Panama Papiere "Politik in Island ist plötzlich irre geworden"

Zehntausende Isländer gingen auf die Straße und jagten ihren Premier vorerst aus dem Amt - weil sein Name in den Panama Papieren auftaucht. Woher diese Wut kommt, erklärt der Ex-Bürgermeister und Komiker Jón Gnarr.

Jón Gnarr (bei einem Interview 2014)
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Jón Gnarr (bei einem Interview 2014)

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Zur Person
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    Jón Gnarr, 49, war in Island als Komiker und bekennender Anarchist wohlbekannt, als er die "Beste Partei" gründete und 2009 sensationell zum Bürgermeister von Reykjavík gewählt wurde. Für viele überraschend blieb er volle vier Jahre im Amt. Er schrieb ein Buch über seine Amtszeit, "Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!", 2014 erschienen im Klett-Cotta-Verlag.
SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie, Jón Gnarr, wer ist eigentlich gerade Islands Ministerpräsident? Ist es noch Sigmundur Davíð Gunnlaugsson? Ich bin ein bisschen durcheinandergekommen.

Gnarr (lacht): Ich bin auch nicht ganz sicher. Er ist am Dienstag zurückgetreten, aber am Abend hat er seinen Rücktritt zurückgezogen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt denn die isländische Verfassung in solchen Fällen?

Gnarr: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich bräuchten wir eine professionelle Intervention. Denn Politik in Island ist plötzlich vollkommen irre geworden. Wäre interessant, was dabei herauskommt. Aber ich sehe eigentlich keine andere Möglichkeit als Neuwahlen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie erklären, warum die isländische Bevölkerung so wütend auf Gunnlaugsson wurde?

Gnarr: Nun, er hatte schon länger seine Eigenheiten. Zum Beispiel vermeidet er den Kontakt mit bestimmten Medien und pickt sich ganz genau heraus, mit wem er sprechen will. Außerdem klingt er manchmal sehr defensiv und sogar paranoid. Er ist passiv-aggressiv, wenn er einfache Fragen beantworten soll. Und als die Panama Papiere am Sonntag veröffentlicht wurden, waren die Leute, mich eingeschlossen, einfach schockiert und aufgebracht. Und die politische Antwort darauf hat alles nur noch schlimmer gemacht. Denn sie sagten, es sei keine große Sache, wir sollten uns keine Gedanken machen.

SPIEGEL ONLINE: Bei uns haben manche auf die Panama Papiere mit Zynismus reagiert, nach dem Motto: Was ist neu daran? Wir wissen doch eh, dass die Reichen und Mächtigen betrügen. Ist das in Island anders?

Gnarr: Die Leute sind sich dessen schon bewusst. Aber unsere Situation ist einzigartig.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Gnarr: Ich habe zum Beispiel Bücher in Europa veröffentlicht. Aber ich kann nicht einfach ein Bankkonto in Europa eröffnen, denn es gibt ein Gesetz, dass es verbietet, Geld außer Landes zu bringen. Wenn ich in Deutschland ein schönes Auto sehe, das ich kaufen will, muss ich einen Antrag bei einer Zentralbank in Island stellen, die das Auto dann für mich kauft. Wir haben hier sehr strenge Regeln seit 2008. Das ist eine politische Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Und die Politiker haben die Regeln gebrochen?

Gnarr: Genau. Der Premierminister hat davon gesprochen, dass wir zusammenstehen sollen, wir sollten Verzicht üben für unser gemeinsames Ziel. Und dann finden wir heraus, dass er es nicht getan hat. Er hat uns auch gesagt, es sei nicht zu unserem Guten, wenn wir der EU beiträten und den Euro bekämen, wir sollten die Isländische Krone behalten. Zur gleichen Zeit hat er sein eigenes Geld in fremden Währungen investiert. Es ist wie bei Orwells "Farm der Tiere": "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher." Das ist wirklich ungerecht und unehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Klassische Doppelmoral.

Gnarr: Absolut! Ich habe es meinem zehnjährigen Sohn so erklärt: Es ist, als hätten wir zuhause beschlossen zu sparen, indem wir ein Jahr lang keine Pizza mehr essen, sondern nur noch Fisch. Und dann würdest du herausfinden, dass ich jeden Freitagabend heimlich Pizza gefuttert habe.

Demonstranten vor dem Parlament in Reykjavík
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Demonstranten vor dem Parlament in Reykjavík

SPIEGEL ONLINE: Wenn man die 22.000 Bürger, die am Montagabend in Reykjavík gegen den Ministerpräsidenten demonstriert haben, auf deutsche Verhältnisse umrechnen würde, käme man auf rund fünf Millionen Leute. War das ein einmaliges historisches Ereignis, oder gibt es eine spezielle Protestkultur auf Island?

Gnarr: Das ist ein ganz neues Phänomen, die Protestkultur entstand erst 2008. Aber ich war auch überrascht, dass am Montag so viele Leute kamen. Ich hatte mit etwa Zehntausend gerechnet. So war es die größte Demonstration der Geschichte in der Innenstadt von Reykjavík. Es war absolut einzigartig. Die Leute wollen einfach zurück zur Normalität finden. Die Leute haben so viel verloren. Sie haben eine lange, zehrende Zeit hinter sich. Jetzt ist der Moment für etwas Neues.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie als Bürgermeister von Reykjavík antraten, war ein Punkt in Ihrem Programm: "Offene Korruption statt versteckter." Sind die Panama Papiere also eigentlich in ihrem Sinne?

Gnarr: Es entspricht dem, was ich für gute Politik halte. Und wir müssen uns der Realität stellen, dass das Internet alles verändert hat. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles herauskommt. Ich finde es gut, alles auf den Tisch zu legen, auch wenn man sich nicht sicher ist, ob etwas gut oder schlecht ist. Bei meiner Kampagne wusste ich zum Beispiel, dass man mir komplizierte technische Fragen stellen würde, auf die ich keine Antwort hätte. Also habe ich einfach ehrlich zugegeben, dass ich es nicht wusste.

SPIEGEL ONLINE: In dem Interview mit dem schwedischen Fernsehen, in dem Sigmundur Davíð Gunnlaugsson erstmals mit seiner Rolle in den Panama Papieren konfrontiert wurde, sagt er einmal, er wisse auch nicht so genau, wie das mit den Banken funktioniere. (Jón Gnarr lacht unkontrolliert los) Hat er es da so ähnlich gehalten wie Sie?

Gnarr: Nein, bei mir hatte es Methode. Es war ein Konzept, Schwächen einzugestehen. Ich denke, ihm ist es versehentlich passiert. Vielleicht ist es aber auch eine glatte Lüge. Es ist wirklich unglaublich lächerlich. Vielen Leuten ist das einfach nur noch peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie im Amt waren und weltweit über Sie berichtet wurde, werden viele ja eher stolz gewesen sein. Bekommen Sie solche Stimmen jetzt verstärkt zu hören?

Gnarr: Ja, ich habe viel Feedback bekommen, in den Sozialen Medien und auch von Leuten, die ich treffe. "Wir brauchen dich zurück" und so etwas.

SPIEGEL ONLINE: Reizt es Sie denn nicht, wieder in die Politik zurückzukehren?

Gnarr: Es reizt mich schon, ja. Aber ich mache jetzt eine Fernsehserie.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine?

Gnarr: Nun, seit dem Ende meiner Amtszeit als Bürgermeister von Reykjavík vor zwei Jahren arbeite ich an einer Serie namens "Der Bürgermeister", wo ich einen Mann spiele, der der Bürgermeister von Reykjavík ist. Es ist eine tragikomische Geschichte darüber, wie Politik aussähe, wenn sie eine bestimmte Grenze überschreiten würde. In vier Wochen fangen wir an zu drehen - und plötzlich wache ich auf in meiner eigenen Serie. Jeden Tag sagen meine Drehbuchautoren und ich: Das kann man sich nicht ausdenken!

Jón Gnarr als "Der Bürgermeister"
Jón Gnarr

Jón Gnarr als "Der Bürgermeister"

SPIEGEL ONLINE: Die Realität droht die Fiktion zu schlagen?

Gnarr: Ja. Aber es fasziniert mich, diese Linie zwischen der sogenannten Realität und dem Irrealen zu verwischen. Der Bürgermeister, den ich spiele, sieht zum Beispiel genauso aus wie ich, das einzige, was ich ändere, ist meine Persönlichkeit. So ähnlich habe ich es gemacht, als ich die "Beste Partei" startete. Ich erfand diesen Charakter und gleichzeitig machte ich mich lustig über den Politikbetrieb, wie vorhersehbar und dumm Kampagnen-Slogans sind. Nun stelle ich mir vor, in meinem Seriencharakter als Bürgermeister Zeitungsartikel über aktuelle Nachrichten zu schreiben, als wäre er echt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn also "Der Bürgermeister" erfolgreich sein sollte, könnte es ja eine zweite Staffel geben, in einem neuen Amt?

Gnarr: Das wäre ein Konzept: Erst eine Amtszeit als Bürgermeister, dann eine TV-Serie über einen Bürgermeister. Danach würde es passen, wenn ich danach fürs Parlament antrete, das vier Jahre lang erlebe und dann darüber eine Serie mache. Ich weiß viel zu wenig über Parlamentsarbeit. Es wäre also einerseits Recherche - und andererseits müsste ich es ernsthaft machen und Verantwortung übernehmen. Eine komplizierte Aufgabe. Ich muss darüber gut nachdenken.

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