Islamische Comic-Helden Allahs Superkräfte

Die islamische Welt hat keine Superhelden, stellte der Kuwaiti Al-Mutawa fest und machte sich daran, gleich 99 Comic-Charaktere zu erschaffen. Sie sollen den Lesern islamische Werte näher bringen - jede Figur steht für eine der Eigenschaften Allahs.


Kuwait - Noora hat blau-schwarze Haare, trägt eine goldene Schärpe und ist ein lebender Lügendetektor: Sie kann "das Licht der Wahrheit" sehen. Noora ist eine der insgesamt 99 islamischen Superhelden, die in Naif Al-Mutawas Comicserie "Die 99" auftreten sollen. Ihre Abenteuer erscheinen in einer Serie fortlaufender Hefte. "Wenn man sich die Superhelden der Welt anschaut, kommen sie entweder aus den USA oder aus Japan" erkannte Al-Mutawa und schuf kurzerhand selbst islamische Identifikationsfiguren in Comic-Gestalt. Ob tatsächlich alle 99 Figuren gezeichnet werden, ist allerdings unklar. Aus Rücksicht auf streng gläubige Muslime in Ländern wie Saudi Arabien wird es wahrscheinlich nur etwa 70 Helden geben. Der Grund: Allein Gott kann alle 99 Eigenschaften besitzen.

Islamische Superhelden: "Die 99"
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Islamische Superhelden: "Die 99"

Nach dem Karikaturenstreit weiß Al-Mutawa, dass er sich auf gefährlichem Terrain bewegt. Es sei schwierig, islamische Comics zu zeichnen, da Gläubige so sensibel darauf reagieren. Dennoch scheinen seine Superhelden bei Muslimen gut anzukommen - islamische Kleriker sicherten ihm bereits ihre Unterstützung zu: Mit 25 Millionen Dollar wollen sie den Comic-Verlag Teshkeel Comics unterstützen und die Produktion einer animierte Fernsehserie der Comicvorlage finanzieren.

Die Superhelden sollen in ihrer Gesamtheit das Göttliche verkörpern. In der Geschichte, die Al-Mutawa erzählt, stehen 99 Edelsteine als Chiffren für die Weisheit, Toleranz und Spiritualität. Sie werden als Gebetsketten aus Bagdad geschmuggelt und in der Welt verstreut. Die Aufgabe der Superhelden ist es nun, die Edelsteine zu finden und wieder zu vereinen – dabei müssen sie den Bösewichten natürlich zuvor kommen. "Die Edelsteine sind eine Metapher für die Verbreitung des Islam, ohne ihn tatsächlich zur Sprache zu bringen. Diese Comics erwähnen weder den Islam noch die Propheten oder Geistliche", sagte Al-Mutawa in einem Interview.

Die Story spielt im 13. Jahrhundert, als Bagdad von den Mongolen geplündert wurde – ein Schlüsselmoment der islamischen Zivilisation. Doch es bleibt nicht bei den historischen Fakten: Die Helden haben Superkräfte und Hubschrauber brausen durch die mittelalterliche Stadt.

Zeichner des amerikanischen Comicverlegers Marvel hatten den Zeichner aus Kuweit dabei unterstützt, seine Charaktere zu entwickeln. Es klingt sonderbar, aber sie halfen dabei, den Figuren ausgerechnet einen "amerikanischen Look" zu geben - indem sie den Oberkörper der Figur Jabbar mit riesigen Muskelbergen panzerten. Doch abgesehen von diesem Detail unterscheiden sich Al-Mutawas Figuren von den amerikanischen Helden: Sie verkörpern islamische Werte wie Weisheit oder Treue.

Al-Mutawa hofft, eine neue islamische Popkultur zu schaffen. Die Teshkeel Media Group, die seine Comics vertreibt, bringt auch US-amerikanische Hefte wie "Spider-Man" oder "Hulk" in arabischer Sprache auf den Markt. Das Projekt vereine die Kräfte, die das Leben Al-Mutawas bisher bestimmten: Werte des Westens und des mittleren Ostens.

amg/Reuters



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