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02. Mai 2017, 16:21 Uhr

Ivanka Trump

Der Bullshit-Feminismus

Eine Kolumne von

Als würde sie eine Prise Feenstaub über einen Güllekanal streuen: Eine Unternehmerin, die reiche Frauen noch reicher machen will und arme Frauen für ihre Modelinie ausbeutet, nennt sich Feministin. Geht's noch?

Darf Ivanka Trump sich als Feministin bezeichnen? Natürlich. Wer könnte es ihr verbieten? Ivanka Trump darf sich selbstverständlich eine Feministin nennen, genau wie Nordkorea seine schrottigen Raketen testen darf, es geht halt nur offensichtlich schief.

Was ist da letzte Woche auf dem W20-Gipfel in Berlin passiert? Ivanka Trump, der Martin Schulz des Trump-Clans, die Charismaschleuder, die den Laden am Laufen halten soll, ohne sich zu verplappern, erklärte: "Ich betrachte mich als Feministin, denn ich glaube an die Gleichheit der Geschlechter". Im Übrigen sei auch ihr Vater "überzeugt, dass Frauen das Potenzial und das Können besitzen, den Job genauso gut wie Männer zu erledigen". Das ist rhetorisch zwar machbar, aber auch äußert dünnes Eis, denn es schließt sich rein logisch überhaupt nicht aus, zu finden, dass Frauen mal schön genau so arbeiten sollen wie Männer, man sie dabei aber trotzdem gern sabbernd begaffen kann oder ihnen in den Schritt greifen will.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist Ivanka Trump genauso sehr Feministin, wie ich schamanische Heilerin bin. Es sind halt beides keine geschützten Titel. In dem Sinne hätte Angela Merkel sich aus der Frage, ob sie Feministin ist, auch nicht so rausmerkeln müssen: Sie wolle sich mit dieser Feder nicht schmücken und sich selbst diesen Titel verleihen, so erklärte sie lustigerweise, während ein paar Stühle weiter die "First Daughter" saß, deren Titel es eigentlich auch nicht gibt.

Ein geiles Leben für privilegierte Frauen

Aber wie schlimm ist das jetzt, dass Ivanka Trump sagt, sie sei Feministin? Ist es nur Satire oder ist es auch ein bisschen Hoffnung? Eigentlich sollte man das zarte Pflänzchen eines anfänglichen feministischen Bekenntnisses nicht gleich rausrupfen und es erst mal ein bisschen wachsen lassen. Aber was, wenn es auf verseuchtem Boden wächst?

Es gibt natürlich immer schon verschiedene Formen des Feminismus. Man kann auch Feministin sein, ohne sich jemals so zu nennen. Es hängt letztlich sehr wenig daran, ob man sich das Label verpasst oder nicht, weil damit vieles gemeint sein kann. Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen. Das ist die Ivanka-Trump-Variante. Weil nicht bloß Adel verpflichtet, sondern Elite eben auch. Stößchen.

"Feministin" ist ein politischer Begriff und keine Charaktereigenschaft

Egal, wie Ivanka Trump sich nennt: Sie bleibt Assistentin und Verteidigerin eines Rechtspopulisten, in einer Rolle, die sich mit demokratischen Prinzipien nicht erklären lässt, sondern den vielleicht offensichtlichsten Auswuchs des neofeudalen Trump-Systems darstellt. Als qua Tochterschaft in ihr Amt gehobene Unternehmerin ist sie auf einem Gipfel wie dem W20-Treffen mit ihrer bloßen Anwesenheit ein Zeichen dafür, dass es mit der Demokratie bergab geht.

Natürlich ist sie eine starke Frau, allein schon aufgrund der massiven Verdrängungsarbeit, die sie leisten muss, um ihre Rolle zu spielen, in der sie als It-Girl eine Prise Feenstaub über den Güllekanal streut, den ein politikunfähiger Mann durchs Land gräbt. Aber "Feministin" ist ein politischer Begriff und keine Charaktereigenschaft und starke Frauen sind nicht automatisch Feministinnen, und auch solche nicht, die es ganz nach oben geschafft haben oder schon oben geboren sind. Ihr Vater habe sie genauso gefördert wie ihre beiden Brüder, erzählte Ivanka Trump. Das mag sein. Er hat über sie aber auch mal gesagt, dass er sie wahrscheinlich daten würde, wenn sie nicht seine Tochter wäre, und als beide in einer Talkshow gefragt wurden, was sie gemeinsam hätten, sagte Ivanka "Grundbesitz oder Golf", und ihr Vater: "Ich wollte schon sagen, Sex, aber Grundbesitz und Golf geht auch."

Die "First Daughter" hat weiß Gott einen harten Job - aber keinen so harten, wie die Frauen, die sie für sich arbeiten lässt. Wie die "Washington Post" berichtet, lässt die Ivanka-Modelinie Produkte von Arbeiterinnen in China nähen, die unter Mindestlohn bezahlt werden, bei extrem langen Arbeitszeiten und größtenteils ohne Versicherung oder Sicherheitsstandards. (So viel zu "Buy American, Hire American", ein Slogan ihres Vaters, den sie unterstützt.)

Ivanka Trumps sogenannter Feminismus besteht darin, reiche Frauen noch reicher machen zu wollen, und dabei sind ihr nicht nur die Grundrechte derer egal, die für sie arbeiten, sondern auch die aller anderen Frauen, denn Kritik von ihr an Donald Trumps Plänen, die Finanzierung von Organisationen zu streichen, die unter anderem Abtreibungen durchführen, hat man bislang nicht gehört. Und während Ivanka Trump verkünden lässt, dass ein Teil der Einnahmen ihres neuen Buchs an Charity-Organisationen gehen soll, die Mädchen und Frauen fördern, wurde im Weißen Haus offenbar mit dem Gedanken gespielt, das "Let Girls Learn"-Programm einzudampfen, das Michelle Obama gestartet hatte, um die Bildungschancen für heranwachsende Frauen in Entwicklungsländern zu erhöhen.

Very sad.

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