Islamkritiker Ibn Warraq "Dieser Kalte Krieg kann 100 Jahre dauern"

Er verfasste das islamkritische Buch "Warum ich kein Muslim bin" und schreibt aus Angst vor einer Fatwa unter falschem Namen: Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Ibn Warraq, warum der Westen einen Kalten Krieg gegen den Islam führen muss.


SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den Namen Ibn Warraq angenommen?

Warraq: Es gab mehrere Gründe, die noch immer gültig sind. Ich hatte 1993 angefangen, mein Buch "Warum ich kein Muslim bin" zu schreiben, als es 1995 erschien, war ich Professor für britische und amerikanische Kultur an der Universität Toulouse. Ich hatte Angst, zum zweiten Salman Rushdie zu werden, ich wollte nicht sterben und ich musste meine Familie beschützen. Mein Bruder und seine Familie wissen bis heute nicht, dass ich das Buch geschrieben habe. Ich will nicht, dass sie meinetwegen leiden müssen.

Protest islamischer Frauen in Indien (im Mai 2007): "Wir müssen gegen die Ideen, gegen die geistige Verfassung ankämpfen"
AFP

Protest islamischer Frauen in Indien (im Mai 2007): "Wir müssen gegen die Ideen, gegen die geistige Verfassung ankämpfen"

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen besonderen Anlass, das Buch zu schreiben?

Warraq: Die Rushdie-Affäre. Ich war entsetzt über die Reaktionen der westlichen Intellektuellen. Sie waren nicht in der Lage, das kostbare Gut der Freiheit zu verteidigen, einige machten sogar Rushdie für den Skandal verantwortlich. Er ist kein einfacher Mann, trat oft arrogant auf, aber darauf kam es nicht an. Er war das Opfer, nicht der Übeltäter.

SPIEGEL ONLINE: Rushdie wurde als Muslim geboren. Sie auch. Sind sie es noch immer?

Warraq: Heute bin ich ein Atheist. Aber ich kann natürlich meine muslimische Herkunft nicht leugnen. Sie kennen doch den alten Witz: Petrus steht an der Himmelspforte und fragt jeden, der rein will, welcher Religion er angehört. Ein Mann sagt: "Ich bin Atheist." Und Petrus antwortet: "Ich weiß, hier sind alle Atheisten. Sind sie nun ein christlicher Atheist, ein jüdischer Atheist oder ein muslimischer Atheist?" – Also, ich, Ibn Warraq, bin ein muslimischer Atheist. Ich bin nicht mit Religion indoktriniert worden. Mein Vater war sehr liberal. Er musste, wie sein Vater zuvor, Kaufmann werden, aber er wäre gerne Schriftsteller geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlten sich nie vom Glauben angezogen?

Warraq: Doch, als junger Mann hatte ich eine Identitätskrise, ich begann Arabisch zu lernen und den Koran zu lesen. Ich war immer ein Skeptiker, aber eine Weile dachte ich, ich könnte ein gläubiger Muslim werden. Dann aber setzte sich der Skeptiker durch und ich wandte mich den Philosophen zu: Spinoza, Kant, Leibniz, Humes.

SPIEGEL ONLINE: Der Titel Ihres Buches klingt wohl nicht zufällig wie "Warum ich kein Christ bin" von Bertrand Russell.

Warraq: Das stimmt, ich habe ihn absichtlich übernommen. Russell ist einer meiner Idole. Aber mein Buch war kein autobiographisches Statement, eher eine intellektuelle Übung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor kurzem gesagt: "Wir brauchen einen Kalten Krieg gegen den Islam." Wollen Sie das wirklich?

Warraq: Ja, ich meine es ernst. Wir werden einen "heißen Krieg" gegen den Islam nie gewinnen, selbst wenn es uns gelingen sollte, Gruppen wie al-Qaida zu vernichten. Denn jeden Tag werden neue Islamisten geboren. Wir müssen gegen die Ideen, gegen die geistige Verfassung ankämpfen, und dabei können wir aus den Erfahrungen lernen, die wir im Kalten Krieg gegen den Kommunismus gesammelt haben. Dazu gehört ein kritischer, ein rationaler Blick auf die Ursprünge des Islam, die Quellen des Koran.

SPIEGEL ONLINE: Warum sprechen Sie vom "Kalten Krieg", warum sagen Sie nicht einfach "Aufklärung" oder "Information"?

Warraq: Weil es ein Kampf ist, der an vielen Fronten geführt werden muss. Es geht um nationale Sicherheit, um Erziehung und um Information. Etwas, das ich für sehr wichtig halte, ist die Verteidigung der Rechte von Nicht-Muslimen in muslimischen Gesellschaften, also der Christen in Pakistan, der Juden im Iran, und so weiter. Denn sobald ein Muslim in einer muslimischen Gesellschaft die Rechte eines Andersgläubigen anerkennt, befindet sich die Gesellschaft schon auf dem Weg in die Säkularisierung.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben nicht an die automatische Säkularisierung des Islam durch Handel, Technik und Globalisierung?

Warraq: Nichts passiert automatisch. Wir brauchen einen rationalen Blick auf die Geschichte des Islam, seine heiligen Schriften. So ein Blick kann nur aus dem Westen kommen, von draußen.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann wäre er dem Islam aufgezwungen. Würde das nicht erbitterte Widerstände provozieren?

Warraq: Die Wahrheit und die Vernunft finden immer einen Weg. Wenn Sie die Ursprünge des Koran rational erklären, werden Ihnen rational denkende Menschen folgen, egal ob es Muslime sind oder andere. Und am Ende werden Muslime selbst in der Lage sein, sich mit ihrem Glauben vernünftig auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann wird es einen reformierten Islam geben?

Warraq: Es geht nicht um Reformen oder eine neue Interpretation des Koran. Wenn es in einer Sure heißt: Der Mann darf seine Frau schlagen, dann gibt es daran nichts zu interpretieren. So steht es da und so ist es auch gemeint. Einige muslimische Feministinnen tun so, als ob man diese Sure auch ganz anders verstehen könnte, aber das ist nicht ehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Herangehensweise schlagen Sie vor?

Warraq: Man muss den Koran als ein Dokument menschlichen Geistes sehen. Sogar dann, wenn man die Prämisse akzeptiert, dass er "von oben" inspiriert wurde, so ist er doch von Menschen niedergeschrieben worden. Und wie jeder Text, der von Menschen verfasst wurde, kann er kritisiert und in Frage gestellt werden. Unter welchen Umständen ist er geschrieben worden? Welche Vorgeschichte hat er? Und wenn das Ganze ein menschliches Produkt ist, dann muss man es nicht als Ausdruck göttlichen Willens verstehen. Auch die meisten Christen und die Juden nehmen die Bibel nicht mehr wörtlich, Reformjuden fragen sogar, ob Abraham überhaupt gelebt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was würde dann von der muslimischen Kultur, dem Islam übrig bleiben?

Warraq: Es wäre eine private Angelegenheit zwischen dem Gläubigen und seinem Gott. Wir hätten auch in muslimischen Gesellschaften eine Trennung von Staat und Religion. In der Politik muss man argumentieren, verhandeln und Kompromisse schließen. In einem theokratischen Staat ist das nicht möglich. Mit Gott kann man nicht feilschen.

SPIEGEL ONLINE: Mit diesem anspruchsvollen Projekt werden Sie bis zum Jüngsten Tag beschäftigt sein.

Warraq: Ja, und ich werde das Ende nicht erleben. Der Kalte Krieg gegen den Kommunismus hat 40 Jahre gedauert, dieser hier kann 100 Jahre dauern. Oder noch länger. Aber er muss geführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Sie sich nicht manchmal wie ein einsamer Cowboy vor?

Warraq: Wie Lucky Luke im Tal des Todes. Aber wenn ich unterwegs bin, treffe ich viele Muslime, die mir sagen, dass meine Arbeiten ihr Leben geändert haben, dass sie jetzt frei atmen und sprechen können. Das ist sehr ermutigend.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus, wie es in Europa üblich ist.

Warraq: Nein, ich halte das für irreführend. Wenn Sie differenzieren möchten, dann könnten Sie sagen: Der Islam ist keine friedliche Religion, aber es gibt viele friedliche Muslime. Sie könnten auch sagen: Der Islam ist nicht das, was die Muslime tun sollten, es ist das, was sie tun. Deswegen unterscheide ich zwischen drei Schichten des Islam: dem Koran, der Auslegung durch die Theologen und der täglichen Praxis. Und die war meistens liberaler und toleranter als das, was die Schriftgelehrten uns vermitteln wollten.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie uns ein Beispiel.

Warraq: Nehmen Sie die Frage der Homosexualität. Leider erleben wir gerade eine Rückkehr zur wörtlichen Auslegung. Das hat viele Ursachen, darunter die Unterlegenheit der Muslime, was ihre kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung angeht. Sie können mit dem Rest der Welt nicht mithalten und fragen sich: "Warum ist das so? Warum versagen wir?" Und sie antworten: "Weil Gott uns böse ist. Wir müssen wieder gute Muslime werden, damit Gott uns wieder lieb hat."

SPIEGEL ONLINE: Das verheißt nichts Gutes für die Zukunft.

Warraq: Es ist noch nichts entschieden. Ich sehe allerdings eine zunehmende Militanz bei den Muslimen und eine wachsende Bereitschaft zum Appeasement im Westen, eine schleichende Scharia. In England soll demnächst ein Gesetz zum Schutz religiöser Gefühle verabschiedet werden, das eine Kritik am Islam unmöglich machen würde. Es wäre das Ende jeder Debatte.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Sie hoffnungsvoll stimmt?

Warraq: Das Auftreten des australischen Ministerpräsidenten Howard. Er hat den in Australien lebenden Muslimen klar gesagt: "Wer hier lebt, der muss sich an unsere Gesetze halten. Wenn ihr unter der Scharia leben wollt, dann müsst ihr Australien verlassen." So klar hat sich kein anderer Politiker geäußert.

Das Interview führte Henryk M. Broder



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.