Silvester-Premiere am Wiener Burgtheater: Die Lust am Fiesen

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Der unerschrockene Regisseur Jan Bosse inszeniert zum Jahreswechsel am Wiener Burgtheater eine tiefschwarze Komödie: Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige". Die Besetzung ist grandios. Kann da noch was schiefgehen?

Silvester-Premiere: Die Lust am Fiesen Fotos
Burgtheater/ Reinhard Maximilian Werner

Es ist keine Premiere wie jede andere. Keine Premiere ist wie die andere. Aber manche Herausforderungen erhöhen die Spannung für einen Regisseur vor der Premiere noch mal, und dies ist so eine Konstellation: Jan Bosse, 43, kein Österreicher, inszeniert am Wiener Burgtheater ein Stück von Thomas Bernhard, das dort noch nie zu sehen war, und das auch noch an Silvester. Ist das ignorant oder wahnsinnig?

Der Regisseur Bosse nennt das Vorhaben, an der Burg Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" erstaufzuführen, selbst "eine haarige Kombination". Es sei aber nicht seine Idee gewesen, sondern die des Intendanten. Bosse kennt sich immerhin aus mit solchen Fällen: Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg inszenierte er den ersten "Faust" seit Gustav Gründgens (wenn man mal von Marthalers Paraphrase "Wurzelfaust" absieht), am Hamburger Thalia Theater erst vor kurzem den ersten "Platonow" seit Jürgen Flimms legendärer Inszenierung von 1989. "Flimm hat vorher zu mir gesagt, ihr seid ja verrückt, das zu machen, so nach dem Motto, nach ihm geht nichts", erzählt Bosse. Es ging dann aber doch erstaunlich gut. "Ich denke, man muss heilige Kühe schlachten oder es zumindest versuchen", sagt der Regisseur in bester Anti-Alt-68er-Haltung, "ich merke, dass es mich zu Höchstleistungen anspornt, wenn nicht nur der Text, sondern auch der Kontext ein Widerstand ist."

Der Text allerdings habe es auch in sich: "Das ist keine Schenkelklopfkomödie, sondern eine sehr schwarze, morbide." Und das an Silvester? Bosse setzt auf den dunklen österreichischen Humor, "die Lust am Morbiden und Fiesen", vielleicht gerade an Silvester.

Hoffnung auf die perfekte Arie

"Und dann", ruft Bosse ins Telefon, "ist da ja noch die Besetzung!" Tatsächlich sind auch die Namen der drei Hauptdarsteller in seiner Inszenierung respekteinflößend: Joachim Meyerhoff spielt den Wahnsinnigen, gut, der ist so etwas wie Bosses Lieblingsschauspieler. Aber mit Peter Simonischek (Der Ignorant) und Sunnyi Melles (Die Königin der Nacht) hat Bosse noch nie gearbeitet. "Das Tolle ist, und das versuche ich für die Figuren zu nutzen: Die drei mögen sich, sind sich aber auch fremd", berichtet der Regisseur. "Sie sind wie drei sehr unterschiedliche Exemplare ihrer Gattung, sie bestaunen sich fast in ihrer Andersartigkeit. Das finde ich für das Stück ganz toll."

"Der Ignorant und der Wahnsinnige" handelt von einer Dreieckskonstellation, drei Menschen, die nicht mit, aber erst recht nicht ohne einander können: Der Ignorant ist der Vater einer Sopranistin, er ist ein Säufer und fast blind; der Wahnsinnige ist Arzt und spricht in typischer Bernhard-Manier manisch vom Leichensezieren. Zusammen sitzen sie in der Garderobe der Sängerin und warten auf sie; nicht nur der Vater, auch der Arzt ist regelmäßig bei ihren Auftritten als "Königin der Nacht" in Mozarts "Zauberflöte" dabei; an diesem Abend steht der 222. an. Alle drei verbindet die Hoffnung auf die perfekt gesungene Arie der Königin der Nacht ("Der Hölle Rache").

"Es geht um den Stellenwert der Kunst und die Absurdität dieser Kunstanstrengung, die Künstlichkeit von Kunst", sagt Bosse, "und das verbindet sich auf tolle Weise mit dem Anatom, der die Leiche seziert, der auch von der Erschaffung eines künstlichen Geschöpfs träumt." Im besten Fall, so hofft der Regisseur, könne man "beckettmäßige" Momente des Absurden erleben. "Es geht um existentialistische Sinnfindung und Sinnstiftung."

Im genauen Gegensatz zu Mozarts "Zauberflöte" siegt bei Bernhard das Dunkel über das Licht, am Ende ist es stockfinster - berühmt geworden ist diese Szene durch den sogenannten Notlicht-Skandal bei der Uraufführung des Stücks 1972 bei den Salzburger Festspielen, als der Regisseur Claus Peymann darauf bestand, auch die Notausgang-Beleuchtung am Ende auszuschalten, die Feuerpolizei sich aber weigerte.

Wem so ein Ende für den Jahreswechsel zu düster ist, der kann nach der Premiere, die bereits um 18 Uhr beginnt, rüber zur Oper gehen; dort läuft am Silvesterabend die unverwüstliche "Fledermaus". Könnte sein, dass er dort ein Déjà-vu-Erlebnis hat: Peter Simonischek spielt auch in dieser Inszenierung mit. "Er stößt mit uns an, rennt rüber und gibt dort den 'Frosch'", berichtet Bosse.

Simonischek ist nicht nur "Der Ignorant", er ist auch ein Wahnsinniger.


Der Ignorant und der Wahnsinnige. Premiere am 31.12. im Burgtheater Wien. Voraufführung am 30.12.; außerdem am 1., 3., 5., 8. und 26.1., Tel. 0043/1/514 44 41 45.

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