Genets "Zofen" in München Die unbarmherzigen Schwestern

Das Drama zweier Dienerinnen, die gern ihre eigene Herrin wären: Stefan Pucher inszeniert an den Münchner Kammerspielen Jean Genets "Zofen" als Charleston-Tanz auf dem Vulkan. Die Schauspielerinnen - immerhin - sind großartig.

Julian Röder

"Der Herr rief: 'Lieber Knecht, mir ist entsetzlich schlecht!' Da sprach der Knecht zum Herrn: 'Das hört man aber gern!'" Kürzer kann man Jean Genets gallenbittere Tragödie "Die Zofen" nicht zusammenfassen. Der Knecht, das sind hier die beiden Schwestern Claire und Solange, deren Lust das Leiden der "Gnädigen Frau" ist.

Doch anders als Robert Gernhardt im Gedicht, in dem es dem feixenden Domestiken reicht, dass dem Vorgesetzten heftig übel ist, treibt Genet die Qualen auf die Spitze: Am Ende soll da ein Mord stehen, als Befreiungsakt, als Rache an einer Herrin, deren Sanftmut und Gerechtigkeit, Gnade und Verständnis als unerträglich empfunden werden.

Genets 1947 in Paris uraufgeführtes Stück ist eine deprimierende, ebenso grausame wie schmerzend komische Reise ans Ende der Wünsche. Die Umkehrung der Verhältnisse, die Claire und Solange immer wieder in einem seltsamen Akt der Selbstgeißelung proben, erweist sich als unerreichbares Ziel.

Genet hat das perfekt komponiert, illusionslos und keineswegs mit einem bedauernden Unterton des Mitleids. Es geht um Verkleidungen, um Rollenwechsel: Claire und Solange, die Untermieterinnen in Traumschlössern und tatsächlichen Bewohnerinnen einer windigen Mansarde, nehmen die Sprache ihrer Vorgesetzten wie geklaute Preziosen in den Mund und kostümieren ihre eingestandene Nichtigkeit mit fremden Roben und Klunkern. Doch endet das in erschöpfter Demaskierung, das Spiegelbild grinst zurück als Fratze der Wirklichkeit.

Mit Brigitte Hobmeier und Annette Paulmann hätte der Regisseur Stefan Pucher in den Münchner Kammerspielen zumindest schon einmal die Idealbesetzung für die unbarmherzigen Schwestern gehabt: Zwischen spitzen Schreien und dumpfer Demut, als sadistische Seelen-Folterer und geknebelte Opferlämmer agieren die beiden großartig.

Zwei Abgeschriebene mit der erotischen Ausstrahlung von Mottenkugeln sieht man da, die nur aufgebrezelt in der Garderobe der Gnädigen und im Spinnen von Intrigen für Augenblicke Befriedigung finden. Mit Küssen und Bissen traktieren sie sich gegenseitig, jonglieren in ihrem falschen Spiel mit dem richtigen Leben und fallen doch immer wieder so gnadenlos zurück zwischen die Schranken ihrer mickrigen Existenz. Ist die viel zu dick aufgetragene Schminke verschmiert, zeigen die Gesichter die Angst und den Ekel vor der Wahrheit.

Großes Kino fürs Theater

Doch Pucher mochte sich nicht allein auf die Kunst seiner Schauspielerinnen verlassen. Er mochte offenbar auch der Wucht des Textes nicht so ganz trauen. Also begann er zu illustrieren, was ihm in seiner kargen Direktheit und sprachlich spröden Poesie zu dürftig erschien. Von Barbara Ehner ließ er sich eine rätselhafte ovale Röhre auf die Bühne stellen, eine Art hermetisches Loch mit angedeuteter Holztäfelung und Lüster, ohne Aussicht auf Fluchterfolg. Alles ist hier aufs Strengste schwarz und weiß, bis hin zum Antlitz der Bediensteten, die gepudert, mit öligen Haaren und mit knalligem Kussmund aussehen wie aus Bob Fosses "Cabaret"-Film entliehen.

Überhaupt schwelgt Pucher ästhetisch im nostalgischen Zwanziger-Jahre-Gefühl, lässt auf dem Vulkan den Charleston steppen, zelebriert die letzten Tage einer Menschheit, die mit Wonnen das Zeitliche segnet. Und dabei ist es natürlich vor allem die sexuelle Aufladung der Atmosphäre in diesem Klassenkampf der Kammerdienerinnen, die ihn interessiert. Schwül dekadent und hundsgemein ordinär, sadistisch verletzend und konvulsivisch entzückt geht es zu, wenn die unzüchtigen Zofen den Untergang im Abendkleid spielen.

Mitunter sind das schöne, doch auch viel zu gelackte und geleckte Bilder, die Pucher für Momente kreiert und einfriert. Ute Schall liefert dazu (Live-)Video-Sequenzen, die immerhin mehr sagen über die fatale Abhängigkeit, in der sich die Schwestern befinden, als es die mit Gruftie-Sound unterfütterte Kostüm-Bilder-Show sonst vermag: Da legen sich auf der Leinwand die Antlitze übereinander, keine Identitäten sind mehr erkennbar, nurmehr identische Züge verbissener Traurigkeit.

Es fehlt zum Höhepunkt dieses Abends, der es mit Macht und Grusel auf Kultstatus abgesehen hat, der Auftritt der gnädigen Frau. Auch der ist großes Kino fürs Theater: Wiebke Puls stöckelt in rüschigem Pink wie eine pikierte Charity-Lady durch die gefahrvolle Schräge der profanen Realität und ist zum Niederknien tragikomisch in ihrem Schmerz über den Lauf der schnöden Welt. Mit versierter Exaltiertheit und naiver Grandezza ignoriert sie denn auch den Mordanschlag, mit dem ihre "Perlen" tollpatschig scheitern.

Über die Wangen von Solange und Claire laufen Wimperntusche und Lidschatten wie Sturzbäche der Einsamkeit. Aus dem tödlichen Spiel wird für eine gleich Ernst. Aber in einem der dunkel wummernden Chansons, die hier gesungen wurden, hieß es ja schon, jeder bringe das um, was er liebt. So gesehen muss Stefan Pucher, der die garstigen "Zofen" im harmlos schrägen Fummel-Reich inszenierte, Genet ziemlich gern haben.

Die Zofen, Münchner Kammerspiele
Wieder am 31.5. sowie am 3., 6., 21. und 27.6., Tel. 089/23 39 66 00



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