"Shababtalk"-Moderator Warum Jaafar Abdul Karim auch mit Rassisten redet

In seiner Sendung thematisiert Jaafar Abdul Karim Homosexualität und Gleichberechtigung für arabische Zuschauer. Hier erklärt der Journalist seinen persönlichen "German Dream" - und sagt, wie er mit Alltagsrassismus umgeht.

Jaafar Abdul Karim in seiner Sendung "Shababtalk"
DW/ Jan Roehl

Jaafar Abdul Karim in seiner Sendung "Shababtalk"

Ein Interview von Elisa von Hof


Mehr als acht Millionen Menschen weltweit sehen regelmäßig seine Sendung. Bei deutschsprachigen Zuschauern sind die Deutsche-Welle-Talkshow "Shababtalk" und ihr Moderator dennoch unbekannt. Denn Jafaar Abdul Karim und seine Gäste sprechen Arabisch - über Themen wie außerehelichen Sex, Gleichberechtigung, Brustkrebs. Aufgewachsen ist Karim im Libanon und in der Schweiz, seit 16 Jahren lebt er in Deutschland. Nun ist sein erstes Buch "Fremde oder Freunde? Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt" erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Karim, Sie haben mal gesagt: Sie denken und fühlen mittlerweile deutsch. Was meinen Sie damit?

Jaafar Abdul Karim: Wenn ich im arabischen Raum arbeite, fühle ich die Veränderung: Dass ich die Werte Toleranz, Akzeptanz, Vielfalt so verinnerlicht habe, dass ich dort keine Kompromisse mache. Bei Dreharbeiten in Mossul etwa habe ich gemerkt, wie sehr Politiker Jugendliche verachten. Das hat mich beschäftigt und wütend gemacht: Dass Menschen, die nach Jahren des IS-Terrors wieder Freiheit atmen wollen, nicht ernst genommen werden.

Jaafar Abdul Karim auf Recherche
DW/ Besaran Tofiq

Jaafar Abdul Karim auf Recherche

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Sendung befassen Sie sich häufig mit Themen, die im arabischen Raum kontrovers gesehen werden, wie etwa Homosexualität. Die Reaktionen sind teilweise radikal.

Karim: Wenn ich mich für diese Themen entscheide, muss ich auch immer mit kritischen Stimmen rechnen. Wir informieren unsere Gäste vorher, dass es Drohungen geben kann. Das Sicherheitskonzept gehört mittlerweile fest zur Sendung. Wenn wir wie neulich wieder aus Flüchtlingscamps senden, brauchen wir höhere Sicherheitsvorkehrungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit Hasskommentaren um?

Karim: Das hört sich vielleicht idealistisch an, aber ich antworte auf die Kommentare mit Fragen: "Warum hasst du mich? Warum bist du gegen das, was ich tue?" Es sind meistens Rechtspopulisten oder extremistische Islamisten, die ihrem Hass Luft machen. Manchmal erklären sie zum Beispiel, dass ich Frauen zu viele Freiheiten einräume oder Themen diskutieren würde, die in ihrer Religion unantastbar seien. Einige lassen sich tatsächlich auf eine Diskussion ein, wenn ich erläutere, dass ich nur eine Debattenplattform bieten will.

SPIEGEL ONLINE: In Tunesien, das schreiben Sie in Ihrem Buch, haben Sie eine Morddrohung erhalten. Darüber lässt sich doch nicht mehr diskutieren?

Karim: Nein. Wenn ich solche Drohungen erhalte, versuche ich, mich auf meinen Job zu konzentrieren. Das ist natürlich nicht einfach. Solche Drohungen kriege ich übrigens nicht nur in Tunesien, sondern auch in Deutschland. Auch hier muss ich mir überlegen, wo ich hingehe und wie ich mich verhalte. Manchmal kann ich eben nicht mit dem Fahrrad überall hinfahren, sondern muss ein Taxi nehmen.

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Jaafar Abdul Karim:
Fremde oder Freunde?: Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt

Rowohlt; 320 Seiten; 9,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Karim: Weil ich dort erkannt werde. Das vermeide ich.

SPIEGEL ONLINE: In welche Berliner Bezirke radeln Sie denn nicht mehr?

Karim: Das möchte ich nicht sagen. Und ich versuche auch, mir nicht zu viel Angst machen zu lassen. Ich will weiter meine Arbeit machen - auch für mein Publikum. Denn das zeigt mir, dass sich das alles lohnt, dass es Menschen gibt, deren Leben ich durch die Sendung verändert habe.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch ein Widerspruch: Dass in Deutschland genau das beschnitten wird, was das Land für Sie ausmacht: Akzeptanz und Freiheit.

Karim: Dass ich nicht überall akzeptiert werde, heißt nicht, dass ich mich nicht akzeptiert fühle. Ich sehe mich als Teil dieser Gesellschaft, als gleichberechtigten Bürger. Wenn das jemand anders sieht, interessiert es mich nicht. Wenn ich gegen Rassismus rechtlich vorgehen kann, tue ich das. Ich warte nicht, bis mir jemand sagt, dass ich akzeptiert werde. Das ist eine bewusste Entscheidung von mir. Und übrigens eine gesunde Grundhaltung für andere Migranten - raus aus der Opferhaltung.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Wochen haben sehr viele Menschen ihre Erfahrungen mit Rassismus unter #MeTwo geteilt. So tolerant scheint Deutschland doch nicht zu sein.

Jaafar Abdul Karim: "Dieser Satz hat mich allerdings sehr bewegt"
DW

Jaafar Abdul Karim: "Dieser Satz hat mich allerdings sehr bewegt"

Karim: Alltagsrassismus gibt es in Deutschland. Jeder, der den German Dream erleben möchte, hatte ein #MeTwo-Erlebnis.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit "German Dream"?

Karim: Die Idee, dass du mit Leistung, Arbeit, Selbstbewusstsein ein Teil der Gesellschaft sein kannst.

SPIEGEL ONLINE: Mesut Özil sagt dazu: "Wenn du gewinnst, bist du Deutscher. Wenn du verlierst, Migrant."

Karim: Das sehe ich anders. Dieser Satz hat mich allerdings sehr bewegt. Mich hat daran alarmiert, dass jemand wie Özil dieses Gefühl hat. Dass er, der hier geboren ist, der Teil der Nationalmannschaft ist und Vorbild für so viele Migranten, sich so fühlt. Alle, die zu ihm aufblicken, denken jetzt womöglich: Wenn er es nicht schafft, dann ich erst recht nicht. Ich habe Bekannte gefragt, ob sie sich auch manchmal so fühlen, und sie haben das bejaht. Das darf nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Werden rassistische Erfahrungen ausreichend ernst genommen?

Karim: Nein. Aber dass wir überhaupt darüber reden, zeigt, dass Menschen sich dafür interessieren und Anteil nehmen. Es ist nicht gut, dass es Rassisten gibt, aber es ist gut, dass selbst sie sich an der Diskussion beteiligen. Und ich erlebe es auch zum ersten Mal, dass sich so viele Migranten an einer Debatte beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Diskussion mit Rassisten überhaupt möglich?

Karim: Bis zu einem gewissen Punkt kann man immer ins Gespräch kommen. Ich persönlich empfinde es beispielsweise nicht als rassistisch, wenn ich nach meiner Herkunft gefragt werde. Rassismus ist als Begriff also schwer zu fassen. Als ich in Dresden studierte habe, war ich erstaunt, wie wenig meine deutschen Mitstudenten über den arabischen Raum wussten und wie stark sie verallgemeinerten. Aber ich habe das nicht persönlich genommen. Wenn jemand gesagt hat: "In Arabien reiten doch alle noch auf dem Kamel", dann habe ich gesagt: "Es gibt Google und tausend Bücher, informier' dich besser."


Offenlegung: SPIEGEL ONLINE veröffentlicht unregelmäßig Deutsche-Welle-Reportagen von Jaafar Abdul Karim sowie Beitrage seines Vlogs.



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