Jackson-Abschied im TV In der letzten Reihe, auf beiden Augen blind

Die Trauerfeier für Michael Jackson war ein kollektives Großereignis im globalen Medien-Dorf. Nur die Zuschauer von ARD und ZDF durften nicht bis zum Ende dabeibleiben - der "Dicke" und eine Doku waren wichtiger als der King of Pop. Ein zorniger Zwischenruf von Nikolaus von Festenberg.


Die Gurus der Nach-Gutenberg-Ära haben uns einst das elektronische Dorf verheißen: Die ganze Welt setzt sich zu einem Mega-Ereignis vor dem Fernseher nieder und lässt sich von Kühnheit, Glück oder Tod ergreifen. Queen-Hochzeit, Mondlandung, Diana-Beisetzung waren solche Dorffeste - die Zeit stand still, die Zusammengehörigkeit war spürbar.

Jackson-Aufbahrung im Staples Center: Globale Trauerfeier
AFP

Jackson-Aufbahrung im Staples Center: Globale Trauerfeier

Unterschied, wo war für diesen Moment dein Stachel? Michael Jacksons Trauerfeier hatte auch das Zeug zum weltweiten Heimattreffen der Emotionen. Das Gefühl: Auch Schönheit muss sterben, auch Schäume und Kinderträume vergehen. Lasst uns gemeinsam für ein paar Stunden traurig sein.

Das misslang hierzulande gründlich. Weil das hochgerühmte öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland an seiner eigenen Kleinlichkeit scheiterte.

Eigentlich war die Idee ja richtig, auf die Trauerfeier für Jackson zu setzen und sie zum Mittelpunkt des Abendprogramms zu machen. Anders als Spezial-und Spartenkanäle sind ARD und ZDF - zumindest von der Idee her - Dorfwiesen, auf denen sich die Generationen begegnen können. Junge Gefühlsfreaks sehen zu, skeptische Ältere sehen, wie junge Gefühlsfreaks reagieren, Ignoranten begegnen Gläubigen - einer wie Jackson kann so eine Vielfalt lässig aushalten. Nur so entsteht Respekt, der mentale Grenzen überwindet.

Wer solches wahrhaft großes Fernsehen will, braucht Entschiedenheit. Er muss radikal sein, er muss dem Augenblick sein Recht lassen. Richtig live ist dann very hard. So muss man beispielsweise mit der Unvorhersehbarkeit einer Trauerfeier rechnen. Und Jacksons Trauerfeier hatte Verspätung. Man muss sich dann sagen: Heute ist nicht "Tagesschau" oder Serie oder was sonst noch, sondern nur Michael Jackson, der König des Pop.

Es kann halt dauern, auch länger als berechnet.

Und es gibt noch etwas, was mit Benimm zu tun hat: Wenn man auf dem Dorf, erst recht auf dem elektronischen Weltdorf, zu einer Trauerfeier geht, dann geht man eben hin, und nicht früher weg. Das verlangt die Achtung.

ARD und ZDF aber waren sich zu fein oder zu ängstlich für solche dörfliche Höflichkeit. Sie gaben dem Toten nur so viel letzte Ehre, wie es ihre Selbstformatierung erlaubt. Ziemlich flegelhaft gingen die sonst so würdeversessenen Sender einfach vom Sarg weg, als sie meinten, nun sei es genug. ARD-Programmchef Volker Herres klinkte sich um 20.17 Uhr aus der Trauerfeier aus. Grund: Der "Dicke" musste schnaufen, die Sachsenklinik rief zur Weißkittellei in "aller Freundschaft". Im ZDF blieb man länger dabei, doch pünktlich um 21 Uhr verabschiedeten sich auch die Mainzer aus Los Angeles - für eine Dokumentation über den Wettlauf ins All. Das alles - so das Formatierungsmantra mit dem Charme einer Eisenbahngesellschaft - duldete keinen großen Aufschub. Der Programm-Fahrplan lässt keinen Raum für große Gefühle.

Was sich beim Fußball im Fernsehen keiner traut, das Herausgehen vor dem Abpfiff, bei Jackson traute man sich es. Man traute sich auch, lieblos die Übertragung zu begleiten. Kein Kenner moderierte, kein königlicher Seelmann-Eggebert versprühte den Hauch von Erhabenheit, kein Wegweiser durch amerikanisch-schwarze Ästhetik trat auf, auch kein intelligenter Beobachter moderner religiöser Vorstellungswelten mit Sternentick. Wenig Erklärung war zu hören zu den Seltsamigkeiten der Trauergemeinde, wenig Erhellendes zu den Paradoxien einer Popwelt, die sich den Tod nur als ihre ewige Fortdauer vorstellen kann. Der Zuschauer, der desorientiert war oder einfach noch nicht genug begriffen hatte, wurde einfach weggeschickt zu den kleinen Kanälen.

Eine Gerechtigkeit ist es daher, dass n-tv und N24 überdurchschnittliche Quoten erzielten und die Öffentlich-Rechtlichen nur durchschnittliche. Marshall McLuhan, der einst das elektronische Dorf kommen sah, hatte auch gesagt: "Das Medium ist die Botschaft." Im Falle Jacksons hat sich leider Letzteres bewahrheitet: Für emotionale Großereignisse fehlt ARD und ZDF die Größe, in bestimmten seltenen Momenten vom selbstreferentiellen Rauschen, von der Routine des eigenen Programms abzusehen und sich der Welt zu öffnen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Mustermann 08.07.2009
1. Schnauze voll
Zitat von sysopDie Trauerfeier für Michael Jackson war ein kollektives Großereignis im globalen Medien-Dorf. Nur die Zuschauer von ARD und ZDF durften nicht bis zum Ende dabei bleiben - der "Dicke" und eine Doku waren wichtiger als der King of Pop. Ein zorniger Zwischenruf von Nikolaus von Festenberg. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,635119,00.html
Ist er endlich tot und begraben, kann man die Glotze wieder anmachen ohne auf allen Kanälen Elogen zu hören. Oder müssen wir Dr. van Helsing holen, den, mit den berühmten Holzpflöcken.
Monark, 08.07.2009
2. Kann die Kritik nicht nachvollziehen
Die Zeremonie wurde doch komplett von einem anderen öffentlich-rechtlichen Sender übertragen (3Sat oder Phoenix, ich kann mich nicht genau erinnern, weil es mich nicht besonders interessiert hat), samt anschließender Diskussion. Und dass sich dann auch noch sowohl ZDF als auch ARD in die Feier eingeschaltet haben, fand ich ziemlich übertrieben. Ein Sender hätte vollkommen gereicht. Na ja, die Quote ...
leuchtkaefer 08.07.2009
3. Wo wird über seine Opfer berichtet?
Was brauchen wir bitte stundenlange Abschiedszeremonien von einem Menschen, der mit Begeisterung Kinder in sein Bett holte und vom Vorwurf sexuellen Mißbrauchs nur deshalb verschont blieb, weil er sich bei seinen Opfern freikaufen konnte? Es wird Zeit, daß kritisch hinterfragt wird, wie es den Opfern geht - sie müssen lebenslänglich mit ihrem Trauma zurecht kommen. Daran ändern Millionen auf dem Konto nichts. Für meine Begriffe jedenfalls war es entschieden zuviel Berichterstattung für einen solchen Menschen.
poiuyt 08.07.2009
4. was ist ard & zdf ?
= mediablinde mit gigantischer borniertheit und besserwisserei, also die üblichen Bürokraten. die können nichts dafür, die haben ein soganntes brett vor kopf !+
bafibo 08.07.2009
5. Jackson-Abschied
Sorry, aber dafür, daß beide öffentlich-rechtlichen Kanäle sich veranlaßt sahen, live von der Trauerfeier zu berichten, fehlt mir das Verständnis - einer von beiden hätte gereicht (und der dann von mir aus auch von Anfang bis Ende). So war es in beiden Kanälen ein unbefriedigender Kompromiß auf dem Rücken der Zuschauer - die einen hätten die Trauerfeier gern bis zum Ende gesehen, die anderen ebenso gern komplett darauf verzichtet. Warum können sich die Sender bei solchen Ereignissen nicht absprechen wie bei Fußball-, Tennis- und Radsportübertragungen? Aber wenn für Übertragungsrechte nicht (oder nur wenig) gezahlt werden muß, versucht offenbar jeder den Zuschauerklau nach eigenem Gusto.
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