Mussolini-Gedenken in Italien "Dieses Museum wird die Faschisten fernhalten"

Unter Benito Mussolini führte Italien Angriffskriege und verfolgte Juden, doch in seinem Heimatort ist der Diktator bis heute populär. In der Pilgerstätte der Rechten soll nun ein Museum über den Faschismus errichtet werden.

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Ein Interview von


Ein EU-Regierungschef schwärmt von einem faschistischen Vorgänger, vergleicht sich gar mit ihm? Zehntausende Menschen kaufen Diktatoren-Devotionalien? Undenkbar in Deutschland, nicht aber in Italien: Der "Duce" ist in Italien nach wie vor populär - sehr zum Leidwesen von Giorgio Frassineti.

Dem sozialdemokratischen Politiker ist der Kult um Mussolini-Tagebücher und Mussolini-Kalender ein Dorn im Auge - denn er ist Bürgermeister jener Stadt, in der bis heute regelmäßig geschichtsvergessene Nationalisten zum Grab des einstigen Faschistenführers pilgern. Frassinetis Gegenmittel: ein Museum über den italienischen Faschismus - das erste im ganzen Land.

Zur Person
  • Giorgio Frassineti
    Giorgio Frassineti, Jahrgang 1964, ist Politiker des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) in Italien. Seit 2009 ist er als Anführer eines Mitte-links-Bündnisses Bürgermeister der Kleinstadt Predappio, des Geburts- und Begräbnisortes des faschistischen Diktators Benito Mussolini.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frassineti, warum wollen Sie ein Museum über den Faschismus aufbauen?

Giorgio Frassineti: Ich bin seit sechs Jahren Bürgermeister in dem Land, das einmal Benito Mussolini regiert hat. Deshalb verfolge ich schon seit Langem das Ziel, diese Geschichte den Leuten endlich zugänglich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit sind die Pläne denn schon gediehen?

Frassineti: Die Frage der Finanzierung ist schon ziemlich fortgeschritten, und auch der kulturelle Teil des Plans steht. Wir haben also die zentralen Fragen beantwortet: Was genau wollen wir machen und warum eigentlich?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Frassineti: Es gibt kaum Museen, die kreativ mit solchen Themen umgehen. Denken Sie an das Holocaust-Mahnmal in Berlin oder das Weltkriegsmuseum im polnischen Danzig, die zelebrieren das nicht gerade. Dabei ist nach dem Zweiten Weltkrieg doch das heutige Europa entstanden, und derzeit muss sich Europa kulturell neu erfinden - gerade jetzt, wo wir ständig Bilder von Flüchtlingen sehen. Für den Aufbau einer gemeinsamen Geschichte braucht man konkrete Orte und starke Symbole. Predappio ist der ideale Ort dafür.

SPIEGEL ONLINE: Wo soll das Museum denn stehen?

Frassineti: Im ehemaligen Hauptquartier der faschistischen Partei hier im Ort, in der sogenannten Casa del fascio. Das Haus steht schon seit Langem leer - und ist deshalb der perfekte Ort für das Museum.

SPIEGEL ONLINE: Und was wird darin zu sehen sein?

Frassineti: Wenn es nach mir geht, darf es auf keinen Fall ein weiteres langweiliges Museum werden, es muss unbedingt die Sinne der Besucher ansprechen. Dafür braucht es auch moderne Techniken, um zum Nachdenken anzuregen, um das Bewusstsein zu schärfen, um so Europa stärker und größer zu machen. Für die Ausstattung soll eine wissenschaftliche Kommission eingebunden werden. Die Inhalte und die Ausstellungsgegenstände sollen dann unter anderem über einen öffentlichen Aufruf organisiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ambitioniert für eine Kleinstadt wie Predappio.

Frassineti: Ja, das ist es auch. Mein Vorbild ist das Dokumentationszentrum über den Nationalsozialismus in München - an dem sich allerdings auch die Probleme eines solchen Projekts zeigen: Die Debatte dort zog sich über drei Jahrzehnte, und das Studienzentrum hat viele Millionen Euro verschlungen. Wir haben aber ja schon Ideen für unser Museum.

SPIEGEL ONLINE: Wann soll es denn fertig sein?

Frassineti: 2018, spätestens 2019. In Italien dauern die Dinge ja immer ein bisschen länger.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Warum mussten sieben Jahrzehnte vergehen, bis das erste Museum über den Faschismus entsteht?

Frassineti: Weil es hier keinerlei Diskussion über die Rolle Benito Mussolinis gibt. Das war ein Tabuthema, 70 Jahre lang. Inzwischen ändert sich das ganz langsam; es bleibt aber ein schwieriges Thema. Viele verdrängen das immer noch, wahrscheinlich auch, weil sie sich schämen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch Tausende Italiener, die Mussolini nach wie vor verehren und die in seine Heimatstadt pilgern. Vor ein paar Jahren gab es sogar breite Zustimmung für den Vorschlag, den nahe gelegenen Flughafen von Forlì nach dem "Duce" zu benennen…

Frassineti: …eine fürchterliche Idee!

SPIEGEL ONLINE: Und trotzdem sind Sie sicher, dass Ihr Museum kein weiterer Wallfahrtsort für Neofaschisten wird?

Frassineti: Ja, denn am Ende siegt immer die Kultur. Dieses Museum wird die Faschisten fernhalten und nicht noch weitere anlocken. Mit einer wissenschaftlich fundierten Darstellung, die nichts unterschlägt, kann man jedes Thema anpacken. Außerdem habe ich auch die Unterstützung der Regierung. Letztes Jahr habe ich mit Premier Renzi gesprochen, der hat gesagt: "Auf, geh voran!" Ihm hat die Idee sehr gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Bezahlt er auch das Museum?

Frassineti: Ich hoffe natürlich auf Geld vom Staat, wir brauchen aber auf jeden Fall auch die Unterstützung Europas. Derzeit bemühe ich mich um die Förderung von EU-Fonds, einen Teil zahlt auch die Stadt selbst. Außerdem frage ich Stiftungen, werde ein weltweites Fundraising organisieren - und setze auf Geld von Privatleuten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie so zuversichtlich, dass genügend Leute mitmachen?

Frassineti: Vielleicht, weil ich als linker Politiker nicht im Verdacht stehe, Revisionismus zu betreiben. Außerdem stand das Museum ja in meinem Wahlprogramm - und die Leute haben mich gewählt.

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