Vom IS bedrohte Kunst Mit 3D-Technik gegen den Terror

Nimrud, Mossul, Palmyra: Jahrtausendealte Kulturschätze fallen dem Terror zum Opfer. Experten auch in Deutschland arbeiten daran, bedrohte Artefakte und Prachtbauten mithilfe digitaler Technik zu konservieren.

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Die Katastrophe hatte sich angekündigt. Kein Experte zweifelte nach der Einnahme der syrischen Oasenstadt Palmyra am Zerstörungswillen der Dschihadisten - und die Befürchtungen bewahrheiteten sich: Stück für Stück pulverisieren die Terroristen des "Islamischen Staats" dort seit einigen Wochen Prachtbauten aus der Römerzeit. Der riesige Baal-Tempel, die berühmten Grabtürme, etliche wertvolle Statuen, der prachtvolle Baalschamin-Tempel - alles verloren.

Eine "Zerstörung mit Ansage" beklagen Wissenschaftler - doch resigniert haben sie nicht. Weltweit arbeiten Experten derzeit daran, das bedrohte Erbe der Menschheit vor dem Zerstörungswahn von Terroristen zu bewahren. Gelingen soll das mittels hochkomplexer Technik: Artefakte und ganze Bauwerke sollen als 3D-Scans gespeichert werden und so jederzeit reproduzierbar sein. Kultur aus der Konserve, geht das auf?

Top-Archäologen aus Großbritannien und den USA glauben jedenfalls fest daran. Ein Forschungsteam der Universitäten Oxford und Harvard will noch in diesem Jahr 5000 leicht zu bedienende 3D-Kameras im Nahen Osten verteilen, ihr Ziel: Armeeangehörige und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sollen in den Krisenregionen so viele kulturelle Schätze wie irgend möglich fotografieren. Denn im Vorderen Orient sind schon jetzt so viele archäologische Stätten einem Krieg zum Opfer gefallen wie seit 1945 nicht mehr.

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IS-Verwüstungen in Palmyra: Systematische Zerstörung
Das zwei Millionen Dollar teure Vorhaben mit dem Namen "Million Image Database", an dem auch die Unesco beteiligt ist, basiert auf einer im Grunde simplen Idee: Die von Laien gesammelten Bilder wollen Forscher am Computer zu komplexen 3D-Negativen zusammenpuzzeln. Dafür sollen bis Ende 2016 eine Million Aufnahmen zusammenkommen, ein Jahr später sollen es schon doppelt so viele sein.

"Indem wir die Monumente digitalisieren, bringen wir sie aus der Reichweite von Terroristen und Vandalen", sagte jüngst Roger Michel vom Oxforder Institute for Digital Archeology der "Times". So könnten Experten auch nach der Zerstörung eines Tempels diesen weiter erforschen, mehr noch: Die Gebäude ließen sich später bis ins kleinste Detail rekonstruieren - mithilfe leistungsstarker 3D-Drucker.

Zudem sollen die Aufnahmen mit Datum und Geokoordinaten abgespeichert werden, um beispielsweise illegalen Handel mit Kunstgegenständen aus Krisengebieten zu unterbinden - wie es vor zwölf Jahren im Irakkrieg geschah. "Wenn jemand ein Objekt verkauft und behauptet, es sei 1930 in Syrien aufgetaucht, dann werden wir wissen: Das war nicht der Fall, denn 2015 befand es sich am Längengrad X und am Breitengrad Y", so Archäologe Michel.

Es ist nicht der einzige Versuch, auf die Zerstörung antiker Kunstschätze mit Hightech zu reagieren. Das Project Mosul etwa, eine Freiwilligeninitiative des EU-geförderten Netzwerks ITN-DCH, will vernichtete Kulturgüter anhand von Fotografien digital wieder auferstehen lassen. Dabei sind die Wissenschaftler allerdings auf Fotos angewiesen, die Urlauber oder Museumsbesucher vor Zerstörung der Artefakte gemacht haben. Kulturgutschutz à la Crowdfunding.

An einem komplexen Bildarchiv historischer Bauwerke arbeiten andere Experten schon seit Jahren. Das schottische Centre for Digital Documentation and Visualisation und die private US-Organisation CyArk sammeln Laseraufnahmen berühmter Monumente, um diese der Nachwelt zumindest digital zu überliefern. So sollen die 500 wichtigsten Kulturschätze der Welt den Terrorismus des 21. Jahrhunderts überdauern - beispielsweise die in Stein gemeißelten Köpfe ehemaliger US-Präsidenten auf dem Mount Rushmore im US-Bundesstaat South Dakota.

Doch South Dakota muss wohl kaum fürchten, das nächste Ziel des "Islamischen Staats" zu werden - entsprechend richtet sich ein deutsches Projekt primär auf Kunstschätze aus Vorderasien: Auf der Berliner Museumsinsel entsteht derzeit das vom Bund geförderte Zentrum für digitale Kulturgüter in Museen (Zedikum). In der Hauptstadt lagern eine Million archäologische Objekte aus zwölf Jahrtausenden - viel Material also für die ambitionierten Ziele von Projektleiter Markus Hilgert.

"Für die Archäologie ist 3D-Technik die ideale Technologie", sagt der renommierte Altorientalist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Natürlich verlieren wir bei der Zerstörung eines Objekts Informationen über die Materialität oder das Gewicht - alle anderen Daten lassen sich aber in einem 3D-Modell sichern."

3D-Technik in Berlin: Ingenieur Jan Krumnow an einer Steuerungsanlage
SMB/Vorderasiatisches Museum/Frank Gaedecke

3D-Technik in Berlin: Ingenieur Jan Krumnow an einer Steuerungsanlage

Er selbst hoffe, ab 2025 im Berliner Pergamonmuseum die dort ausgestellten Gegenstände mit moderner Technik im historischen Kontext zu zeigen - so etwa könne die legendäre Stadt Babylon im heutigen Irak in einer Art "Augmented Reality" wieder auferstehen.

Und Hilgerts Pläne reichen noch weiter: "Wir müssen unsere Technologien so bauen, dass man sie unter den derzeitigen Bedingungen etwa im Irak einsetzen kann", sagt er. Hilgert strebt einen Austausch von Know-How und Daten mit Experten in Krisenregionen an.

Zudem will er in Kooperation mit anderen Organisationen wie CyArk so viele Objekte digital sichern, dass sie eines Tages womöglich in einer Art archäologischem Disneyland für Laien begehbar sind.

"In ein paar Jahren wird man sicher ganze Tempel mit 3D-Druckern nachbilden können", sagt Hilgert. Er hat daher auch die vom IS zerstörten Kulturgüter im Vorderen Orient keineswegs verloren gegeben: "Wenn Palmyra eines Tages wieder begehbar ist, könnte man die dort verbliebenen Fragmente scannen und wieder zusammensetzen - erst am Computer, dann im Original."


Zusammengefasst: Wissenschaftler auf der ganzen Welt arbeiten daran, von Terroristen zerstörte Kulturgüter mittels digitaler Technik als 3D-Aufnahmen zu konservieren. Nach einigen europäischen und amerikanischen Initiativen entsteht solch ein Projekt nun auch in Berlin. Das langfristige Ziel der dortigen Experten lautet: Ganze Gebäude und Ruinenanlagen sollen digitalisiert und reproduziert werden.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
3141 20.09.2015
1.
es mag vielleicht nicht mehr das original sein, aber wenigstens versucht man es zu erhalten
susuki 20.09.2015
2.
Ausgezeichnet! Die "3-D-Häuserdrucker" aus Japan und China sind zwar noch sehr begrenzt, an das ausdrucken der Pyramiden im Masstab 1:1 ist beispielsweise noch völlig undenkbar, aber das dürfte sich bald ändern. Die 3-D-Virtualität ist mit der neuen Generation der Handy-Displays hingegen leicht machbar. Da es abzusehen ist, dass der IS die 1200 jährige Kultur des islamischen Raumes und der Vorgänger-Kulturen komplett zerstört oder auf dem Schwarzmarkt verkaufen wird, ist ein: "Digitaler naher Osten" vom Aufbau den Schäden durch die Zeit bis zu der Zerstörung ein Kulturgut von Weltbedeutung. Vielleicht können geneigte kämpfende Gruppen wie die Asiden oder Kurden die islamische Kultur mit portablen, batteriebetriebenen 3D-Scanner "backupen" bevor der IS kommt? Von Kulturgüter in Staaten wie Tunesien oder Algerien sollten ebenfalls schnellstmöglich 3D-backups gezogen werden.
frenchie3 20.09.2015
3. Eine vute Idee
Besser als nichts mehr zu haben, auch wenn vermutlich die inneren Strukturen hin sein werden. Na denn, drucken wir uns mal eine Pyramide. Halt ohne Grabkammer und so
bratwurst007 20.09.2015
4.
Aus den 3 Beiträgen lese ich: Nicht so schlimm, können wir alles reproduzieren... Ich wünschte, manchmal würde auch in diesen Threads jemand schreiben, der nicht nur schon an den genannten Orten war, sondern diese auch wahrgenommen hat.
göpgöp 20.09.2015
5. traurig
Genug dass die "Weltgemeinschaft" nicht stark genug ist diese Schätze effektiv zu schützen. Was bringen denn Titel wie Weltkulturerbe und so...
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