S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Linken werden den Juden nie verzeihen

Irgendwie systemkritische und linke Europäer lieben Opfer. Die Juden waren in der Vergangenheit sehr oft Opfer. Wenn sie sich heute wehren, kann das der moralisch gute Europäer einfach nicht ertragen.

Eine Kolumne von


Die Logik von sogenannten Linken ist mithin schwer nachzuvollziehen.

"Israel provoziert dritte Intifada": Was will uns die seit Jahren in der Demokratie Israel angenehm lebende "taz"-Journalistin Susanne Knaul mit dieser Überschrift sagen? Dass Jüdischsein per se schon eine Zumutung und Provokation sondergleichen ist? Die Mehrheit der Berichterstattung und mit ihr der kritischen Leser (vergleiche z.B. hier) ist sich wieder einig. Und weiter an der Tagesordnung. Die Linke, falls es so etwas heute noch gibt, oder sagen wir besser, die gut lebenden systemkritischen Bürgerinnen und Bürger, werden den Juden nie verzeihen, dass sie keine Opfer mehr sein wollen.

Der systemkritische, gut verdienende Europäer liebt Opfer. Sie haben so eine Aura von bewaffnetem Kampf und Abenteuer. Die Palästinenser, die PLO, die roten Brigaden, Sie wissen schon. Gegen den Kapitalisten, den da oben, den Feind, gegen Amerika, das uns die verdammte Demokratie gebracht hat. Die Solidarität der oft gut verdienenden, aber aus irgendwelchen Gründen frustrierten System- oder Kapitalismusgegner mit dem, den sie für den Verlierer des kapitalistischen Kampfes halten, überdauert selbst die Erkenntnis, dass im Wettkampf - und zwar um was auch immer - derjenige verliert, der Gleichberechtigung und Demokratie ignoriert.

Dass Wohlstand Bildung voraussetzt, Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit - ach, scheiß der Hund drauf, lallt der loyale Linke, und schreibt schnell noch einen Hetzeintrag in ein Forum. Dass der Großteil des aktuellen Bullshits auf der Welt im Moment von islamischen Fundamentalisten ausgeht - egal. Die Israelis, die Juden, die Amerikaner, die alte Leier, der Wahnsinn. Der sich von Generation zu Generation zu vererben scheint.

Keiner weiß mehr genau, warum seine Eltern irgendwann mal links waren. Was sie wollten, wer Marx war (Jude), was er so wollte. Übernommen wird nur der rigide Stumpfsinn, der ideologische Restmüll, der aus Mündern und Hirnen kommt, die in einem Kopf sind, dessen Körper sich mit amerikanischen Kapitalistenprodukten vollhängt.

Meinen Gedanken fehlt die Stringenz? Ich weiß, ich wollte mich nur für systemkritische Kapitalismusgegner verständlich machen, denen Logik auch nicht unbedingt wie die Luft zum Atmen ist. An den Häusern israelkritischer Korrespondenten in Israel fahren große Allradwagen des Roten Kreuzes vorbei. Der Kontrollorganisation, die ohne jede Kontrolle die Einhaltung der Genfer Menschenrechte kontrolliert - sie winken sich zu. Na, wenigstens waren die mal in Israel, was man von den meisten Israelkritikern nicht sagen kann, na wenigstens sind die Menschen kritisch. Das hilft der Welt doch wirklich.

Der systemkritische, konsumskeptische Konsument lässt sich nichts mehr vormachen. Wir unterschätzen ihn. Denn jetzt, in diesem Moment, formt sich der bewaffnete, systemkritische, vormals linke Widerstand, um in Indien Frauen zu retten, um in Nigeria Mädchen zu befreien, sich den Dschihadisten des "Islamischen Staats" (vormals:ISIS) in den Weg zu stellen. Das ist ein anderer Schnack als gegen Bahnhöfe, Windräder und Juden zu wettern, wir werden uns alle noch umschauen.

Die Welt ist ein Jammertal, und wer nicht weltmüde ist, hat den Schuss doch nicht gehört.

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