Japans Katastrophe im Bild: "Ich fotografierte, so viel ich konnte"

Als der Tsunami zuschlug, saß Reporter Koichiro Tezuka im Helikopter. Er hatte gerade Schüler aus der Luft fotografiert, plötzlich verwandelte sich die Stadt unter ihm in ein Meer. Der 34-Jährige betäubte sein Entsetzen, indem er pausenlos den Auslöser drückte. Seine Bilder erschütterten die Welt.

Tsunami-Fotograf Tezuka: Der Horror in Bildern Fotos
AP/ Kyodo News

"Es war Zufall, dass ich am 11. März 2011 in einem Hubschrauber saß. Ich hatte in der Präfektur Aomori an der Nordspitze der Hauptinsel Honshu Luftaufnahmen von Schülern gemacht. Sie hatten sich so aufgestellt, dass es von oben ein Bild ergab. Unsere Zeitung richtete dort ein Baseballturnier für Schulen aus dem ganzen Land aus, und das Foto sollte ein Andenken sein.

Als die Erde bebte, waren wir auf dem Rückweg nach Tokio. Ich fotografierte die Schäden, die das Beben angerichtet hatte, bis der Pilot sagte, dass der Treibstoff knapp werde. Eine Stunde nach dem Beben landeten wir auf dem Flughafen in Sendai, um zu tanken. Das Meer war ruhig wie immer. Zehn Minuten später kam der Tsunami. Genauso lange brauchten wir, um herauszufinden, dass der Flughafen nach dem Beben geschlossen hatte und wir nicht tanken konnten.

Als wir wieder über Sendai in die Luft stiegen, sahen wir die Welle. Ich hätte nie gedacht, dass sie so gewaltig sein würde. Mein Kopf war plötzlich ganz leer. Die Besatzung des Helikopters schrie vor Schreck, aber ich war abgelenkt, ich musste ja Bilder machen. Wir hatten noch Kraftstoff für eine halbe Stunde. Ich fotografierte, so viel ich konnte.

Später fiel mir auf, dass auf den Bildern auch Menschen zu sehen sind, die versuchen, sich zu retten. Doch in diesem Moment bemerkte ich sie nicht. Es ging alles so schnell, und von oben prägte sich mir vor allem die gewaltige Energie des Tsunami ein. Er verwandelte die Stadt in ein Meer. Es war unglaublich.

"Ich bin schon oft in Onagawa gewesen. Ich erkannte nichts wieder."

Nach einer Viertelstunde drehte der Pilot ab und flog in die Berge. Wir landeten auf einem Fabrikgelände. Die Handys funktionierten nicht, daher konnte ich meine Bilder nicht in die Redaktion schicken. Ich habe von einem öffentlichen Telefon aus bei meiner Zeitung angerufen und mich in ein Taxi gesetzt, um in unser Büro in Sendai zu fahren. Es stand zum Glück noch. Ich habe selbst zweieinhalb Jahre in der Stadt gelebt, meine Frau kommt von dort, und ich kannte viele Orte, die der Tsunami zerstört hat.

In den nächsten acht Tagen bahnte ich mir einen Weg in Städte wie Kesennuma. Eine meiner schlimmsten Erinnerungen ist die an Onagawa. Der Ort war mir vertraut, ich bin schon oft dort gewesen. Ich erkannte nichts mehr wieder. Das war ein großer Schock.

Erst als ich wieder zurück in Tokio war und in der Zeitung oder im Internet andere Bilder sah, wurde mir vollends klar, wie furchtbar der Schaden ist. Uns allen ist bewusst, dass Japan ein Erdbebenland ist. Trotzdem hätten wir nicht gedacht, dass so etwas passieren könnte. Ich habe Wagen gesehen, auf denen die Toten, in Plastik oder Decken gehüllt, zu einem Berg aufgetürmt waren.

Seit der Katastrophe war ich etwa zehnmal in der Region, insgesamt fast drei Monate. Inzwischen hat sich dort vieles normalisiert. Doch der Wiederaufbau geht langsam voran. Das liegt auch daran, dass viele Orte komplett neu entworfen werden. Sollen die Häuser wieder so nah am Meer stehen? Zu solchen Fragen gibt es verschiedene Meinungen, und die Entscheidung braucht Zeit."

Japan ein Jahr nach dem Super-GAU

Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.

Aufgezeichnet von Heike Sonnberger

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1. Wo ist der Oberlehrer?
ip- 11.03.2012
Zitat von sysopAls der Tsunami zuschlug, saß Reporter Koichiro Tezuka im Helikopter. Er hatte gerade Schüler aus der Luft fotografiert, plötzlich verwandelte sich die Stadt unter ihm in ein Meer. Der 34-Jährige betäubte sein Entsetzen, indem er pausenlos den Auslöser drückte. Seine Bilder erschütterten die Welt. Japans Katastrophe im Bild: "Ich fotografierte, so viel ich konnte" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,819707,00.html)
Hier schreibt natürlich keiner was, denn es geht ja "nur" um die Naturkatastrophe. Sobald es dann aber mal um Fukushima geht, dann kommt der deutsche Michel und erklärt allen die Welt, wie schlecht doch die Atomkraft ist. Und der Tsunami oder das Erdbeben selbst, das etwa 20.000 Menschen auf dem Gewissen hat, ist vergessen.
2. Beeindruckend
rufer2009 11.03.2012
Zitat von ip-- Hier schreibt natürlich keiner was, denn es geht ja "nur" um die Naturkatastrophe. Sobald es dann aber mal um Fukushima geht, dann kommt der deutsche Michel und erklärt allen die Welt, wie schlecht doch die Atomkraft ist. Und der Tsunami oder das Erdbeben selbst, das etwa 20.000 Menschen auf dem Gewissen hat, ist vergessen.
Daüber hinaus finde ich beeindruckend wie bereits nach einem Jahr in weiten Gebieten die Trümmer entfernt sind und die Infrastruktur inklusive Stromleitungen und Straßenbeleuchtung wieder funktioniert. Diese Aufbauleistung wird journalistisch und im Forum überhaupt nicht erkannt oder kommentiert. Was haben wir doch alle für Scheuklappen auf.
3. schonmal von den Steinen gehört ...
ekznamu 11.03.2012
Zitat von sysopUns allen ist bewusst, dass Japan ein Erdbebenland ist. Trotzdem hätten wir nicht gedacht, dass so etwas passieren könnte" Japans Katastrophe im Bild: "Ich fotografierte, so viel ich konnte" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,819707,00.html)
die da seit Jahrhunderten an den Berghängen stehen ? Sowas wie "Tiefer als hier solltet ihr nicht siedeln" steht darauf. Wen scherts schon .... von wegen nicht gewusst ..... Quelle: http://www.nytimes.com/2011/04/21/world/asia/21stones.html?pagewanted=all
4. Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze
Ontologix II 11.03.2012
Aus dem Manager Magazin vom 31.3.2011: Hamburg - Eine Kernschmelze in 10.000 Jahren. So schätzte die deutsche Gesellschaft für Anlage- und Reaktorsicherheit im Jahre 1979 die statistische Wahrscheinlichkeit eines GAUs ein. Nun, 33 Jahre später hatten wir schon drei Kernschmelzen weltweit. Eine kleine in Harrisburg/Three Mile Island, eine riesige 1986 in Tschernobyl und eine ziemlich große 2011 in Fukuschima. Ich glaube den falschen Atompropheten kein Wort mehr.
5.
antilobby 11.03.2012
Zitat von sysopUnd dennoch verkündete die japanische Regierung, ihre Atomenergiekapazitäten im Lande auszuweiten.
Japan hat kaum eigene Vorräte von Öl und Kohle, der Import ist logistisch aufwendig und die Schiffsroute politisch anfällig (siehe Iran). Außerdem drohen unkontrollierte Preissteigerungen, wenn die Europäer mit dem Emissionshandel weltweit durchsetzen sollte. Wind und Sonne ist für ein Industrieland mit solch hohen Export zu wenig. Selbst DESSERTEC wäre für die Japaner keine Option, da die umliegenden Länder sicher die so gewonnenen Energie selbst verbrauchen würde als dem Erzfeind zu exportieren. Außer Kernkraft bleibt wahrscheinlich nur eine erhebliche Verlagerung der energieintensiven Produktion nach Ausland.
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Zum Autor
  • Mainichi Shimbun
    Koichiro Tezuka arbeitet für die drittgrößte japanische Tageszeitung "Mainichi Shimbun". Für seine Fotoreportage über die Tsumani-Katastrophe erhielt er im Wettbewerb des World Press Photo Awards den ersten Preis in der Kategorie Spot News.
SPIEGEL TV Magazin Spezial

Sonntag, 11.03.2012, 22.35 Uhr - 00.00 Uhr, RTL

Für diese Reportage ist Maria Gresz mit mehreren Kollegen ins Katastrophengebiet gereist. Der 75-minütige Film wird am ersten Jahrestag des Bebens bei RTL als eine SPIEGEL-TV-Magazin-Sondersendung gezeigt.


Fläche: 377.944 km²

Bevölkerung: 126,536 Mio.

Hauptstadt: Tokio

Staatsoberhaupt: Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

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