"Jeff Koons" Eine Affäre - kitschig, schmutzig, amüsant

Was macht eine gute Affäre aus? Sie ist scharf, kitschig, schmutzig, unsentimental, dauert nicht ewig - und hat auf alle Fälle amüsant zu sein. Genau so ist das Theaterstück "Jeff Koons", das Stefan Bachmann am Samstagabend im Hamburger Schauspielhaus uraufführte.

Von Rita Kohlmaier


"Ins Versagen gequält" - Adam (Oliver Mallison) mit Eva (Nina Kunzendorf)
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"Ins Versagen gequält" - Adam (Oliver Mallison) mit Eva (Nina Kunzendorf)

Die Erwartungen waren groß, wie es dem jungen Basler Schauspieldirektor Stefan Bachmann (33) gelingen würde, das handlungsfreie Werk von Rainald Goetz (45) auf die Bühne zu transportieren. Dass es keine Pause geben würde, schien so manchem Premierengänger vorab erklärbar: Die Angst des Regisseurs, sein Publikum könne sich in der Halbzeit aus dem Staub machen. Weit gefehlt.

"Jeff Koons" - der Titel sei "schon das halbe Stück", wie Goetz im SPIEGEL-Gespräch sagte. Jeff Koons, amerikanischer Künstler der 80er Jahre, erreichte auch außerhalb der Kunstwelt Publikum: Durch seine Verbindung mit Cicciolina ("Schnuckelchen") Ilona Staller (47), eine blonde Porno-Darstellerin, die sich nicht entblödete, mit entblößten Brüsten eine Polit-Karriere anzustreben - und ins italienische Parlament gewählt wurde. Mit Jeff Koons posierte sie, sozusagen als Höhepunkt, für "Made in Heaven", eine kitschig-pornografische Bilder-Serie. Der Rest ist bekannt: Ein Scheidungskrieg ums gemeinsame Kind, der auch über die Medien ausgefochten wurde.

Adam (Oliver Mallison) und Eva (Nina Kunzendorf) bestaunen die Geburt ihres Sohnes
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Adam (Oliver Mallison) und Eva (Nina Kunzendorf) bestaunen die Geburt ihres Sohnes

"Du ekelst mich an. Es ist aus", keift Eva (Nina Kunzendorf) ihren Künstler Adam (Oliver Mallison) dann auch auf der Bühne an. Als der sich, nach Phasen der Schöpfungslust, der Verehrung, des Hype längst ins Versagen gequält hatte. "Du hast gesagt, es geht um Liebe, du hast gesagt, es geht um Kunst", dröhnt die Stimme aus dem Off - herzlose Beschreibung des großen Missverständnisses. Es ist eine der letzten Szenen: Vernissage, besetzt mit Koonschen Kunst-Figuren, eine schwafelt sich in einen endlosen Sermon über die Kunst hinein, bis alle anderen - angeführt von einem Pink Panther - ebenfalls ihre Selbstbefriedigungsnummern durchziehen. Schließlich treibt es jeder irgendwie mit jedem.

Es gibt auch beklemmende Momente. Als die "Gebückten vom Görlitzer Bahnhof", eine Penner-Gang in Kostümen aus der Zeit des Aufklärers Voltaire, sich mit Heroin und Alkohol belustigen und dem Publikum, nur wenige Schritte vom Elend am Hamburger Hauptbahnhof entfernt, den Deal vorhalten: Ihr gebt uns Geld, und wir zeigen euch dafür unser Elend. Damit ihr euch besser fühlt.

Ein Bühnenbild in kreischend-pink, gleißend-weiß, raben-schwarz (Barbara Ehnes), aufwendige Kostüme (Annabelle Witt), die Musik inspiriert von Madonna (Stefan Pucher) - keine Chance für den Theaterschlaf, den Rainald Goetz jüngst im SPIEGEL propagierte. Dafür ein Kunst-Märchen: ästhetisiert, verkitscht, zum Nach-Denken einladend.

Das Hamburger Premieren-Publikum war überrascht, belustigt, verführt und dankte - abgesehen von einem einsamen Buh-Rufer - mit langem Applaus.

Mit "Jeff Koons" ist es wie mit einer Affäre: Man muss sie nicht unbedingt haben. Aber, was ist gegen ein wenig heiter-schmutzigen Kitsch zu sagen?



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