Issey Miyake Schnippelkleider am laufenden Meter

Ein Griff zur Schere, und das Wunschkleid ist fertig. Designer Issey Miyake präsentierte im Berliner Vitra Design Museum seine Modelinie A-Poc, bei der Stoffschläuche mit Schnittmustern aus einer computergesteuerten Maschine herauskommen.

Von Harriet Dreier


Nicht schön, aber neu: A-Poc-Mode von Miyake
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Nicht schön, aber neu: A-Poc-Mode von Miyake

Wenn man an die Pariser Modenschauen denkt, fallen einem zunächst aufwendige Riesenspektakel ein, bei denen halbnackte Models mit waghalsigen Turmfrisuren vor Prominenten in der ersten Reihe auf- und abflanieren. Stoff ist hier eher Nebensache. Ganz anders bei Issey Miyake - der japanische Designer ließ seine Angestellten für eine Pariser Präsentation seiner A-Poc-Linie auch schon einmal ganze Stoffballen auf dem Laufsteg entrollen. Dann schnitten die fleißigen Helfer aus den weißen Stretchbahnen die neue Kollektion heraus - eine Demonstration von Miyakes Do-it-yourself-Konzept.

"A Piece of Cloth"

"Ich hoffe, A-Poc kann eine neue Epoche einleiten", sagte Miyake im Vitra Design Museum, das vom 1. Juni bis zum 1. Juli die neuen Arbeiten des Meisters und seines Schülers Dai Fujiwara zeigt, der seit nunmehr zehn Jahren in Miyakes Team arbeitet. A-Poc steht für "A Piece of Cloth" und basiert auf Miyakes Credo, Entwürfe nur aus einem Stück zu fertigen. Für diese Linie werden Kleidungsstücke aus bis zu 100 Meter langen Stoffschläuchen hergestellt, in die die Formen und Muster der Entwürfe bereits eingewoben sind.

"A-Poc ist wie ein Baguette"

Der Rohstoff wird in die computerprogrammierte Textilmaschine eingeführt und verlässt sie als fertiges Accessoire, Kleidungsstück oder gar Möbelbezug. Dennoch könne der Träger bei der Gestaltung mitreden, so Miyake. "A-Poc ist wie ein Baguette: Du kaufst es im Ganzen und schneidest es ab, wo du willst." Die Miyake-Kundin kann selbst entscheiden, ob aus dem Kleidungsstück Kleid, Shirt, Rock oder Bikini werden soll. Die eine behält von der Stoffrolle nur ein Paar Socken zurück, die andere kauft gleich zwei Kleider am Stück und zieht das zweite als Schleppe hinter sich her. Manche Trägerin bittet vielleicht eine Freundin, in den zweiten Fummel mit einzusteigen. Dieser Wurstketten-Look ist zwar nicht schön, aber auf jeden Fall neu.

"Es geht um funktionale Bekleidung"

"Ich will der Mode davonfliegen!": Designer Issey Miyake in Berlin
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"Ich will der Mode davonfliegen!": Designer Issey Miyake in Berlin

Das 21. Jahrhundert braucht neue Mode-Ideen, versichert der Modeschöpfer. "Wir müssen neue, andere Wege finden", so der 63-Jährige zur Eröffnung seiner ersten Deutschland-Ausstellung. Vor drei Jahren habe er deshalb seine A-Poc-Kollektion gestartet. "Es geht dabei nicht um Mode, sondern um funktionale Bekleidung." Er und Fujiwara haben dem Ausstellungsdesigner Tokujin Yoshioka und seinem Team eine Woche lang persönlich geholfen, die Berliner Ausstellung aufzubauen. Stolz führte Miyake die Presse durch die hundert Meter lange Halle und erklärte dabei die verschiedenen Entwicklungsstufen der Kleider. Miyake: "Dies ist nur eine Demonstration. Ich hoffe, Sie sind nicht zu kritisch, denn dies ist nur ein erster Schritt." Das Wort Mode vermeidet er.

Brückenschlag zwischen östlicher und westlicher Welt

In den drei Jahrzehnten seines Designschaffens ist Miyake, der in den sechziger Jahren bei Guy Laroche und Givenchy assistierte, immer wieder der Brückenschlag zwischen östlicher und westlicher Welt, Kunst und Mode, Natur und Technologie sowie Innovation und Tradition gelungen. Miyakes Handschrift ist so veränderlich wie unverkennbar: Er hat Nylonfäden und Silikon genauso verwendet wie Aburagami (ölgetränktes Papier für Sonnenschirme) und Sashiko (eine Baumwollverarbeitung). Seine avantgardistische Kleidung erweist sich für den Alltag oft nicht praktikabel und ohne Gebrauchsanweisung auch nicht tragbar, andererseits beglückte er die Modewelt mit Pleats Please, seine schicke Antwort auf Jeans und T-Shirt.

Fette Raupe statt Venus von Milo

Miyakes Entwürfe haben bereits Museumsreife: Einige seiner Kreationen, die aus dem Träger lebende Skulpturen machen, sind im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York. In A-Poc gleicht die Trägerin allerdings eher einer fetten Raupe im Kokon als der Venus von Milo. Wer dennoch hofft, sich durch Miyakes Kreation in einen Schmetterling zu verwandeln, der kann sich interaktiv sein ganz eigenes Miyake-T-Shirt entwerfen lassen. Und liegt damit voll auf der Linie des Designers: "Ich will der Mode davonfliegen!"

"A-Poc", Vitra Design Museum, Berlin, bis 1. Juli 2001



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