Ultraorthodoxe Jüdinnen entdecken Feminismus Das Ende der Bescheidenheit

In der Politik haben sie nichts zu sagen - und ihr Leben ist von Regeln bestimmt, die Männer für sie machen. Aber nun begehren ultraorthodoxe Frauen in Israel auf.

Racheli Ibenboim
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Racheli Ibenboim

Aus Jerusalem berichtet


Vor den Fenstern hasten Männer in schwarzen Kaftanen vorbei, den Kopf tief über religiöse Schriften gebeugt. Drinnen, in einem Jerusalemer Café am Rande der ultraorthodoxen Nachbarschaft Me'a She'arim, wiegt Racheli Ibenboim ihre sechs Monate alte Tochter im Kinderwagen und wischt sich den Pony ihrer Perücke aus den Augen.

Nach den Regeln der Ultraorthodoxen müssen verheiratete Frauen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedecken, Ibenboim setzt auf eine Echthaarperücke über dem rasierten Kopf. Die 32-Jährige ist tiefgläubig - und gleichzeitig eine der wichtigsten Kämpferinnen für Frauenrechte in Israel. Ibenboim sagt: "Wir Frauen leisten so viel, aber wir haben keine Mitspracherechte. Das ist falsch." Sie fordert mehr Rechte für ultraorthodoxe Frauen, bessere Bildung und politische Repräsentation im Parlament und im Stadtrat.

Ultraorthodoxe Juden leben in Israel meist abgeschottet, in einer Welt voller religiöser Regeln. Sie haben eigene Schulen und sind vom Armeedienst ausgenommen. Das Leben der Frauen ist besonders streng reglementiert. Während die Männer tagtäglich die Thora studieren, sind es die Frauen, die neben der Kindererziehung in den Großfamilien auch dafür zuständig sind, ein kleines Einkommen nach Hause zu bringen.

Auch Ibenboim folgte lange den Regeln ihrer Gemeinschaft: Kurz nach ihrem 18. Geburtstag verlobt sie sich, 20 Minuten haben sie und ihr Ehemann sich vorher gesehen. Bald nach der Heirat kommt das erste Kind auf die Welt. Doch weil das Geld in der jungen Familie knapp ist, sucht sich Ibenboim eine Arbeit. Drei Jahre klopft sie neun Stunden am Tag Schmuck zusammen, ein dumpfer Job für den Mindestlohn.

Ultraorthodoxe in Israel
Ultraorthodoxes Leben
Ultraorthodoxe sind eine einflussreiche, strenggläubige jüdische Minderheit im israelischen Staat. Sie nennen sich selbst Haredim (Gottesfürchtige). Alles Weltliche lehnen sie ab und schirmen sich streng vom weniger religiösen Teil der Bevölkerung ab. Insbesondere ihre Weigerung, den für alle Israelis verpflichtenden Armeedienst anzutreten, macht sie beim Rest der Bevölkerung unbeliebt.
Bevölkerungsanteil
Weil in ultraorthodoxen Familien sieben oder acht Kinder keine Seltenheit sind, wächst ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Israel stark. Etwa 13 Prozent sind es derzeit, schon 2030 könnten es nach Schätzungen 18 Prozent sein, zwei Millionen Haredim.
Bildung und Arbeit
Ultraorthodoxe haben ihr eigenes Schulsystem, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen sind auch hier Jungen und Mädchen streng voneinander getrennt. Den Männern ist es vorbehalten, die Thora zu studieren. Einer normalen Erwerbstätigkeit gehen sie daher deutlich seltener nach als die Frauen. Die sorgen neben der Kindererziehung oft auch für das einzige Haushaltseinkommen. Als vertretbar gelten Jobs wie Kindergärtnerin oder Lehrerin. Viele Haredim leben aufgrund der Erwerbssituation in Armut.

"Du bist im Kern verrottet"

Dennoch häufen sich Schulden an. Ibenboim beißt sich durch, schafft den Wechsel in eine Werbeagentur. Der Job ist besser bezahlt, und Männer und Frauen arbeiten dort in getrennten Büros, wie es sich für Ultraorthodoxe gehört. Ibenboim steigt weiter auf, irgendwann hat sie einen Geschäftswagen mit Fahrer. Doch in ihrem Umfeld beginnt es zu gären - schon der berufliche Erfolg ist für manche in ihrem Umfeld zu viel.

"Du bist im Kern verrottet", sagt eine Frau zu ihr. Eine Freundin fragt, was Ibenboims Tochter später von ihrer karrieresüchtigen, unanständigen Mutter denken soll. Der Vorwurf wiegt schwer. Ibenboim schämt sich für sich selbst, für ihren Ehrgeiz, für ihr Geld.

Irgendwann aber regt sich auch ihr Gerechtigkeitssinn. "Das Leid, das ich fühlte, fühlten viele andere auch. Und ich dachte: 'Dieses Leid ist deine Mission.' Denn es ist nicht nötig, dass wir es fühlen." Heute ist Ibenboim stolz auf ihren Erfolg, auf ihren Masterabschluss, den sie vor Kurzem machte.

Ihren Kampf für Frauenrechte versteht sie als Balanceakt, Ibenboim testet die Grenzen des Machbaren vorsichtig aus: "Ich fühle mich in meiner Gemeinschaft daheim und will nicht verstoßen werden." Als sie vor einigen Jahren als Kandidatin fürs Jersualemer Stadtparlament antritt, muss sie ihre Kampagne nach Drohungen abbrechen. Anderen Frauen mit politischen Ambitionen werden die Häuser mit Eiern und Farbe beworfen. Ihr Mann, erzählt sie, steht zu ihr, als einer der wenigen. Dennoch zieht sie ihre Kandidatur zurück.

Balanceakt statt Revolution - des Glaubens wegen

Die Hoheit der Männer über ihre Religion will Ibenboim nicht antasten. Das Urteil ihres Rabbis ist für Ibenboim Gesetz. Das ist ein Grund, warum diese Frauenbewegung für viele Europäer so schwer zu verstehen ist. Können das Feministinnen sein? "Irgendwann sagte jemand zu mir, ich sei Feministin, aber ich hatte das Wort noch nie gehört und wusste nicht, was es bedeutet", sagt Ibenboim. "Es ist ein Label, das von außen kommt. Ja, ich setzte mich für Frauenrechte ein, und man kann mich als Feministin sehen. Gott gibt mir die Kraft, die ich für meine Mission brauche."

Yael Elimelech
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Yael Elimelech

Vielleicht stammt ein wenig der Kraft auch daher, dass Ibenboim nicht mehr allein mit ihrem Protest ist - um sie hat sich in den vergangenen Jahren eine kleine Gruppe ultraorthodoxer Aktivistinnen formiert.

Eine Mitstreiterin ist zum Beispiel Yael Elimelech. Sie kämpft aus einem unscheinbaren Büro-Kubus in der Jerusalemer Stadtverwaltung heraus für mehr Chancen für ultraorthodoxe Mädchen. Elimelech ist für die Bildungseinrichtungen der Ultraorthodoxen in Jerusalem zuständig. Die Kinder gehen auf eigene Schulen, in denen es eine strenge Geschlechtertrennung gibt. Weil ihre Sonderabschlüsse auf dem Arbeitsmarkt wenig wert sind, würden viele Berufstätige benachteiligt, sagt Elimelech.

Also schuf Elimelech Programme, mit denen Mädchen Abschlüsse machen können, die vergleichbar sind mit denen anderer israelischer Schüler. "Am Anfang gab es viel Gegenwehr, unsere Gesellschaft hat Angst vor Veränderung", sagt Elimelech. "Aber es ist an der Zeit. Immer mehr ultraorthodoxe Frauen realisieren, dass sie nicht länger zurückstecken sollten. Nicht bei der Ausbildung und nicht in der Politik."

Politik-Crashkurs für 30 Frauen

Zur israelischen Parlamentswahl 2014 organisierte Ibenboim erneut Widerstand, unter dem Titel "Keine Frauen als Kandidaten, keine Stimmen von Frauen". Sie wollte die beiden einflussreichen ultraorthodoxen Parteien Shas und Vereinigtes Thora-Judentum dazu bringen, Frauen auf den Listen zuzulassen. Vergeblich.

Etwas löste ihr Protest aber doch aus: Ihre Mitstreiterin Elimelech startete nach den Wahlen einen Crashkurs für politische Führungskompetenz. 30 Frauen meldeten sich an. Eine ihrer Kursteilnehmerinnen wird in den nächsten Jahren in ein politisches Amt gewählt werden, daran glaubt Elimelech fest. Vielleicht nicht gleich in die Knesset, das israelische Parlament. Aber, findet Elimelech, auch die lokale Ebene wäre ein guter Start.

Video: Ultraorthodoxe Juden und Sexualität

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insgesamt 8 Beiträge
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unky 22.04.2018
1. Hut ab!
Diesen Frauen kann man nur viel Erfolg wünschen. Sie und ihresgleichen werden dafür sorgen, dass die Ultraorthodoxen im 21. Jhdt. ankommen.
Perutti77 22.04.2018
2. Religionen haben viel gemeinsam
Interessant, dass eigentlich alle großen Religionen eines gemeinsam haben: Die Frauen sind weniger wert als die Männer. Als Mann kann ich mich nur wundern, dass sich die Frauen das in einer aufgeklärten Welt weiterhin gefallen lassen - und sich nicht z.B. mit einem Hashtag #meout von diesen Kirchen schnellstens verabschieden...
dschauhara 22.04.2018
3. Feminismus???
Wenn diese Frauen denken, so für das, was sie erreichen möchten kämpfen zu wollen, dann ist das ihre Sache; ähnliche Ansätze gibt es ja auch bei evangelikalen Christinnen und fundamentalistischen Muslimas. Ich sehe persönlich darin keinen wirklichen Ansatz, da patriarchale Strukturen nicht wirklich als Grundproblem thematisiert und bearbeitet werden. Letztlich bleiben die patriarchalen Strukturen (der orthodoxe Rabbi hat immer recht, Geschlechtertrennung ist Grundlage der sozialen Interaktion) unangetastet. Aber genau in solchen Punkten liegt doch die Crux: patriarchale Systeme und ihre Elemente diskriminieren anhand des Geschlechts. Das muss doch thematisiert und radikal durchbrochen werden?!?!
Sibylle1969 22.04.2018
4.
Die Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder und müssen auch arbeiten, um das Geld zu verdienen - schließlich sind die Männer mit dem Thora-Studium beschäftigt und haben daher keine Zeit zum Arbeiten - und dann haben die Frauen nichts zu melden in Sachen Mitsprache. Man kann nur hoffen, dass sich genügend Frauen für die Sache finden, und vor allem, dass diese für ihre eigenen Töchter keinen Zwang ausüben, sehr jung arrangierte Ehen einzugehen.
walterboller 22.04.2018
5. Wie kann es in der heutigen Zeit sein?
Ultras im Glauben haben in dieser wissenschaftlich aufgeklärten Welt noch Rückhalt? Die Grundlage der ursprünglich jüdischen geprägten Glaubensrichtungen ist, ausgenommenen der moralischen Werte einer Gemeinschaft, total überholt. Dazu zählt das Christentum und der Islam. Warum also lässt man solche Auswüchse in Israel zu? Das gilt natürlich auch für Ultra-Islamisten. Bei denen ist sich der Westen schnell einig. Sie werden stark kritisiert. Ein offener moderner Staat muss Staat und Glauben trennen. Glauben darf dabei jeder was ermöchte, nur diese "reine Lehre" zum Staatsverhalten machen zu wollen, darf man sich in unserer Zeit nicht mehr bieten lassen.
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