Japanische Starautorin Yoshimoto: "Ich möchte mein Lächeln nicht verlieren"

Die Tokioterin Banana Yoshimoto gehört zu den bekanntesten Autoren Japans - und hat Eindrücke von ihrer Heimat nach der Katastrophe notiert. Es ist ein Dokument des Optimismus: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aufs Neue entdecke, wie großartig die japanischen Menschen sind."

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Schriftstellerin Banana Yoshimoto: "Große Probleme stehen uns bevor"

Zum Zeitpunkt des Erdbebens war ich gerade auf dem Weg, meinen Sohn vom Kindergarten abzuholen. Mein Mann fuhr mich dorthin. Durch die schweren Erschütterungen hatte er aber keine andere Wahl, als am Straßenrand anzuhalten.

Durch die Autofenster sah ich in der Ferne riesige Gebäude wanken, und ich dachte: "Große Probleme stehen uns bevor." Zum Glück war mein Sohn im Kindergarten in Sicherheit, und wir konnten auch sicher nach Hause gelangen.

Dort waren einige Dinge zu Schaden gekommen, von ein paar Bilderrahmen war das Glas geborsten, und einige Bücher waren aus den Regalen gesprungen. Aber glücklicherweise war nichts Schlimmes passiert.

Ein befreundeter Nachbar schaute sofort bei uns vorbei und half uns freundlicherweise. Ich kümmerte mich um die Menschen, die wegen der Unterbrechung des öffentlichen Nahverkehrs nicht nach Hause fahren konnten.

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Handys funktionierten überhaupt nicht. Deshalb waren Twitter und Viber die nützlichsten Quellen, um an Informationen zu gelangen. Wir spürten die Nachbeben, aber in Tokio gab es keine schweren Schäden.

Beunruhigend ist nun, dass die Menschen angefangen haben, exzessiv Gegenstände des täglichen Bedarfs zu kaufen. Reis, Dosennahrung und Toilettenpapier sind überall ausverkauft. Außerdem ist es nicht leicht, sich mit dem Auto fortzubewegen, da der Benzinverkauf eingeschränkt wurde.

Wir haben im Fernsehen so viele erschütternde Bilder vom Tsunami gesehen, dass ernsthafte Auswirkungen auf die Gemüter der Menschen nicht ausbleiben. Einige Rundfunkstationen haben dies aber erkannt und ihr Programm wieder umgestellt. Nun ist das reguläre Programm zusammen mit Nachrichteneinschüben zu sehen. Ich war sehr beeindruckt von der mutigen Entscheidung von Television Tokyo Channel 12, die als Erste umgestellt haben.

Was die Probleme des Atomkraftwerks von Fukushima betrifft, bin ich noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen, weil so viele verschiedene Meinungen dazu herrschen. Dennoch bin ich beeindruckt von den großen Fähigkeiten der japanischen Ingenieure, die ihr Bestes geben, um Explosionen vorzubeugen, anstatt darüber zu diskutieren, was falsch oder richtig ist.

Mir ist fast das Herz geborsten vor Trauer über den Tod so vieler Menschen, die durch die Katastrophe umgekommen sind. Anderseits sind die Hilfskräfte mit großem Einsatz dabei, Menschen zu retten, und die meisten der Überlebenden unterstützen sich gegenseitig.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aufs Neue entdecke, wie großartig die japanischen Menschen sind. Ich glaube, es ist die Aufgabe von Schriftstellern, Hoffnung zu verbreiten - egal, in welcher Situation. Unter keinen Umständen möchte ich aufhören zu lächeln, meine Gedankenfreiheit verlieren. Ich will Schwierigkeiten mit Mut entgegentreten.

Aus dem Englischen übersetzt von Hannah Pilarczyk.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Muss sie ja auch nicht
dr.épernay-boiler 18.03.2011
Es wird ein strahlendes Lächeln sein.
2. Recht auf Verdrängung
BettyB. 18.03.2011
Yoshimoto hat natürlich teilweise recht, doch auch sie sollte nicht vergessen, dass die AKWs nicht vom Himmel fielen. Es sind nämlich japanische Ingenieure und Zulassungsbevollmächtigte die beim Bau der Anlagen schuldhaft handelten, als sie die Risiken unterschätzten...
3. aua
kuriosos 18.03.2011
dieses bonierte ja nicht einmal arrogante gefasel, aus der tonne: hinterher ist man immer schlauer, geht mir langsam auf den sack. ich würde dringend raten meinung (auf die ja jeder sein recht hat) mal mit ein paar fakten zu überprüfen. schuldhaft? wenn ich das lese könnte ich mich wirklich richtig aufregen. definieren sie mal schuldhaft. ich kann nicht mal den allseits beliebten scheissegalvorsatz finden. wie bitte kann man denn ein solches erdbeben vorhersehen, geschweige denn wo es zuschlagen wird und ob es mit oder ohne tsunami kommt. oder reicht bei ihnen schon das bauen eines AKW um schuldig an allen evtl. auftretenden ereignissen der kategorie höhere gewalt zu sein? AKW fallen natürlich nicht vom himmel aber erdbeben der stärke 8,9 auch nicht. meine oma hat mir zwei dinge mit auf den weg gegeben als ich ein kleines kind war: There's no use in crying 'bout spilled milk und hinterher ist man immer schlauer.
4. chees
panzeraufklärungstruppe 18.03.2011
Wem interessiert das ob Yoshimoto ihr Lächeln verliert?
5. Nicht vorhersehbar ...
roquefort 18.03.2011
@kuriosos: Am Pazifischen Feuerring gab es schon vorher zwei Beben der Stärke über 9 (neun!), vor Chile und vor Alaska. Jede Stelle an diesen Plattenrändern muß potentiell und jederzeit mit so starken Beben rechnen. Das nächste wird in 20 - 30 Jahren kommen. Es ist weder eine Frage der Zeit noch des Ortes. In Deutschland gibt es sogar für die Auslegung von Regenwasserleitungen Tabellen, in denen man nachschlagen kann, wie viel Regen alle 5 Jahre, 10 Jahre, 100 Jahre oder 1000 Jahre fällt. Danach wähle ich aus, wie dick das Rohr wird. Wer da bei einem AKW mit 50 Jahren Betriebsdauer in der Spalte "Erdbeben alle 30 Jahre" nachguckt und die Zahl "Stärke 9" ignoriert, hat da jedenfalls nicht als Ingenieur seine Pfoten im Spiel gehabt, sondern als beschlipster BWLer mit der Einstellung: "Wird schon nix passieren". Bei einer so teuren Sache wie einem AKW hätte es geschätzt 10% der Bausumme ausgemacht, es entsprechend für Nahbeben Stärke 8 + 15m Tsunami zu bauen. [sarkasmus]Das ist weniger als die bei solchen Bauvorhaben üblichen Bestechungsgelder.[/sarkasmus]
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Zur Autorin
Banana Yoshimoto, eigentlich Mahoko Yoshimoto, wurde 1964 in Tokio geboren. Sie studierte japanische Literatur an der Nihon-Universität, bevor sie ihre ersten Bücher und Erzählungen veröffentlichte. Zu ihren bekanntesten Werken in Deutschland zählen die Romane "Kitchen", "Federkleid" und "Amrita". Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch der Erzählungsband "Mein Körper weiß alles".

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