"Es war Zufall, dass ich am 11. März 2011 in einem Hubschrauber saß. Ich hatte in der Präfektur Aomori an der Nordspitze der Hauptinsel Honshu Luftaufnahmen von Schülern gemacht. Sie hatten sich so aufgestellt, dass es von oben ein Bild ergab. Unsere Zeitung richtete dort ein Baseballturnier für Schulen aus dem ganzen Land aus, und das Foto sollte ein Andenken sein.
Als die Erde bebte, waren wir auf dem Rückweg nach Tokio. Ich fotografierte die Schäden, die das Beben angerichtet hatte, bis der Pilot sagte, dass der Treibstoff knapp werde. Eine Stunde nach dem Beben landeten wir auf dem Flughafen in Sendai, um zu tanken. Das Meer war ruhig wie immer. Zehn Minuten später kam der Tsunami. Genauso lange brauchten wir, um herauszufinden, dass der Flughafen nach dem Beben geschlossen hatte und wir nicht tanken konnten.
Als wir wieder über Sendai in die Luft stiegen, sahen wir die Welle. Ich hätte nie gedacht, dass sie so gewaltig sein würde. Mein Kopf war plötzlich ganz leer. Die Besatzung des Helikopters schrie vor Schreck, aber ich war abgelenkt, ich musste ja Bilder machen. Wir hatten noch Kraftstoff für eine halbe Stunde. Ich fotografierte, so viel ich konnte.
Später fiel mir auf, dass auf den Bildern auch Menschen zu sehen sind, die versuchen, sich zu retten. Doch in diesem Moment bemerkte ich sie nicht. Es ging alles so schnell, und von oben prägte sich mir vor allem die gewaltige Energie des Tsunami ein. Er verwandelte die Stadt in ein Meer. Es war unglaublich.
"Ich bin schon oft in Onagawa gewesen. Ich erkannte nichts wieder."
Nach einer Viertelstunde drehte der Pilot ab und flog in die Berge. Wir landeten auf einem Fabrikgelände. Die Handys funktionierten nicht, daher konnte ich meine Bilder nicht in die Redaktion schicken. Ich habe von einem öffentlichen Telefon aus bei meiner Zeitung angerufen und mich in ein Taxi gesetzt, um in unser Büro in Sendai zu fahren. Es stand zum Glück noch. Ich habe selbst zweieinhalb Jahre in der Stadt gelebt, meine Frau kommt von dort, und ich kannte viele Orte, die der Tsunami zerstört hat.
In den nächsten acht Tagen bahnte ich mir einen Weg in Städte wie Kesennuma. Eine meiner schlimmsten Erinnerungen ist die an Onagawa. Der Ort war mir vertraut, ich bin schon oft dort gewesen. Ich erkannte nichts mehr wieder. Das war ein großer Schock.
Erst als ich wieder zurück in Tokio war und in der Zeitung oder im Internet andere Bilder sah, wurde mir vollends klar, wie furchtbar der Schaden ist. Uns allen ist bewusst, dass Japan ein Erdbebenland ist. Trotzdem hätten wir nicht gedacht, dass so etwas passieren könnte. Ich habe Wagen gesehen, auf denen die Toten, in Plastik oder Decken gehüllt, zu einem Berg aufgetürmt waren.
Seit der Katastrophe war ich etwa zehnmal in der Region, insgesamt fast drei Monate. Inzwischen hat sich dort vieles normalisiert. Doch der Wiederaufbau geht langsam voran. Das liegt auch daran, dass viele Orte komplett neu entworfen werden. Sollen die Häuser wieder so nah am Meer stehen? Zu solchen Fragen gibt es verschiedene Meinungen, und die Entscheidung braucht Zeit."
Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.
Aufgezeichnet von Heike Sonnberger
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