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Israelischer Oberrabbiner Metzger: "Mein Traum ist eine Uno der Religionen"

"Den Diplomaten ist es nicht gelungen, der Welt Frieden zu bringen, sie brauchen Hilfe", sagt der israelische Oberrabbiner Jona Metzger im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Er plädiert für einen Zusammenschluss der Weltreligionen. Sie stammten ohnehin fast alle vom großen "Völker-Vater" Abraham ab, so Metzger.

SPIEGEL ONLINE: Herr Oberrabbiner, Juden nennen Abraham "Avraham Avinu" - "Unser Vater Abraham". Wie schwer ist es für Sie zu akzeptieren, dass auch Christen und Muslime Abraham als ihren Vater bezeichnen?

Metzger: Überhaupt nicht schwer. Es fügt sich sehr gut ins jüdische Verständnis. Schaut man sich das Wort Abraham genau an, wird offenbar, dass es aus den Worten "Vater vieler Völker" zusammengesetzt ist. Wenn also Muslime sich auf Abrahams Sohn Ismael zurückführen oder Christen auf Abrahams Enkel Esau oder wir Juden auf seinen anderen Enkel Jakob, sind aus dem Urvater drei großartige monotheistische Religionen entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Abrahams Aufgabe in der Bibel?

Metzger: Das hat uns der große jüdische Philosoph Maimonides eindrucksvoll erklärt. Gott schuf am Himmel verschiedene Objekte. Die Sonne zum Beispiel oder den Mond und die Sterne - sie alle stehen hoch über uns. Gott wollte uns damit zu verstehen geben, dass wir sie mehr respektieren als die Dinge auf der Erde. Mit der Zeit aber liefen die Dinge schief. Anstatt direkt zu Gott zu beten, wurden diese Objekte von den Menschen zu Zielen ihrer Gebete.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen beteten Götzen an.

Metzger: Als Abraham kam, sah er die Sonne aufgehen und untergehen und die Welt sich drehen und er dachte, wer setzt diese Dinge in Bewegung? Es muss jemand geben, der über allem steht. Also sagte er der Gesellschaft: "Ihr seid auf halbem Wege stehengeblieben. Es gibt jemanden, der über den Dingen steht, die ihr anbetet. Warum also zu den Ministern gehen? Lasst uns direkt zum König gehen!" Und so begann er eine Reise, die viele Menschen berührt hat. Zusammen mit seiner Frau Sara reiste er von Ort zu Ort und entwickelte die Philosophie vom Glauben an den Einen Gott. Langsam aber sicher schlossen sich ihm viele Menschen an. Heute glaubt die Mehrheit der Weltbevölkerung monotheistisch: Christentum, Islam, Judentum.

SPIEGEL ONLINE: 3,5 Milliarden Menschen ...

Metzger: Vielleicht sogar mehr. Ich hielt Hindus immer für Götzenverehrer, aber dann traf ich einige ihrer religiösen Führer, die mir versicherten, sie glaubten auch an Gott, der allerdings seinen Weg über Götzen nehme. Und einige Buddhisten sagten mir, dass Buddha nur eine Weltanschauung sei und kein religiöser Glaube. Wir sehen also, dass die meisten Menschen auf der Welt dem Weg Abrahams folgen.

SPIEGEL ONLINE: Aber man hat den Eindruck, dass Juden sich als das Original sehen, während sie Christen und Muslime nur für eine Kopie halten.

Metzger: Aus historischer Sicht ist das auch so. Jesus war ein Jude. In der Folge kam das Christentum in die Welt und dann der Islam. Das war die historische Reihenfolge, nicht andersherum. Als Jesus in Jerusalem war, kannte er mit Sicherheit weder Kirche noch Messe. Er kannte nur Eines: den heiligen Tempel. Der Rest wurde erst von seinen Schülern entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Christen betonen, dass Abraham bereits an Gott glaubte, bevor er beschnitten wurde und im eigentlichen Sinn Jude wurde.

Metzger: Abraham hatte keinen Rabbi, keinen Lehrer. Er lernte das Gesetz von seinen Kishkes, wie wir auf Jiddisch sagen, "von seinen zwei Nieren". Das heißt, er lernte mit und durch sich selbst. Interessanterweise nennt die Tora Abraham einen Ivri, was heute "ein Hebräer" heißt. Aber unsere Weisen haben uns gelehrt, dass es um die ursprüngliche Wortbedeutung "anders" geht. Denn die ganze Welt war damals auf der einen Seite, nur Abraham war auf der anderen. Er war allein mit seiner Idee. Erst später schlossen sich ihm die Menschen an.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es dann eine Sonderbeziehung zwischen ihm und dem jüdischen Volk?

Metzger: Im 1. Buch Mose, Kapitel 21, Vers 12 steht: "Denn nur nach Isaak soll dein Geschlecht benannt werden." Nach Isaaks Sohn Jakob, dessen Name später Israel wurde, werden Abrahams Nachkommen benannt. Aus ihm entsteht das auserwählte Volk der Juden.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Bedeutung hat Abrahams erster Sohn Ismael, auf den sich die Muslime zurückführen, im Judentum? Immerhin verspricht Gott ihm in der Bibel zwölf Stämme.

Metzger: Nein, so steht es nicht in der Bibel. Über Ismael steht nur geschrieben, dass er "von seinem Schwert leben wird". Warten Sie, ich schaue nach ... (nimmt die Bibel und liest) ... Sie haben Recht: "Und für Israel habe ich dich auch erhört. Siehe, ich habe ihn gesegnet und will ihn fruchtbar machen und über alle Maßen mehren. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich will ihn zum großen Volk machen."

SPIEGEL ONLINE: Hat Ismael also irgendeine Rolle im Judentum?

METZGER: Ismael wird sich vermehren und ein großes Volk werden - das ist eine Tatsache und eine Segnung. Er wurde auch beschnitten. Abraham beschnitt ihn im Alter von 13 Jahren. Deshalb werden alle männlichen Muslime mit 13 Jahren beschnitten. Aber in der Bibel steht: "Meinen Bund schließe ich mit Isaak." Isaak wurde am achten Lebenstag beschnitten, deshalb werden alle männlichen Juden am achten Tag beschnitten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie wichtig, ob Abraham eine wirkliche historische Figur war? Historiker und Archäologen haben bislang keinen klaren Beweis für seine Existenz gefunden.

Metzger: Ich glaube daran, dass die Bibel die vollständige und wahre Geschichte der Welt darstellt. Wenn Historiker und Archäologen Hinweise finden, freuen wir uns, aber wir brauchen sie nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich die Geschichte angucken, wurde im Namen der Religion viel Blut vergossen. Wie also kann ein Dialog der Religionen überhaupt geführt werden?

Metzger: Schauen Sie, ganz besonders Abraham ist sehr hilfreich bei diesem Dialog. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Einmal traf ich einen iranischen Führer. Er war einer der Ayatollahs. Am Anfang wollte er mir nicht die Hand schütteln, aber schließlich habe ich mich doch an ihn gewandt und gefragt: "Glauben Sie, dass Ihr Urvater Abraham war?"

SPIEGEL ONLINE: Ibrahim, wie die Muslime ihn auf Arabisch nennen.

Metzger: Ja, Ibrahim. Er antwortete: "Ja." Ich sagte ihm, auch ich glaube, dass Abraham mein Urvater ist. Also fragte ich ihn: "Glauben Sie, unser Urvater würde da oben im Himmel glücklich sein, wenn er sieht, dass der eine Sohn sich tötet, um den anderen Sohn zu töten? Welcher Vater würde an so etwas seine Freude haben?" Er hatte keine Antwort.

SPIEGEL ONLINE: Also könnte Abraham als ein Hebel zum Dialog dienen?

Metzger: Ja. Selbst wenn man einen Bruder hat, den man für einen schlechten Menschen hält, und selbst wenn man glaubt, die ganze Welt müsse muslimisch werden - töte nicht! Wenn du willst, sprich, leg es auf den Tisch, sei kultiviert! Wie jeder Vater würde Abraham erwarten, dass sich seine Söhne an einen Tisch setzen, anstatt sich gegenseitig umzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein anderes Beispiel für Dialog geben?

Metzger: Auf einer Konferenz in Europa lud mich in einer Pause einer der Vorsitzenden der islamischen Gerichte Jordaniens zu einem Kaffee in die Hotellobby. Wir saßen etwa eine halbe Stunde zusammen. Ich berichtete ihm von meinen Problemen; ich erzählte ihm von meiner Familie, meinen Kindern und von manchen Streitigkeiten mit den Rabbinern und Oberrabbinern, die mir unterstehen. Und er erzählte mir von seinen Problemen. Am Ende stand er auf, schüttelte mir die Hand und sagte: "Jetzt, nachdem Sie mir alle Ihre Geschichten erzählt haben und ich Ihnen meine, kann ich sie nicht hassen."

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, religiöse Menschen sind besser in der Lage, der Welt Frieden zu bringen?

Metzger: Definitiv. Mein Traum ist es, eine "Uno der Religionen" zu gründen - so wie es die Vereinten Nationen in New York gibt. Den Diplomaten ist es nicht gelungen, der Welt Frieden zu bringen. Sie brauchen Hilfe. Und diese kann von der Sprache der Religion kommen. Denn ein Muslim respektiert eine Person nicht, wenn sie säkular ist, er wird die Person nur respektieren, wenn sie religiös ist. Diese "Uno der Religionen" würde auch Hindus und Buddhisten einschließen. Wir Frommen sprechen dieselbe Sprache.

Das Interview führte Christoph Schult im Jerusalemer Amtssitz des Oberrabiners.

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Religionsstifter Abraham: "Väter vieler Völker"


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