Geschlechterrollen "Männer können auch eine Pussy haben"

Früher nahm ihn die Welt als Französin war, heute als Migranten - wie ändert sich ein Leben dadurch? Der Autor und Transmann Jayrôme C. Robinet über deutschen Rassismus und sein erstes Mal in der Männerumkleide.

Jayrôme C. Robinet
Ali Ghandtschi/ Hanser Berlin

Jayrôme C. Robinet

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Robinet, Sie haben früher als Frau in Frankreich gelebt, nun wohnen Sie als Mann in Berlin. Das Buch, das Sie über ihre Transition geschrieben haben, liest sich stellenweise so, als wären Sie plötzlich in einer anderen Welt unterwegs.

Robinet: Das Leben ist sehr anders, je nachdem, ob man als Frau oder als Mann angesehen wird. Ich bin jetzt 42 und nehme seit acht Jahren Testosteron. Nachdem ich damit angefangen und mich verändert habe, zum Beispiel meine Stimme tiefer geworden ist und mein Bart gewachsen, wurde ich von einem Tag auf den anderen anders behandelt. Jeden Tag bin ich damit konfrontiert, wie wir als Menschen gelesen werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Robinet: Freundliches Interesse an mir als Frau wechselte zu Misstrauen und Skepsis gegenüber mir als Mann. Und in manchen Situationen genau umgekehrt. Darauf war ich nicht vorbereitet. Rassismus hatte ich auch nicht erwartet, aber als Mann plötzlich erlebt. Im Nachhinein habe ich aber den Verdacht, dass ich in Deutschland früher auch nie als weiß wahrgenommen wurde. Es ist mir nur nicht aufgefallen, weil ich als Frau mit dunklen Haaren aus Frankreich halt exotisch und sexy markiert war. Als Mann war ich dann aber plötzlich exotisch und gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie schildern in Ihrem Buch, wie Sie an einer Hotelrezeption unfreundlich behandelt werden. Ist Rassismus für Sie eng mit Deutschland verbunden?

Robinet: Für mich ist es zumindest eine sehr deutsche Erfahrung, nicht als weiß wahrgenommen und deshalb misstrauisch beäugt oder verdächtigt zu werden. In Deutschland ist man gleich ein Ausländer, sobald man ein bisschen dunklere Haare und Augen hat. In Frankreich ist mir das so noch nicht passiert, das heißt aber sicher nicht, dass es dort keinen Rassismus gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie schildern in Ihrem Buch, wie Sie in der Umkleidekabine von anderen Männern als ihresgleichen angesprochen werden: Sie sind erst erleichtert und dann unglaublich nervös. Es wirkt fast so, als müssten Sie nochmal neu erwachsen werden.

Robinet: Man sagt auch, dass Transmenschen eine Art zweite Pubertät durchlaufen. Nicht nur körperlich durch die Hormontherapie, sondern auch durch das, was sie eventuell neu lernen müssen. Was sind die Codes unter Männern? Gibt es Regeln in der Umkleidekabine? Wie guckt man sich an? Wenn ich als Mann einem fremden Mann zu lange in die Augen sehe, denkt er ja nicht ans Flirten, sondern haut mir vielleicht eine rein. Ich habe erst mit 33 mit meiner Transition angefangen. Vorher war ich natürlich mit gesellschaftlichen Männerbildern konfrontiert, aber am eigenen Leib hatte ich nur erfahren, wie Frauen sich zu verhalten haben.

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SPIEGEL ONLINE: Was verunsichert Sie in Ihrem Alltag am meisten?

Robinet: Wenn ich unter Männern bin und immer noch nicht weiß, was von mir erwartet wird. Letztens im Aufzug, zu dritt mit Fremden: Ein Mensch geht raus, Tür zu, der andere dreht sich zu mir und sagt: Die duftet aber gut, ach, die Frauen. Was soll ich da tun? High Five geben? Nur nicken? Mich outen? Aus der Perspektive des Mannes, für den ich gehalten werde, sagen, dass man Frauen nicht objektifizieren sollte? Ich will ja nicht wie der superaufgeklärte Mann klingen und dafür Applaus bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Robinet: Das nervt mich. Ich muss ja nicht gelobt werden, nur weil ich ein Mann bin. Ich habe die gleichen Dinge schon gesagt, als ich eine Frau war. Wenn ich mit Hemd und Anzug etwas sage, wird das auch anders wahrgenommen, als wenn ich es in einem rosa Pulli tue. Das nervt genauso.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Fragen, die Sie nicht mehr beantworten möchten?

Robinet: Als Transmann auf jeden Fall. Da fragen die meisten Menschen zuerst, ob ich operiert bin.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie, warum das so ist?

Robinet: Das Körperliche ist das Erste, was die Menschen sehen und die meisten haben eine Auffassung von Geschlecht, die damit stark verbunden ist. Habe ich einen Bart und eine tiefe Stimme, sieht und hört man das. Aber die Genitalien sieht man ja nicht. Deshalb die Frage nach der OP.

SPIEGEL ONLINE: Das muss komisch sein.

Robinet: Man fragt ja auch nicht jede beliebige Person, die man gerade seit vier Minuten kennt: Sag mal, was ist eigentlich deine Schwanzlänge? Was ist Ihre Körbchengröße? Ich habe mir aber beigebracht, dass ich auf solche Fragen nicht antworten muss.

SPIEGEL ONLINE: Was macht für Sie ihre eigene Männlichkeit aus?

Robinet: Sehr schwierige Frage, weil ich nicht weiß, ob ich irgendwas als essentiell männlich sehe. Die Gesellschaft ja, aber ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist dann Ihr Wissen, im falschen Körper geboren zu sein, ein rein körperliches Wissen?

Robinet: Ich bin nicht im falschen Körper geboren, da widerspreche ich Ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Ich wollte Ihnen nichts unterstellen. Erklären Sie mir bitte, was Sie an der Formulierung stört?

Robinet: Es gab lange diese Auffassung von Trans als Menschen, die im falschen Körper geboren wurden. Die nun eine "Geschlechtsumwandlung" machen, die inzwischen übrigens besser Geschlechtsangleichung genannt wird. Das ist aber nur ein Teil der Menschen, die sich eine Transition wünschen. Ich aber bin nicht im falschen Körper geboren. Ich freue mich über meinen Körper.

Robinet: "grundsätzliche Freiheit spüren"
Ali Ghandtschi/ Hanser Berlin

Robinet: "grundsätzliche Freiheit spüren"

SPIEGEL ONLINE: Sie tragen einen Binder, der ihre Brust abschnürt. Sie spritzen sich selbst Testosteron. Damit verändern Sie Ihren Körper.

Robinet: Ja, aber der Körper ist ja vielfältiger als nur Bartwuchs und Brüste. Ich habe mir gewünscht, dass mein Körper sich verändert, er ist aber als Ganzes nicht falsch. Zum Abbinden: Da frage ich mich auch oft, mache ich das, weil ich es möchte, oder mache ich es, weil es mir den Alltag erleichtert?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Robinet: Ich weiß es nicht. Manchmal binde ich nicht ab, sondern trage sogar Push-ups. Mein Alltag gestaltet sich dann aber ganz anders. Ich falle total auf und werde ständig unter die Lupe genommen, bin viel zu uneindeutig. Wenn ich mich so wie heute präsentiere, also mit Bart und Brust weg und Hemd, dann bin ich unsichtbarer - was das Leben einfacher machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Ihr Körpergefühl beschreiben?

Robinet: Ich wurde, als ich geboren wurde, nicht sofort als das gelesen, was ich bin. Dann habe ich meinen Körper angepasst. In meinem Fall nur mit Hormontherapie und ohne chirurgische Maßnahmen. Mir reicht das, ich mag meinen Körper so, wie er jetzt ist. Es fällt mir lustigerweise schwer, das auszusprechen, aber Männer können auch eine Pussy haben. Ich würde generell aber gerne weniger darüber reden. Ich mache ja auch andere spannende Sachen, gebe etwa Kurse und schreibe eine Doktorarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie gerade ein Buch über sich als Transmann geschrieben.

Robinet: Sie haben recht, es ist schon das Thema, um das ich nicht herumkomme. Vielleicht wünsche ich mir aber für alle Menschen mehr Ruhe damit.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Robinet: Eine größere Gelassenheit beim Thema Geschlecht. Es betrifft uns ja alle. Und es wäre doch schön, wenn man leichter so leben könnte, wie man mag: eine grundsätzliche Freiheit zu spüren, welche Interessen ich habe, welche Fertigkeiten ich entwickeln darf und welche Farben mögen - nicht, weil ich Mann oder Frau, sondern einfach, weil ich ein Mensch bin.



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