Architektur-Fotografie Und überall wohnen wirklich Leute drin

In 52 Wochen reiste Iwan Baan um die Welt, um in 52 Städten von Stararchitekten entworfene Gebäude zu fotografieren. Eine Ausstellung im Museum Marta Herford zeigt jetzt das Foto-Reisetagebuch.


Wer sich für zeitgenössische Architektur interessiert, kommt an den Fotografien von Iwan Baan, 38, nicht vorbei. Weil dessen Fotos uns die Mega-Architektur in den neuen Mega-Cities in aller Welt zeigt, immer entworfen und gebaut von sogenannten Stararchitekten. Für fast alle dieser Global Player fotografiert der Niederländer Baan, angefangen bei Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron und Sanaa, über Steven Holl, Michael Maltzan, Toyo Ito oder UN Studio bis zu Zaha Hadid.

Das aber ist nicht allein der Grund, dass die Bilder von Baan als ungewöhnlich auffallen, dass wir sie nicht nur als Dokumentation und Repräsentation neuer Gebäude, sondern auch als Fotografie sehen, die anders ist als die üblichen Architekturaufnahmen. Der Grund ist, dass Baan seine Motive nicht idealisiert, dass er sie nicht kühl, makellos und pur inszeniert, sie nicht perfekt in bestem Licht und nicht bei bestem Wetter aufnimmt, sondern dass er die Architektur immer in ihrer Umgebung und mit Menschen fotografiert und sie damit nicht als Visionen ihrer Erbauer, als Skulptur oder Statement und Ikone vermittelt. Baans Fotos thematisieren Architektur im sozialen Kontext, sie zeigen Bauwerke, in denen Menschen arbeiten oder leben, und sie zeigen auch die vorhandene Nachbarschaft, in die sie hineingebaut wurden und die sie sozial und architektonisch verändert haben oder die sie verändern werden.

Um die Welt in 60 Bildern

Mit solchen Bildern ist Baan zu einem bekannten und vielbeschäftigten Architekturfotografen geworden, der sich jetzt als Weltreisender im Museum Marta Herford mit einer Einzelschau präsentiert. "52 Weeks, 52 Cities" heißt die gerade eröffnete Ausstellung, in der Baan in einer Art visuellem Tagebuch in 60 Bildern zeigt und erzählt, wo er in den letzten zwölf Monaten gewesen ist und was ihn dort interessiert hat. "Diese Ausstellung hat er vorgeschlagen", sagt Museumsdirektor Roland Nachtigäller. "Als wir ihn zu einer Ausstellung einluden, wollte er keine Highlight-Schau und keine Retrospektive, sondern lieber ein Jahr lang eine Art Bildertagebuch auf seinen Reisen führen und dabei völlig freie Hand haben." Natürlich sollte es auch um Architektur gehen und darum, wie Menschen ihre Umgebung gestalten.

Baan selbst gestaltet sein Leben nur noch unterwegs. Seit seine Wohnung in Amsterdam vor einem Jahr abbrannte, hat er sich keinen neuen Wohnsitz eingerichtet. Das sei "kein Trauma und kein Drama" für ihn, er sehe sich jetzt als Weltbürger, der sich seine Spielräume "zwischen System und Freiheit", sucht, sagt Nachtigäller.

Das System aus Auftrag und Arbeit hat offensichtlich den Reiseplan gesteuert. Die Fotos zeigen, dass Baan in Nanping Village und in Dallas, in New York und Port-au-Prince, in Michigan, Watermill und in Osaka, in Frankreich, Miami und in Ghana war. Er besuchte Togo, Nigeria, Ägypten, die Niederlande und die Schweiz, fuhr nach Mexiko, in den Senegal, nach Aserbaidschan und Wien, nach Kanada und Brasilien. Für ihn sei es kein Stress, wenn er sich jede Woche in einem andern Kulturkreis zurechtfinden müsse, so Baan, das schärfe seinen Fokus und garantiere, "dass die Improvisation nie aufhört", und dass damit seine Arbeit "nie schal und redundant" werde.

"Weltuntergangskreaturen" in Port-au-Prince

Sein Interesse an Bildern neben der neuen Architektur zeigen seine Sujets und die zu jedem Bild gehörenden Texte. In Port-au-Prince auf Haiti fotografiert er zum Beispiel eine Gruppe von Künstlern, die aus weggeworfenen Materialien "Weltuntergangskreaturen" bauen. "In diesem Foto trinken einige von ihnen ein Bier - völlig unbeeindruckt von den unheimlichen Voodoofratzen, die von der Wand hinten auf sie herabblicken", schreibt er dazu. In Dakar hält er einen "bezaubernden Laden" fest, "wo man alles bekommt, was man im Leben so braucht", im chinesischen Sanmenxia fotografiert er unterirdische Höhlen, in denen bis ins neue Jahrtausend hinein fast vierzig Millionen Menschen lebten. Er staunt über deren "Erfindungsreichtum und die Anpassungsfähigkeit, wenn es um das Überleben geht", und angesichts der ausgegrabenen "Yadongs" stellt Baan sogar die westliche Definition von Architektur in Frage, weil sie "durch das Entfernen von Materialien gebaut werden, statt durch Hinzu- oder Zusammenfügen".

Trotzdem ist Baan immer wieder von neuer Architektur fasziniert, wie vom Pavillon von Ryue Nishizawa in Japan, der für ihn aussieht "wie ein Stück Reispapier, das sanft vom Himmel fiel". Den temporären Serpentine Gallery Pavilion in London von Sou Fujimoto sieht er als "Wolke" aus dünnen weißen Stahlstangen und als "glänzende Matrix", durch die sich "Geometrie und Natur vermischen". Im brasilianischen Amazonas-Gebiet hingegen zeigt das Foto einer riesigen Baustelle, wie schnelles Wirtschaftswachstum und die gigantische Nachfrage nach neuen Energiequellen über 1500 Quadratkilometern des brasilianischen Regenwaldes vernichtet und die Zwangsumsiedlung Tausender Menschen nach sich zieht.

Eine Katastrophe anderer Art hält Baan in New York City mit mehreren Bildern fest. Als er am 29. Oktober 2012 dort ankam, erlebte er mit dem Hurrikan Sandy "eine Woche, an die man sich erinnern wird". "Der Sturm faszinierte und gleichzeitig beängstigte er mich", schreibt Baan, der den Stromausfall in Lower Manhattan unbedingt "aus der Luft" festhalten musste.

Belohnt wurde er mit dem Abdruck seines dunklen New-York-Bildes einige Tage später, als es zum Cover des "New York Magazine" wurde. "Es schien sich danach um die ganze Welt zu verbreiten", schreibt Baan stolz und gleichzeitig bescheiden zu seinem Bild.

Sympathischer kann ein Architekturfotograf, der in "einer Art permanentem Jetlag" rund um die Welt reist und zwischen globalisierter Architektur, in Boomtowns und Slums arbeitet, eigentlich nicht sein.


"52 Wochen, 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan". Herford. Marta Herford. Bis 16.2.2014.



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