Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Jean Baudrillard: "Das ist der vierte Weltkrieg"

Der französische Philosoph Jean Baudrillard über Amerikas Feldzug gegen den Terrorismus, den Widerstand gegen die Globalisierung und die Unbesiegbarkeit des Bösen.

Scharfzüngiger Kritiker der Konsumgesellschaft: Der französische Philosoph Jean Baudrillard
AFP

Scharfzüngiger Kritiker der Konsumgesellschaft: Der französische Philosoph Jean Baudrillard

SPIEGEL:

Monsieur Baudrillard, Sie haben die Attentate vom 11. September in New York und Washington als das "absolute Ereignis" beschrieben. Sie haben die USA beschuldigt, durch ihre unerträgliche hegemoniale Übermacht den unwiderstehlichen Wunsch nach ihrer Zerstörung zu wecken. Jetzt, wo die Herrschaft der Taliban kläglich zusammengebrochen ist, Bin Laden nichts mehr als ein gehetzter Flüchtling ist ­ müssen Sie nicht alles widerrufen?

Baudrillard: Ich habe nichts verherrlicht, niemanden angeklagt und nichts gerechtfertigt. Man darf den Botschafter nicht mit seiner Kunde verwechseln. Ich bemühe mich, einen Prozess zu analysieren: den der Globalisierung, die durch ihre schrankenlose Ausdehnung die Bedingungen für ihre eigene Zerstörung schafft.

SPIEGEL: Lenken Sie damit nicht einfach ab von der Tatsache, dass identifizierbare Verbrecher und Terroristen für die Anschläge verantwortlich sind?

Baudrillard: Natürlich gibt es handelnde Akteure, aber der Geist des Terrorismus und der Panik reicht weit über sie hinaus. Der Krieg der Amerikaner konzentriert sich auf ein sichtbares Objekt, das sie zerschmettern möchten. Doch das Ereig-nis vom 11. September in all seiner symbolischen Bedeutung lässt sich so nicht auslöschen. Die Bomben auf Afghanistan sind eine völlig unzulängliche Ersatzhandlung.

SPIEGEL: Die USA haben immerhin eine barbarische Unterdrückung beendet und dem afghanischen Volk eine Chance zum Neubeginn in Frieden gegeben. So sieht es auch Ihr Kollege Bernard-Henri Lévy.

Baudrillard: Die Lage scheint mir nicht so eindeutig. Der Triumphalismus eines Lévy ist mir fremd. Er bringt ein Hoch auf die B-52-Bomber aus, als wären diese Instrumente des Weltgeistes.

SPIEGEL: Es gibt keinen gerechten Krieg?

Baudrillard: Nein, dafür gibt es zu viele Ambivalenzen. Kriege werden oft aus dem Drang nach Gerechtigkeit heraus begonnen, das ist sogar fast immer die offizielle Begründung. Aber selbst wenn sie gerechtfertigt sein mögen und in bester Absicht geführt werden, enden sie in der Regel nicht so, wie ihre Urheber sich das vorstellen.

SPIEGEL: Die Amerikaner haben unbestreitbare Erfolge erzielt. Viele Afghanen können jetzt auf ein besseres Leben hoffen.

Baudrillard: Warten Sie ab. Noch haben nicht alle afghanischen Frauen ihren Schleier abgelegt. Die Scharia soll in Kraft bleiben. Das Regime der Taliban ist zerschlagen, gewiss. Aber das internationale Netzwerk der Terroristenorganisation al-Qaida existiert immer noch. Und Bin Laden, tot oder lebendig, ist vor allem verschwunden. Das verleiht ihm eine mythische Macht, er gewinnt in gewisser Weise eine übernatürliche Dimension.

SPIEGEL: Haben die Amerikaner erst gesiegt, wenn sie Bin Laden oder seine Leiche im Fernsehen präsentieren können?

Baudrillard: Das wäre ein fragwürdiges Spektakel, und selbst dann bliebe ihm die Rolle des Märtyrers. Ihn zur Schau zu stellen würde ihn nicht unbedingt entzaubern. Auf dem Spiel steht mehr als die Kontrolle eines Territoriums, einer Bevölkerung oder die Ausschaltung einer subversiven Organisation. Der Einsatz ist fast schon metaphysisch geworden.

SPIEGEL: Warum können Sie nicht einfach akzeptieren, dass die Zerstörung des World Trade Center die willkürliche, irrationale Tat einiger verblendeter Fanatiker war?

Baudrillard: Eine gute Frage, aber selbst wenn es sich um eine bloße Katastrophe gehandelt hätte, bliebe die symbolische Bedeutung des Ereignisses erhalten. Nur so erklärt sich auch seine Faszination. Hier ist etwas geschehen, das bei weitem den Willen der Akteure übersteigt. Es gibt eine universelle Allergie gegen eine endgültige Ordnung, gegen eine endgültige Macht, und die Zwillingstürme des World Trade Center verkörperten diese endgültige Ordnung in vollkommener Weise.

SPIEGEL: Demnach erklären Sie den terroristischen Wahn als unausweichliche Reaktion auf ein System, das selbst größenwahnsinnig geworden ist?

Baudrillard: Das System selbst in seinem totalen Anspruch hat die objektiven Bedingungen dieses furchtbaren Gegenschlags geschaffen. Der immanente Irrsinn der Globalisierung bringt Wahnsinnige hervor, so wie eine unausgeglichene Gesellschaft Delinquenten und Psychopathen erzeugt. In Wahrheit sind diese aber nur die Symptome des Übels. Der Terrorismus ist überall, wie ein Virus. Er braucht Afghanistan nicht als Heimstatt.

SPIEGEL: Sie deuten die Globalisierung und den Widerstand gegen sie wie den Verlauf einer Krankheit, sogar wie eine Selbstzerstörung. Ist das nicht das eigentlich Skandalöse an Ihrer Analyse ­ dass diese das Moralische völlig auslässt?

Trümmer des World Trade Center in New York
AP

Trümmer des World Trade Center in New York

Baudrillard: Ich bin auf meine Weise durchaus ein Moralist. Es gibt eine Moral der Analyse, eine Pflicht zur Aufrichtigkeit. Ich will damit sagen, dass es unmoralisch ist, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, nach Vorwänden zu suchen, um das schwer Erträgliche zu kaschieren. Wir müssen die Dinge jenseits des Gegensatzes von Gut und Böse sehen. Ich suche die Konfrontation mit dem Ereignis, so wie es ist, ohne Zweideutigkeit. Wer das nicht kann, wird zu einer moralischen Falschschreibung der Geschichte verleitet.

SPIEGEL: Aber wenn der terroristische Akt sich zwangsläufig, praktisch schicksalhaft vollzieht, wie Sie behaupten, ist er dann nicht zugleich entschuldigt? Es gibt kein verantwortliches Subjekt mehr.

Baudrillard: Die Begrifflichkeit meiner Analyse ist zweischneidig, das ist mir klar. Die Worte können gegen mich gewendet werden. Aber ich lobpreise nicht Mord und Totschlag, das wäre idiotisch. Der Terrorismus ist keine zeitgenössische Form der Revolution gegen Unterdrückung und Kapitalismus. Keine Ideologie, kein Kampf für eine Sache, auch nicht der islamische Fundamentalismus, können ihn erklären.

SPIEGEL: Aber warum sollte sich die Globalisierung gegen sich selbst richten, warum sollte sie Amok laufen, da sie doch Freiheit, Wohlstand und Glück für alle verheißt?

Baudrillard: Das ist die utopische Sicht, die Reklame gewissermaßen. Aber es gibt kein gänzlich positives System. Im allgemeinen sind positivistische Geschichtsutopien äußerst mörderisch, wie Faschismus und Kommunismus gezeigt haben.

SPIEGEL: Globalisierung können Sie doch nun wirklich nicht mit den blutigsten Systemen des 20. Jahrhunderts vergleichen.

Baudrillard: Sie beruht, wie früher der Kolonialismus, auf einer ungeheuren Gewalt. Sie schafft mehr Opfer als Nutznießer, auch wenn die westliche Welt mehrheitlich davon profitiert. Natürlich können die USA im Prinzip jedes Land so befreien wie Afghanistan. Aber was wäre das für eine sonderbare Befreiung? Die derart Beglückten würden sich dagegen zur Wehr zu setzen wissen, notfalls eben mit Terror.

SPIEGEL: Sie halten die Globalisierung für eine Form der Kolonisierung, getarnt als Ausbreitung der westlichen Zivilisation?

Baudrillard: Sie wird angepriesen wie der Endpunkt der Aufklärung, die Auflösung aller Widersprüche. In Wirklichkeit verwandelt sie alles in einen verhandelbaren, bezahlbaren Tauschwert. Dieser Prozess ist extrem gewaltsam, denn er zielt auf eine Vereinheitlichung als Idealzustand ab, in dem alles Einzigartige, jede Singularität, mithin auch jede andere Kultur und letztlich jeder nichtmonetäre Wert aufgehoben würden. Sehen Sie: An diesem Punkt bin ich der Humanist und der Moralist.

SPIEGEL: Setzen sich mit der Globalisierung nicht auch universelle Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte durch?

  • 1. Teil: "Das ist der vierte Weltkrieg"
  • 2. Teil
Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: