S.P.O.N. - Der Kritiker Weg mit all den Weidenkätzchen!

Der Lyriker Jan Wagner hat den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Alle jubeln. Weshalb eigentlich? Diese ewige Eingeweideschau ist ein Offenbarungseid und symptomatisch für die deutsche Literatur.

Eine Kolumne von

Jan Wagner und Eva-Maria Stange (SPD) in Leipzig: Langeweile ist schon kein Wort mehr dafür.
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Jan Wagner und Eva-Maria Stange (SPD) in Leipzig: Langeweile ist schon kein Wort mehr dafür.


Manchmal wirken die Kollegen Literaturkritiker wirklich wie die letzten Schlachtenbummler von Dynamo Berlin, die noch im Frühsommer 1989 ihre Mannschaft zu einer weiteren bestellten DDR-Meisterschaft treiben wollten.

"Die Nachricht ist eine Sensation", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" über den Preis der Leipziger Buchmesse, der in diesem Jahr zum ersten Mal an einen Lyriker vergeben wurde, Jan Wagner und seinen Band "Regentonnenvariationen". Ja, Regentonnenvariationen.

Und die "Frankfurter Allgemeine" analysierte diese "aufregendste Nachricht" schon vorab lang und breit auf Seite eins im Leitartikel und kam zu dem Schluss, "das Machtgefüge zwischen Roman und Gedicht würde damit auf den Kopf gestellt".

In was für einer Welt leben die eigentlich? Sensation, Sensation: Eine Sensation wäre es vielleicht, wenn IS FKK erlauben würde.

Und Machtgefüge, Machtgefüge: Es geht hier ja nicht um das Ende des Kapitalismus und die neue Gesellschaftsordnung.

Schutz vor der Gegenwart

Warum also sind die so von sich selbst besoffen - vielleicht um zu kaschieren, dass es sich um eine sehr zimt-und-zuckrige Entscheidung handelt, die kurios wäre, wenn sie nicht symptomatisch wäre für eine Geisteshaltung, die Literatur immer noch, immer wieder, im großen Germanistenland als Schutz vor der Gegenwart sieht.

"warum sich tante mia wann genau
ein weidekätzchen in die nase steckte,
verschweigt die geschichte. sicher ist: es wich,
je mehr sie es zu fassen suchte, stetig
zurück in seine dunkelheiten, weich
und weiß, ein hermelin in seinem bau."

Weich und weiß ist diese Literatur, ein Hermelin in der Nase von Tante Mia - und die Frage ist doch nicht, ob das nun der erste oder der 17. Lyrikband ist, der so einen Preis bekommt, und die Frage ist auch nicht, ob Jan Wagner ein Preisträger- und Stipendienabonnent zu sein scheint - sondern die Frage ist ganz allein, ob das ein gutes, ein tolles, ein weltveränderndes oder doch eher ein läppisches Buch ist.

"es gibt die Konstellationen
des südlichen und des nördlichen himmels,
und es gibt sie: die silberdisteln."

Man könnte jedes der Gedichte nehmen, es würde nichts ändern: Hier feiert jemand das ganz, ganz Kleine, das Superprivatistische, die Landlust und Versenkung, Verklärung, Verkitschung der Natur auf eine so humorlose und formal öde Art und Weise, dass Langeweile schon gar kein Wort mehr ist, das sich auf diese Gedichte anwenden lässt.

"ich hob den deckel
und blickte ins riesige
auge der amsel."

Das sind die "Regentonnenvariationen", eine Poetologie der Überflüssigkeit, der Selbstabschaffung, ein Offenbarungseid vor der Gegenwart, zu der es, so scheint es, nichts zu sagen gibt.

Und weil auch die anderen vier für diesen Preis nominierten Bücher so anämisch und pseudo-kunstvoll sind, so aufreizend apolitisch gerade dort, wo sie sich mit politischen oder historischen Themen beschäftigen, kann man schon mal davon ausgehen, dass es eine Absicht gibt, dass hier eine Jury unter dem Vorsitz des ewig präsenten Hubert Winkels ein Statement abgeben will: So soll Literatur sein, verblasen, naiver, ja dümmer als zum Beispiel das Theater oder die Kunst, die ja wenigstens irgendetwas mitkriegen oder sogar abbilden von den Gedanken und Veränderungen, die unsere Zeit prägen.

Bankrotterklärung des Romans

Es ist ja nicht so, wie Michael Wildenhain schreibt, in seinem ebenfalls nominierten süßlich-pubertären RAF-Vermeidungs-Roman "Das Lächeln der Alligatoren": "Vielleicht ist es falsch, sich zu erinnern - sich zu erinnern, um zu verstehen und dem Geschehen im Nachhinein einen Sinn zu geben" - das ist die Bankrotterklärung des Romans, und so liest sich sein Buch dann auch.

Und es hilft auch nicht, wenn jemand wie der für seinen Roman "Die Sprache der Vögel" ebenfalls nominierte Norbert Scheuer angeblich über die Bundeswehr in Afghanistan schreibt und doch nur den Ornithologen gibt: "Ich schaue meist nicht auf das, was ich im Blick haben sollte, doch wenn ich hinsehe, nehme ich ohnehin etwas anderes wahr, braunen Staub, der leise und graziös schwebt, wie Vögel, deren Anblick alles zu ändern scheint."

Man kann solche Ulrich-Greiner-Literatur natürlich unter Artenschutz stellen und dann mit Preisen und Stipendien stützen und davon reden, dass man hier etwas "abseits des Mainstreams" pflege, man kann, wenn man es nur oft genug sagt, sogar wohl selbst irgendwann daran glauben - aber in extrem politischen Zeiten, in denen tatsächlich viele der Sicherheiten im Inneren wie im Äußeren wegbrechen, ist so eine Feier der Literatur als ewige Eingeweideschau fast schon reaktionär.

Aber es gibt offensichtlich keine Vorstellung davon, was Literatur anderes sein könnte oder sein sollte als bürgerliche Beschwichtigungsprosa.

Die Romane jedenfalls, die anders waren als anämisch und apolitisch, kamen erst gar nicht vor bei diesem Preis: Steffen Kopetzkys welthistorisches Gedankenexperiment "Risiko" etwa oder Oskar Roehlers rotzige Selbstbespiegelung "Mein Leben als Affenarsch", Tex Rubinowitz und sein schneller, charmanter Roman "Irma" oder die Mittelschicht-Abstiegs-Saga "Möbelhaus" von Robert Kisch, Antonia Baums wüster Trip "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" oder Frank Witzel und sein monumentaler Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969".

Aber Risse in der Gegenwart, Furor in der Sprache, Tempo, Leichtigkeit oder das große Spiel: All das ist nicht erwünscht in diesem risikoscheuen Stillstandparcours.

Oder, mit einem letzten Wort des Preisträgers Jan Wagner aus seinen "Regentonnenvariationen":

"ich hob den deckel,
zuckte zurück. der amsel-
gesang dunkelte."

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
melnibone 13.03.2015
1. Sie haben ...
absolut recht Herr Diez. Das war der ´Häkelkurs´ an der vielleicht nahegelegenen Volkshochschule mit anschließender ´Schwiegersohnwiederverwertung´. Und die Medien haben mal wieder ´tapfer´ mitgemacht. Dieses Land liefert eine Menge an ´Geschichten´, aber vielleicht will man sich unter Allem ´wegducken´.
banalitäter 13.03.2015
2. Endlich
sagt es mal einer . Danke Herr Diez . Mit Zuckerwatte Augen Ohren und Hirn verkleben . Aber die Zeiten scheinen so düster zu sein ( obwohl wir in einem fast goldenen Zeitalter leben ) , das wir nicht mehr hinschauen mögen .
Hornblower, 13.03.2015
3. Herr Diez,
es ist nicht zu fassen wie Sie aus einem wirklich guten Dichter - man höre ihn z.B. auf "Bekannt trifft Unbekannt" hrsg. und kuratiert von Frauke Tomczak, Onomato-Verlag - einen Allerwelt-Poeten machen wollen. Ich fand ihn ganz gut und auch eine Bereicherung, wenn er selbst vorträgt. Da wird aber nun mal Alle Welt verhandelt als eine, die einer furchtlos sieht und beschreibt und annimmt, wenn er denn etwas mit der englischen Romantik am Hute hätte. Diese Reduktion der Macht ist doch schon mal unserer lieben Welt anempfehlenswert. Dann noch dieses wunderschöne Büchlein von Herr Greiner .... Es könnte einem schwindelig werden, aber um das zu verhindern und weil ich es leider nicht schaffe, mich so lange so hoch oben aufzuhalten, nur noch die Bemerkung, dass meine erste Assoziation bei der Nennung des Buches "Möbelhaus" diese irre Reklame war, wo der verwilderte Vater in die Kamera sagt, ich muss falsch abgebogen sein. Ich muss ab und an lachen, sonst geht gar nichts. Also die Titel Ihrer Bücher klingen nicht schlecht, soviele Preise gibt es nun nicht. Schön, dass Sie darauf aufmerksam gemacht haben.
Pfaffenwinkel 13.03.2015
4. Diez trifft den Nagel auf den Kopf
Ich wundere mich schon seit Jahren über manche Preisträger und frage mich: Was soll das? Die wirklich guten Romane (doch, die gibt es) werden ignoriert.
skylarkin 13.03.2015
5.
Oh ja, wir leben in einer Zeit in der man versucht den Biedermeier zu restaurieren obwohl wir das politische Bewusstsein der späten 60er und 70 er Jahre viel nötiger hätten. Traurig aber wahr.
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