Sechziger-Ikone Jane Birkin "Ich war diejenige, die beim Sex das Licht ausmachte"

Jane Birkin verkörperte die wilden Sechziger, galt als eine der erotischsten Frauen der Welt. Das Filmfestival Locarno widmet der Schauspielerin eine Hommage.

AFP

Ein Interview von


    Jane Birkin, 69, wurde als Tochter eines Majors und einer Schauspielerin in London geboren. Ihre erste Filmrolle bekam sie 1965 in "The Knack and How to Get It", später spielte sie im Filmklassiker "Blow Up" und an der Seite von Alain Delon und Romy Schneider in "Der Swimmingpool". Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Musiker und Schauspieler Serge Gainsbourg, bildete sie das stilbildende Glamourpaar der Siebzigerjahre. Später führte Birkin selbst Regie und engagierte sich für Menschenrechte, u.a. für Amnesty International.

SPIEGEL ONLINE: Miss Birkin, wenn Ihr Name fällt, denken auch heute noch die meisten an die wilde Liebe in den Siebzigern, an Sex und Skandale. Haben Sie sich selbst je als Ikone der Provokation verstanden?

Birkin: Nie. Klar, mein Song mit Serge Gainsbourg, "Je t'aime... moi non plus", hat damals viele Menschen schockiert. Aber ich habe ihn nie als Provokation gesehen. Im Gegenteil: Ich liebte Serge - und das Lied war das perfekte Bekenntnis unserer Liebe, einfach wunderschön. Ich war schon von dem Song begeistert, als er ihn mit Brigitte Bardot aufgenommen hatte. Als er mich dann bat, ihn gemeinsam mit ihm zu singen, liebte ich ihn noch mehr.

SPIEGEL ONLINE: Das Lied löste damals einen Skandal aus - die BBC spielte es nicht, der Papst protestierte. Wie gingen Sie mit diesen Reaktionen um?

Birkin: Die interessierten mich nicht. Wichtig war mir höchstens die Meinung meiner Eltern. Wenn ich ihnen die Nummer vorspielte, übersprang ich mit der Plattenspielernadel immer die Passagen mit dem heftigen Stöhnen. Das, was sie zu hören bekam, fand meine Mutter wunderschön. Mein unverschämter großer Bruder ließ es sich dann allerdings natürlich nicht nehmen, den beiden das gesamte Lied vorzuspielen. Ich war mir sicher, dass mein Vater, ein strenger Marinekommandant, sich in Grund und Boden schämen würde für seine Tochter. Doch er fand es großartig. Zumindest hat er das in seiner wunderbar stoischen Art mir gegenüber behauptet.

Birkin 1968 mit Gainsbourg in dem Film "Du bist wunderbar"
ddp images

Birkin 1968 mit Gainsbourg in dem Film "Du bist wunderbar"

SPIEGEL ONLINE: Für Furore sorgten Sie allerdings nicht nur mit "Je t'aime", sondern auch mit Nacktfotos.

Birkin: Für die ich noch nicht einmal wirklich Geld bekommen habe. Die habe ich nur aus Spaß gemacht. Es war natürlich wieder Serges Idee. Er fand das sexy und war verantwortlich dafür, dass die Bilder in "Lui" und anderen Magazinen erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht der Eindruck oder begann Ihre "wilde" Phase erst, nachdem Sie Serge Gainsbourg begegnet waren?

Birkin: Im Großen und Ganzen haben Sie recht. Ich führte ja erst einmal ein ganz gewöhnliches Leben. Ich war mit dem Komponisten John Barry verheiratet, 1967 kam unsere Tochter Kate auf die Welt. Hauptsächlich war ich damit beschäftigt, mir Sorgen zu machen, dass mein Mann mit einer anderen durchbrennt. Was dann ja letztlich auch passierte. Wer weiß, ob ich zu einem Casting nach Paris gefahren wäre, hätte er das nicht getan.

Birkin 1975 am Set des Films "Je t'aime moi non plus"
AFP

Birkin 1975 am Set des Films "Je t'aime moi non plus"

SPIEGEL ONLINE: Das Vorsprechen war für den Film "Slogan", bei dem Sie Gainsbourg kennenlernten.

Birkin: Es war ein großes Casting mit vielen jungen britischen Kolleginnen wie Jacqueline Bisset, denn der Regisseur Pierre Grimblat wollte eine Engländerin. Ich kam nach Paris, ohne ein Wort Französisch zu sprechen. Im Hotel gab es einen chinesischen Kammerdiener, der zwei Stunden lang versuchte, mir die Dialoge einzutrichtern.

SPIEGEL ONLINE: Später lernten Sie die Sprache dann ja doch noch. Ihre Tochter Charlotte Gainsbourg berichtet, dass Sie auch zu Hause nie Englisch sprachen. Wollten Sie Ihr altes Leben in England auch in dieser Hinsicht hinter sich lassen?

Birkin: Damit hatte das nichts zu tun. Ich fand es nur nicht fair, eine Sprache zu sprechen, die Serge - zumindest damals - nicht beherrschte. Abgesehen davon liebte ich einfach alles, was mit Frankreich zu tun hatte. Das Essen, die Sprache, all die Menschen mit ihren unterschiedlichen Wurzeln. Serge etwa war ja der Sohn ukrainischer Juden, unsere Freunde kamen aus Italien oder Spanien. In England kannte ich nur Menschen, die durch und durch britisch waren. Wie langweilig! Für meine Tochter Kate war das mit der Sprache allerdings schwierig, das muss ich zugeben. Bei mir fanden es immer alle niedlich, wenn ich Fehler machte. Aber im Schulunterricht war das natürlich etwas anderes.

SPIEGEL ONLINE: Sogar noch vor Ihrer Paris-Zeit hatten Sie eine kleine Rolle in "Blow Up". Wie erinnern Sie den großen Michelangelo Antonioni?

Birkin: Als elegant - und als fair: Er wollte mir damals vor den Dreharbeiten kein Skript zeigen, genauso wie er auch Vanessa Redgrave, die die Hauptrolle spielte, keines gab. Doch er gab mir vorab ein paar einzelne Seiten, um mir schon im Vorfeld etwas von meiner Nervosität zu nehmen. Schließlich sollte ich im Film nackt zu sehen sein. Das fand ich derart umsichtig und sensibel, dass ich tatsächlich keinerlei Zweifel hatte. Wobei es letztlich John Barry war, der den Ausschlag dafür gab, die Rolle anzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Birkin: Als ich ihm berichtete, dass man mir in "Blow Up" die Kleider vom Leib reißen würde, meinte nur: "Mach das meinetwegen ruhig, schließlich ist das der vielleicht beste Regisseur der Welt. Aber du traust dich sowieso nicht." Im Schlafzimmer war ich immer die, die beim Sex das Licht ausmachte. Also musste ich ihm natürlich beweisen, dass ich mich sehr wohl traue.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Film schrieben Sie sich in die Kinogeschichte ein.

Birkin: Über so etwas habe ich mir damals keinerlei Gedanken gemacht. Allerdings berichtete John Barry bereits aus New York, dass die Vorführer in den Kinos einzelne Bilder meiner Nacktszene aus den Filmrollen herausschnitten und es eine Art Schwarzmarkthandel damit gab. In manchen Kinos wurde "Blow Up" deswegen angeblich täglich ein wenig kürzer.

Birkin 1986 gemeinsam mit Gérard Depardieu
AFP

Birkin 1986 gemeinsam mit Gérard Depardieu

SPIEGEL ONLINE: 1968 standen Sie für "Der Swimmingpool" mit Alain Delon und Romy Schneider vor der Kamera.

Birkin: Schneider und Delon zu beobachten, war damals unglaublich faszinierend, obwohl ich ihre Vorgeschichte gar nicht kannte. Ich erinnere mich noch an die Spannung zwischen den beiden. Es war nicht zu übersehen, dass sie sich einst sehr geliebt hatten. Vor allem er machte immer wieder schneidende, geradezu fiese Bemerkungen, wie man sie nur gegenüber jemandem macht, dem man einmal sehr nahe stand. Romy hielt dem aber stand und war sogar mir eine Stütze.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Hinsicht?

Birkin: Eines Tages brachte ich meine Tochter Kate mit an den Set, denn sowohl sie als auch Delon hatten ihre Söhne dabei. Doch Jacques Deray (der Regisseur von "Swimmingpool", Anm. d. Red) war stinksauer und schrie mich derart an, dass ich heulend mit meiner Tochter auf der Toilette verschwand. Es war Romy, die dafür sorgte, dass er irgendwann hinterherkam und sich entschuldigte. Sie war sehr gut darin, andere zu beschützen. Nur nicht sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Viele Jahre später - 2007, um genau zu sein - nahmen Sie für "Boxes" auch selbst auf dem Regiestuhl Platz. Eine gute Erfahrung?

Birkin: Die beste! Ich liebte jede Minute. Ich wusste genau, was ich wollte und konnte sogar alle Schauspieler besetzen, die mir vorschwebten. Wir drehten drei Wochen, alles lief glatt und sogar das Wetter machte mit.

Birkin Anfang August 2016 bei der Ehrung in Locarno
DPA

Birkin Anfang August 2016 bei der Ehrung in Locarno

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie es also noch einmal tun?

Birkin: Oh ja, sehr gerne sogar. Es gibt auch ein Projekt, das ich im Sinn habe. Aber dazu verrate ich noch nichts.

SPIEGEL ONLINE: Und werden wir Sie auch noch einmal auf der Leinwand sehen?

Birkin: Nein, dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen. Ich sehe lieber anderen Leuten bei der Arbeit zu als mein eigenes Gesicht auf der Leinwand. Die Schauspielerei übt auf mich keinen Reiz mehr aus.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.