet; denn der Liberalismus war durch die Kolonialmacht diskreditiert. Islamismus geriet so zur "Widerstandsideologie". So war es am Ende der Westen selbst, der Bewegungen wie die Muslimbruderschaft hervorbrachte.



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