IS-Hinrichtungen "Terrorismus ist die Strategie der Schwachen"

Der "Islamische Staat" enthauptet Opfer, verbrennt sie gar lebendig. Ein grausames Spektakel - aber auch "sehr gute PR", sagt der Historiker Yuval Noah Harari. Seine These: In Wahrheit ist die Macht der Terroristen sehr begrenzt.

Ein Interview von

AP/ Raqqa Media

SPIEGEL ONLINE: Der "Islamische Staat" will mit seinem Terror vor allem Angst verbreiten. Welche Strategie steckt dahinter?

Harari: Der IS kreiert eine immense Angst, weil seine Möglichkeiten, tatsächlich Schaden zu verursachen, sehr begrenzt sind. Also versucht er, militärische Schwäche mit psychologischer Kriegsführung zu kompensieren. Zehntausende Menschen werden in Konflikten auf der ganzen Welt getötet - in Zentralafrika, in Afghanistan, in Somalia. An Orten, von denen man fast nie etwas hört. Die IS-Kämpfer bringen wenige Menschen um, posten die Videos im Internet und schaffen es dadurch, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das ist schlicht sehr gute PR.

Zur Person
  • privat
    Yuval Noah Harari, 38, lehrt Geschichte an der Universität Jerusalem. Er befasst sich vor allem mit militärgeschichtlichen Forschungen und universalhistorischen Thesen. Zuletzt ist von Harari das Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" (Deutsche Verlags-Anstalt) erschienen.
SPIEGEL ONLINE: Hätte der IS-Terror auch einen Effekt in einer Welt ohne Internet?

Harari: Um effektiv zu sein, braucht Terrorismus immer zweierlei: gute Möglichkeiten der Kommunikation und eine Umgebung, in der fast keine politische Gewalt ausgeübt wird.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das bitte.

Harari: Im Mittelalter war politische Gewalt allgegenwärtig. Jeder Kampf um die Kontrolle von Klöstern, Städten oder Königreichen wurde gewaltsam geführt. Die Menschen waren das gewohnt. Wer nicht am Spiel der Gewalt teilnehmen konnte, zählte nicht. In den letzten Jahrhunderten haben es die westlichen Staaten geschafft, eine Öffentlichkeit zu etablieren, die weitgehend ohne politische Gewalt auskommt. Man kann heute um die Kontrolle von Firmen, Städten oder Ländern kämpfen - und muss keine militärische Gewalt anwenden. Die Kontrolle geht von einer Gruppe von Politikern zu einer anderen über, ohne dass ein Schuss fällt. Auch daran haben sich die Menschen gewöhnt. Hierdurch bekommt heutzutage jeder politische Gewaltakt mehr Aufmerksamkeit und weckt tiefsitzende Ängste: "Werden wir wieder ins Mittelalter zurückgeworfen?"

SPIEGEL ONLINE: Was ist dran an dieser Angst?

Harari: Nichts. Die Macht der Terroristen ist normalerweise so begrenzt, dass sie einen Staat nicht einnehmen könnten. Wenn man sich anschaut, was vor Kurzem in Paris passiert ist: Die Terroristen konnten nicht einmal die französische Polizei besiegen. Aber sie können uns Angst machen. Angst davor, dass wir in eine barbarische Ära zurückkatapultiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Die IS-Gräuel erinnern stark an barbarische Zeiten, die wir aus Geschichtsbüchern zu kennen meinen: Nach einer Serie von Enthauptungen haben die Terroristen den jordanischen Piloten Muaz al-Kasaesbeh verbrannt - in einem Eisenkäfig, bei lebendigem Leib. Wie interpretieren Sie diese Mordmethode?

Harari: Es geht darum, noch mehr Angst hervorzurufen. Nachdem die Menschen sich auf gewisse Weise daran gewöhnt haben, dass der IS Menschen köpft, muss er grausamer und extremer werden. Wir sollten das als ein Zeichen der Schwäche interpretieren, nicht als ein Zeichen der Macht. Dem IS fehlen die Ressourcen, eine wichtige Schlacht für sich zu entscheiden, also zum Beispiel Bagdad einzunehmen. Stattdessen macht er etwas, das überhaupt keine militärische Macht erfordert: Er filmt und verbreitet einen grausamen Akt.

SPIEGEL ONLINE: Historisch betrachtet kein neues Vorgehen, oder?

Harari: Im Europa des 16. oder 17. Jahrhunderts war es sehr verbreitet, Hexen oder Verurteilte nach Prozessen der Inquisition öffentlich zu köpfen oder zu verbrennen. Man wollte damit eine große emotionale Wirkung in der Bevölkerung erzielen. Einer der Gründe hierfür war, dass die Regierenden damals recht schwach waren und nicht die Möglichkeiten moderner Staaten hatten. Also kompensierten sie ihre Schwächen durch öffentliche, spektakuläre Gewaltakte. Moderne Staaten wie Frankreich, Deutschland oder die USA sind so stark, dass sie es nicht nötig haben, mit einem theatralischen Spektakel zu beeindrucken.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben von einem "Theater des Terrors". Wenn man sich das Stück gar nicht anschaut, etwa das Video nicht guckt, in dem der jordanische Pilot ermordet wird, ist man allein durch die Schlagzeile zurückgeworfen auf seine eigene Fantasie. Sind wir also mit einem Terror unserer Einbildungskraft konfrontiert?

Harari: Ja, der IS zielt auf unser kulturelles Erbe ab - auf die kollektiven Albträume. Die Menschen im Westen und im Nahen Osten tragen dieses kulturelle Gepäck mit sich herum, in dem barbarische Gräueltaten gespeichert sind. In den letzten Jahrzehnten herrschte im Westen der Eindruck, dass wir das alles hinter uns gelassen haben; dass Mittelalter und Frühe Neuzeit passé sind. Aber jetzt kommt diese Angst, zurückzufallen. Als hätten wir es geschafft, aus einem schwarzen Loch herauszukriechen - doch das Loch ist noch da und wartet darauf, uns einzusaugen. Das ist wie im Theater: Man bedient sich weniger Mittel, um unsere emotionalen Knöpfe zu drücken. Alles weitere findet in unseren Köpfen statt.

SPIEGEL ONLINE: Und wozu führt Terror? Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Harari: Der Terrorismus ist eine Strategie der Schwachen. Terroristen provozieren den Staat, damit der mit seiner immensen Macht die Arbeit für sie übernimmt. Al-Qaida etwa hätte den Irak nicht einnehmen oder die politische Situation auf der Welt verändern können, also haben sie mit den Anschlägen vom 11. September die USA zum Handeln gezwungen. Die USA haben dann ihre Macht missbraucht und überreagiert. Sie haben das Gleichgewicht der Macht im Nahen Osten verändert. Und heute sind die Islamisten viel stärker als vor 15 Jahren - dank der Macht der USA. Das ist wie beim Tai-Chi. In der Kampfkunst nutzt man die Macht des Gegners gegen den Gegner. Der Gegner wird mit seiner eigenen Kraft besiegt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich eine Voraussage erlauben wollen: Wie sieht die Zukunft des Terrorismus aus?

Harari: Die Fundamente des Friedens sind in weiten Teilen der Welt stark. Daher denke ich nicht, dass der Terrorismus immer mächtiger wird. Wir werden wahrscheinlich, inspiriert durch den IS, mehr Terroristen sehen, die sich der Neuen Medien bemächtigen, um ihre Botschaften zu verbreiten. Trittbrettfahrer. Die Menschen sehen ja, wie einfach es ist, auf diese Weise einen großen politischen Sturm bei den Machthabenden von USA bis Japan zu entfachen.

Anzeige



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.