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Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali: Auf Augenhöhe mit dem Gorilla

Aus Malibu berichtet Henryk M. Broder

Ayaan Hirsi Ali ist zum Weltstar der Islamkritik geworden, ihren Mut bezahlt sie mit steter Lebensgefahr. In Amerika weiß man ihre Tapferkeit zu schätzen - und lauscht gebannt der Geschichte vom falsch verstandenen Gorilla.

Es ist ein wenig zu kühl für die Jahreszeit, über Malibu liegt leichter Nebel und die Paparazzi, die um diese Zeit sonst schon auf der Lauer liegen, um Promis beim Joggen und Einkaufen "abzuschießen", sind noch nicht zum Dienst erschienen. Sie ahnen nicht einmal, wen sie verpassen: Ayaan Hirsi Ali, Bestsellerautorin mit Migrationshintergrund, geboren in Somalia, aufgewachsen in Kenia, berühmt geworden als Islamkritikerin in den Niederlanden, Stachel im Fleisch aller Fundamentalisten.

Islamkritikerin Aayan Hirsi Ali: Persönlich, klar, positiv
Henryk M. Broder

Islamkritikerin Aayan Hirsi Ali: Persönlich, klar, positiv

Seit Sommer letzten Jahres lebt und arbeitet Ayaan Hirsi Ali in den USA, wohin sie floh, nachdem ihr vorübergehend die holländische Staatsangehörigkeit entzogen wurde. Sie ist Fellow am "American Enterprise Institute", einem konservativen Think Tank in Washington. Allerdings nur, wenn sie nicht gerade in der Welt unterwegs ist, um ihr neues Buch "Infidel" vorzustellen.

In den letzten Wochen war sie auf Promo-Tour in Skandinavien und in Kanada, und eben ist sie aus Australien eingeflogen, um an einer internationalen Konferenz an der Pepperdine University über "The Collapse of Europe?" teilzunehmen.

Dass der Zusammenbruch unvermeidlich ist, scheint trotz des symbolischen Fragezeichens für die meisten Teilnehmer der Konferenz festzustehen. Nur über den Zeitpunkt des zu erwartenden GAUs gehen die Ansichten auseinander - wenn er nicht bereits stattgefunden hat, wofür es in der Tat einige Indizien gibt.

Ayaan Hirsi Ali steht am Rednerpult im Auditorium der School of Public Policy und referiert vor über 300 Zuhörern über die Lage in Europa. Ihr Englisch ist perfekt, wenn auch mit einem starken Akzent eingefärbt, sie trägt einen eleganten grauen Hosenanzug und sieht hinreißend gut aus, eine African Queen auf High Heels. Mit diesem Outfit und mit dieser Haltung würde sie auch an der Wall Street eine perfekte Figur machen.

Wie sich der Westen zum Affen macht

Sie habe, berichtet sie, vor kurzem Besuch von ihrer Freundin Evelyn aus Amsterdam bekommen. Und Evelyn habe ihr eine Geschichte erzählt, die sich im Zoo von Rotterdam zugetragen habe. Ein Gorilla namens Bokito sei aus seinem Gehege gestürmt und habe eine Frau überfallen, die ihn regelmäßig besucht habe.

Schwer verletzt im Krankenhaus liegend, bekannte sie, Bokito sei und bleibe ihr Liebling. Ein Biologe, der zu dem Vorfall befragt wurde, nahm Bokito ebenfalls in Schutz: Die Frau habe den Angriff provoziert, indem sie Augenkontakt mit dem Tier aufgenommen habe – wie es Gorilla-Weibchen tun würden, die sich paaren möchten. Bokito habe sich "vollkommen normal" verhalten.

Auch die meisten Kommentatoren der holländischen Medien hätten Partei für Bokito und gegen seine aufdringliche Verehrerin ergriffen. Jetzt wolle man im Zoo von Rotterdam Schilder aufstellen und die Besucher bitten, Blickkontakt mit Gorillas zu vermeiden, um sie nicht zu provozieren.

Spätestens an dieser Stelle verstehen die Zuhörer, wofür die Bokito-Geschichte steht. Und die wenigen, die es noch nicht begriffen haben, werden sogleich aufgeklärt. "Prophet Mohammed, der Friede sei mit ihm, dreht sich vor Freude in seinem Grabe!" Der moralische und kulturelle Relativismus habe alle Grenzen der Vernunft überschritten, die europäische Gesellschaft sei im Begriffe, sich zu entleiben.

Davon sind die Besucher der Konferenz, die sich vor allem aus konservativen Kreisen rekrutieren, ohnehin schon überzeugt, aber sie hören es immer wieder gerne, und wenn es ihnen von einer Frau, einer Afrikanerin, einer geborenen Muslima, die Europa verlassen musste, gesagt wird, dann hat die Botschaft einen besonders authentischen Klang.

Realistisch, nicht defätistisch

Ayaan Hirsi Ali, die vom "Time"-Magazin zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt gezählt wurde, ist ein Naturtalent. Nicht nur, dass sie ihr Publikum innerhalb von Minuten in eine Applaus-Maschine verwandelt, sie trifft auf Anhieb den richtigen Ton, jenen Dreiklang aus persönlichem Bekenntnis, klarer Situationsanalyse und positive thinking, eine Mischung, die in Amerika immer gut ankommt.

Sogar dann, wenn sie zum Thema "Bürgerrechte oder globaler Dschihad" spricht und die Frage stellt: "Missbrauchen die Muslime die demokratischen Spielregeln, um die Demokratie auszuhebeln?". Ihre Antwort lautet ja, das hört sich zwar bedrohlich, aber nicht ganz hoffnungslos an.

Denn wenn man dem Dschihad etwas entgegensetzen will, muss man zuerst wissen, mit wem man es zu tun hat. Sie redet über "Erpressung" und "Missbrauch der Rede- und Versammlungsfreiheit", und obwohl sie immer wieder betont, sie meine "nicht alle Muslime", gerät die Rede doch zu einer Generalabrechnung mit der Kultur, die einmal auch die ihre war.

Allein in Holland, sagt Ayaan Hirsi Ali, gebe es 753 islamische Gruppen, die alle Geld von der Regierung fordern würden, "um Stammesrituale und seltsame religiöse Bräuche zu praktizieren". Die Zahl der Muslime, die das geltende Recht durch die Scharia ersetzen möchten, wachse ständig, nicht nur in ihrer alten Wahlheimat. "Wir müssen einsehen, dass der Westen sich im Krieg mit dem Islam befindet."

Kulturelle Militanz, die ankommt

Überall in Europa würden solche Sätze Widerspruch provozieren. Ayaan Hirsi Alis Zuhörer neigen freilich nicht dazu, zwischen dem friedlichen Islam und dem militanten Islamismus zu unterscheiden, um sich an einem Strohhalm festzuhalten. Sogar im sonnigen und multikulturellen Kalifornien, wo man sich nur vor Waldbränden, Erdbeben und zu viel Cholesterol im Essen fürchtet, kommt solche kulturelle Militanz gut an, zumal wenn sie von einer Ex-Muslima verkörpert wird.

Letztlich könnte die charismatische Rednerin aus dem Telefonbuch von Orange County vorlesen, ihre Zuhörer wären nicht weniger begeistert und dankbar. Die schlanke, fragil wirkende Frau hat die Ausdauer eines Windrads, die Kraft einer Lokomotive, die Autorität einer Heiligen und das Selbstvertrauen eines Kindes. Sie werde, kündigt sie an, demnächst einen Brief an den Papst schreiben und ihn ermutigen, die christliche Missionsarbeit in Afrika zu verstärken.

Nach dem Vortrag und dem üblichen Frage-und-Antwort-Spiel ("Warum gibt es in Europa so wenige Menschen wie Sie?") will Ayaan Hirsi Ali nur noch eines: raus an die frische Luft. Sie setzt sich in die Sonne und liest "Opinio", eine neue Wochenzeitung aus Amsterdam, die ihr ein Zuhörer mitgebracht hat. Es sind die ersten Minuten seit Tagen, die sie mit niemandem teilen muss.

Zehn Monate lebt Ayaan Hirsi Ali schon in den USA, sie hat eine Green Card beantragt und möchte bleiben. Aber sie weiß: Es wird noch eine Weile dauern, bis sie Holland endgültig verlassen hat.

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