Salzburger Festspiele: Zwei Väter für den "Jedermann"

Von Kaspar Heinrich

"Jedermann"-Inszenierung: Die Kunst des Nonverbalen Fotos
Salzburger Festspiele/ Forster

Auch in Salzburg ist die Globalisierung angekommen: Zum ersten Mal inszenieren ein Brite und ein US-Amerikaner den legendären "Jedermann". Wenn die Sprachbarriere die Regie behinderte, mussten die Schauspieler ran und erklären, wie sie das Stück verstehen.

Im Februar 2012 platzte der Tod ins Leben von Julian Crouch. Sein Vater sei gestorben, so sagte man dem Theaterregisseur am Telefon. Noch am selben Tag setzte sich Crouch in einen Zug und fuhr von London in die nordenglische Stadt York, wo sein Vater gelebt hatte. Auf dem Weg las er E-Mails und stieß auf eine Nachricht der Salzburger Festspiele - mit der Frage, ob er den "Jedermann" im kommenden Jahr inszenieren wolle. Jenes Stück, in dem sich die Hauptfigur mehr Lebenszeit vom Tod erbittet, um Bürgen für seinen guten Charakter zu finden.

"Das Merkwürdige ist, dass mein Vater Experte für mittelalterliches Theater war und über Mysterienspiele geschrieben hat", sagt Crouch heute. Merkwürdig deshalb, weil auch Hugo von Hofmannsthals Stück von 1911 auf einer Vorlage aus dem frühen 16. Jahrhundert beruht, der britischen Moralität des "Everyman". Beide Versionen leben von ihren universellen Themen und den Allegorien, durch die sie verkörpert werden: Die guten Werke des Jedermann, der Glaube und der Mammon treten in Personengestalt auf, genauso wie Tod und Teufel.

Über die deutschsprachige Adaption wusste Crouch wenig. Also las er bei Wikipedia nach. "Ich habe dann sehr schnell erkannt, was für eine große Sache das in Salzburg ist", sagt Crouch. Bevor er der Festspielleitung zusagte, schrieb er eine Mail an seinen Regiekollegen Brian Mertes und fragte, ob er ihn bei der Inszenierung unterstützen wolle.

Auch Mertes, US-Amerikaner, hatte vom "Jedermann" noch nie gehört, das Werk Hofmannsthals kannte er nicht. Dafür kannte er Max Reinhardt - womit sich ein Kreis schloss: Reinhardt war 1920 der erste Regisseur der Salzburger Inszenierung.

Die Macht der Schauspieler

Seitdem leiteten zehn Männer und eine Frau die Geschicke des alljährlichen Freiluftspektakels, immer waren es deutschsprachige Regisseure, die den Domplatz bespielten. So kommt die diesjährige Inszenierung einer Revolution nahe, an diesem Ort theatraler Tradition: Ein Brite und ein Amerikaner teilen sich das Zepter, beide sprechen die Sprache des Stückes nicht. Ein Wagnis?

"Bei uns kursierte ein Witz", erzählt Julian Crouch, "in dem viel Wahres steckt: Selbst wenn man bei den Proben dieselbe Sprache spricht, bedeutet das nicht, dass man einander auch versteht." Eine offensichtliche Sprachbarriere wie in seinem Fall mache die Kommunikationsprobleme wenigstens deutlich.

Wenn es um Details und um die Tiefen des Textes ging, entstanden für die Regisseure trotz der Übersetzungen Probleme. Sie hätten die Hilfe der Schauspieler gebraucht - und das sei gut gewesen, so Crouch. "Denn es gibt ihnen mehr Macht und lässt sie noch mehr Teil des Prozesses werden." Außerdem würden Regisseure zu oft glauben, alles zu wissen. Das schade einer Produktion. Die Sprachbarriere brachte Crouch und Mertes in die Lage, sich zugleich als Eltern und Kinder der Inszenierung zu fühlen.

Brian Mertes entdeckte die nonverbale Kommunikation für sich, die Aussagekraft von Lachen, Umarmungen und Verzweiflungsgesten. Und entdeckte eine Parallele zu Hofmannsthal: "In seinen sprachkritischen Schriften wie dem Lord-Chandos-Brief gesteht er ein, dass Worte uns oft fehlleiten und dass wir nur wegen dieser Irrwege so viel reden." Das sei einer der Gründe, aus denen er selbst mit Bühnenstücken arbeite: "Im Theater kann man Dinge ausdrücken, die über das gesprochene Wort hinausgehen", so Mertes.

Gargantua und Fahrradtour

Nicht nur die Herkunft der Regisseure bedeutete ein Novum in Salzburg. Auch dass ein Duo dem Team voransteht, ist neu. Für Julian Crouch allerdings völlig normal. "Wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, kann man sich nicht in seine eigenen Gepflogenheiten flüchten." Am Broadway heiße es zwar, es solle nur einen Kapitän auf dem Schiff geben. Crouch selbst wählt jedoch eine andere, für ihn besser passende Metapher: "Ich sehe eine Theaterproduktion als Familie - und niemand ist der Meinung, dass die von nur einer Person geführt werden sollte. Eine Doppeldynamik ist wichtig."

Im "Elternpaar" Crouch und Mertes war der Brite neben der Regie fürs Bühnenbild verantwortlich. Er verbindet darin das Mittelalter mit den zwanziger Jahren. Für die Gestalt des Mammons orientierte sich Crouch etwa an alten Zeichnungen des Riesen Gargantua, einer mittelalterlichen Romanfigur. Zugleich fährt die Buhlschaft auf dem Fahrrad über die Bühne.

Tradition oder Folklore - im Fall des "Jedermann" liegt beides nahe beisammen. Kein Theaterereignis im deutschsprachigen Raum besitzt eine größere Popularität, auch in diesem Jahr sind alle 15 Aufführungen auf dem Domplatz schnell ausverkauft gewesen.

In den vergangenen elf Jahren kam Christian Stückls Inszenierung zur Aufführung, Peter Simonischek und Nicholas Ofczarek übernahmen in dieser Zeit die Hauptrolle. Beim Part der Buhlschaft war der Wechsel Programm: Veronica Ferres, Nina Hoss, Marie Bäumer, Sophie von Kessel und Birgit Minichmayr waren jeweils in der Rolle von Jedermanns Geliebter zu sehen.

In diesem Jahr übernimmt mit Brigitte Hobmeier wieder eine gleichermaßen in Theater und Film präsente Schauspielerin die Frauenrolle. Auch Peter Lohmeyer als Tod und Simon Schwarz als Teufel sind bekannte Leinwandgesichter. Weniger hingegen Cornelius Obonya als Jedermann. Er spielt am Wiener Burgtheater und gehörte von 1992 bis 1999 zum Ensemble der Berliner Schaubühne.

Egal ob mit Julian Crouch und Brian Mertes eine neue Ära anbricht oder ihre Inszenierung ein einmaliger Versuch bleibt: In jedem Fall hält mit dem Duo zum ersten Mal globales Flair Einzug in den Salzburger "Jedermann".


Salzburger Festspiele. 19.7.-1.9. Der "Jedermann" läuft 15 Mal vom 18.7. (Generalprobe) bis 30.8.

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