Rainald-Goetz-Premiere in Berlin "Sie tun es, sie machen's"

Sex, Drogen und Künstlerego: An der Berliner Schaubühne inszeniert die Regisseurin Lilja Rupprecht Rainald Goetz' Stück "Jeff Koons" aus der Perspektive einer neuen Generation.

Arno Declair

Gut 18 Jahre, fast eine Generation, ist es her, dass Rainald Goetz' Stück "Jeff Koons" im Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Es gibt Leute, die schwärmen noch heute von der perfekt künstlichen Kunstwelt, die der damals 33 Jahre alte Regisseur Stefan Bachmann unmittelbar vor der Jahrtausendwende mit seiner Inszenierung geschaffen hatte.

Die Regisseurin Lilja Rupprecht ist heute fast im gleichen Alter wie Bachmann damals, für sie sind die verhandelten Ereignisse so historisch wie die Inszenierung. Ein neuer Blick ist also möglich auf die präzisen Skizzen aus dem Nachtleben, die kurzen Szenen über die Liebe und die Gedanken über das Drama des Künstlers, von denen Rainald Goetz 1999 einfach behauptete, sie ergäben zusammen ein "Stück".

Im kleinen Studio der Berliner Schaubühne präsentiert Rupprecht ihre Version, zwei pausen- und auch ziemlich atemlose Stunden lang. Am Anfang stehen auf große Leinwände projizierte Bilder aus dem öffentlichen Leben des Künstlers Jeff Koons, dem Meister der polierten Oberflächen, und seiner Frau Ilona "Cicciolina" Staller, der Pornodarstellerin und späteren Politikerin. Das Kunstpaar kommt im Stück eigentlich nicht vor - so wie es in "Jeff Koons" überhaupt keine definierten Figuren gibt -, es ist, erklärte der Autor damals im SPIEGEL, nur "Hallraum" für seine Themen.

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"Jeff Koons" an der Schaubühne: Aliens lesen Rainald Goetz

Dieser Hallraum wird in Berlin von Anfang an mit einem Soundgewitter gefüllt, der Musiker Romain Frequency fungiert als DJ auf einer verspiegelten Kanzel: Nachtleben-Atmosphäre, es geht um Alkohol, die richtige Menge Drogen und Diskussionen mit dem arroganten Türsteher.

Umstandslos springt die Regisseurin zur nächsten Szene, die Goetz mit "Schönheit" überschrieben hat und die noch immer zu einer der tollsten, weil selbstverständlichsten und unkitschigsten Liebes- und Sexszenen des Gegenwartstheaters gehört: "sie poppen/ sie ficken/ sie tun es/ sie machens/ wie war das da eben?/ sie poppen und ficken/ sie tun es/ sie lachen?/ ach so ja genau".

Jeff, Cicciolina, Adam und Eva

So geht es weiter im Text, und Damir Avdic und Iris Becher sprechen diese Sätze mit der nötigen Begeisterung in ihre Mikrofone und machen klar, dass Rhythmus in so einer Situation nicht das Unwichtigste ist. Auf den Leinwänden sind Bilder vom Paradies zu sehen - wer sich für den Hallraum interessiert, sei daran erinnert, dass Jeff Koons sich und Cicciolina einst als Adam und Eva inszenierte.

Doch schon gibt es eine Bildstörung, die Szene wechselt, und Kay Bartholomäus Schulze beschreibt in einem kurzen Solo eine Kindheit, in der es galt, sich gegen das stetige Nein des Vaters aufzulehnen, dann übernimmt Lukas Turtur die Bühne und spielt überzeugend überdreht den großen Entertainer, die Ego-Show.

Munter bild- und soundüberladen hüpft die Inszenierung durch den Text, mit den Szenen wechseln die Ästhetiken, ganz wie bei Goetz: "Man probiert dauernd alles aus", beschrieb der seine Methode. Bald stehen die vier Darsteller zu sphärischer Musik vor einem Bild der Erde, aufgenommen aus dem All. Sie haben Riesenversionen der Suhrkamp-Ausgabe von "Jeff Koons" dabei, aus denen sie rezitieren, und tragen groteske, den Schädel verformende Mullturbane auf dem Kopf (Bühne und Kostüme: Annelies Vanlaere): Aliens, die sich aus maximaler Distanz Goetz' Text annähern - und dessen lyrische Qualitäten zur Geltung bringen.

Dreck auf der Leinwand

"Man probiert dauernd alles aus": Dieses Diktum gilt offenbar auch für die Regisseurin. So vertraut ihr die Klub- und Beziehungsszenen zu sein scheinen, so fern scheinen ihr die Passagen zu sein, in denen es um das Hadern des Künstlers mit seinem Künstlerdasein geht. Fast so, als kenne sie selbst gar keine Schaffenskrisen und Selbstzweifel. Oder nimmt sie sich einfach weniger wichtig?

Die Texte wirken jedenfalls plötzlich seltsam hohl und aufgesagt, die von Iris Becher gespielte hysterische Galerie-Angestellte ist ein Klischee. Und auch das, was Rupprechts Künstlerfiguren auf der Bühne schaffen, ist billig: Da schmiert Kay Bartholomäus Schulze mit großer Geste Rasierschaum auf eine Leinwand und besprenkelt sie anschließend mit Dreck; Lukas Turtur sitzt, nur mit einem Handtuch bekeidet, herum und martert sich mit Leidensmiene das Hirn - und das Ergebnis dieser Kopfgeburt zeigt sich, auf die Leinwand hinter ihm projiziert, als kitschige moderne Pietà-Variation.

Falls das als Satire gemeint ist, wird es nicht deutlich genug inmitten des sonstigen Bildgewitters. Aber vielleicht ist Goetz' Text auch nur mit Reizüberflutung beizukommen und ist es nur konsequent, dass Rupprecht gar nicht erst versucht, aus "Jeff Koons" ein harmonisches Ganzes zu machen. Es gilt, die Widersprüche auszuhalten. Damals wie heute.

"Jeff Koons". Nächste Vorstellungen am 8. und 9.6. sowie 29.6. bis 3.7., Schaubühne Berlin.

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