"Totalitärer Feminismus" Der Reichsbürger der #MeToo-Bewegung

Nach den weinerlichen Ausführungen von Jens Jessen in der "Zeit" muss keiner mehr Angst haben, der Peinlichste in der #MeToo-Debatte zu sein. Der Journalist hat der Emanzipation deshalb sogar einen Gefallen getan.

Jens Jessen
Isolde Ohlbaum/ laif

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So wie viele Menschen sich heute noch erinnern können, wo sie waren, als am 11. September 2001 das World Trade Center zusammenstürzte, so werden sich in den folgenden Jahrzehnten ganze Generationen darüber unterhalten können, wo sie gerade steckten, als Jens Jessen in der "Zeit" vom "Triumph eines totalitären Feminismus" schrieb. Vielleicht.

Folgendes ist also passiert: Ein halbes Jahr nach dem Beginn der Weinstein- und #MeToo-Diskussion ist es so weit gekommen, dass alle Männer elendig geknechtete Wesen sind. Das ist der "Zeit"-Titelgeschichte "Der bedrohte Mann" von Jens Jessen zu entnehmen, der festgestellt hat, dass es für ihn als Mann nur ein einziges Schicksal gibt: Er ist schuldig und macht alles komplett falsch.

"Das System der feministischen Rhetorik folgt dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses, nur dass die Klassenzugehörigkeit durch die Geschlechtszugehörigkeit ersetzt ist. So oder so steht die Schuldigkeit schon durch Herkunft fest."

Und wo sich jeder Maßstab für angemessene Metaphern eh schon aufgelöst hat, ergänzt er noch:

"Der Feminismus hat damit eine Grenze überschritten, die den Bezirk der Menschlichkeit von der offenen Barbarei trennte. Nur sehr Tapfere erkennen darin eine heilsame Lektion, die es allen Männern erlaubt, die Diskriminierungserfahrung der Muslime zu machen: Was einige getan haben, wird allen zur Last gelegt. Jeder Muslim ein potenzieller Terrorist, jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger. Aber worauf wollen die Aktivistinnen der #MeToo-Bewegung mit ihrem neuen feministischen Volkssturm hinaus, diesem Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der moralisch Minderwertigen?"

Doch trotz offensichtlichen Lagerkollers ist es dem tapferen Feuilletonisten gelungen, seinen Text direkt aus dem Gulag herauszufunken und in der größten deutschen Wochenzeitung zu veröffentlichen. Allein dafür: Respekt.

Völlig irrer Thesengulasch an prominentester Stelle

Man könnte sich nun leicht über Jessens halt- und ehrloses Geflenne lustig machen, und das ist mit Recht in den letzten Tagen vielfach geschehen. Man könnte darüber lachen, dass Jessen von Sprachlosigkeit schreibt und dann aber gerade noch schafft, diverse Seiten in der "Zeit" vollzuschimpfen. Man könnte auch fragen, warum die "Zeit" wegen eines Streits um journalistische Standards und die Recherchen zu Dieter Wedel ihren Kolumnisten Thomas Fischer rauswirft, dann aber kurz darauf ihren Redakteur Jessen einen völlig irren Thesengulasch an prominentester Stelle platzieren lässt, für das ihm in dem Regime, das er halluziniert, wohl die standrechtliche Erschießung drohen würde.

Und man könnte fragen, warum Jessen einerseits davon redet, dass Feministinnen "die Conditio humana gekündigt" hätten, Männer heute "keinen Anspruch auf Gerechtigkeit" hätten, und dass er als Mann "von der Debatte ausgeschlossen" sei, weil es ein "rhetorisches Hexenlabyrinth" gebe, wo "jedes männliche Entgegenkommen in einer Sackgasse endet" - und er andererseits noch am Tag der Veröffentlichung im Radiointerview bumsfidel davon zu berichten weiß, dass das alles ja "letztlich vielleicht auch wurscht" sei.

Das ist alles beachtlich. Doch tatsächlich muss man Jens Jessen und der "Zeit" dankbar sein. Jessen hat in einem äußerst reichweitenstarken Medium den intellektuellen Nullpunkt der #MeToo-Debatte freigegraben, in der nun niemand mehr Angst haben muss, die oder der Peinlichste zu sein.

Jessen hat mit dieser Arbeit schon vor Jahren begonnen, als er über feministische Sprachkritik schrieb und dabei - noch etwas tapsig - den Versuch, Wörter wie "ProfessorInnen" einzuführen, um etwas mehr Gerechtigkeit zu schaffen, mit der Bezeichnung "Endlösung" verglich. Mutig für jemanden, auf dessen Wikipedia-Seite vom Urteil Dritter berichtet wird, Jessen habe einen "gnadenlosen Blick für das Absurde der Zeitgenossenschaft und die nötige Bildung, um es einzuordnen".

Verwirrt, ängstlich und voller Selbstmitleid

Doch mit seinem "Wutausbruch" in der "Zeit" hat Jessen der Emanzipation einen Gefallen getan. Er hat alles rausgelassen. Ungefiltert. Er hat ohne Rücksicht auf Verluste erklärt, dass er verwirrt und ängstlich ist und voller Selbstmitleid. Er hat zugegeben, dass er feministischen Diskursen nicht mehr folgen kann. Dass er das alles nicht mehr erträgt. Dass ihm alles zu viel wird mit den "Frauen, die sich in Zeitungen, Talkshows und sozialen Medien unentwegt äußern" - ja, wie halt einige Männer seit 3000 Jahren.

Jens Jessen hat uns sein Herz ausgeschüttet und sein Hirn gleich mit, und das ist gut. Feminismus braucht Männer, die über ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Überforderung und ihr Unwohlsein mit Geschlechterzuschreibungen sprechen, auch und gerade wenn das alles wahnsinnig emotional und chaotisch wird. Und Männer brauchen Feministinnen, die dann nicht drüber lachen, aber das ist ausgerechnet bei Jessen schwierig. Denn man sollte als Feministin Menschen ihre Schwächen nicht vorwerfen, außer die Schwäche ist, eigene Privilegien nicht als solche zu sehen.

Spätestens jetzt ist der Beweis geführt, dass es unfair ist, wenn man nur Feministinnen den Vorwurf macht, hysterische Heulsusen zu sein. Wir sind alle eins, wir müssen nur noch zueinander finden.

Denn so wie "Reichsbürger" in einem Fantasiestaat leben, in dem die Gesetze der Bundesrepublik nicht gelten, sieht sich Jessen offenbar einem System ausgesetzt, in dem der "allgemeine Geschlechterkampf" tobt, der von den Frauen "prompt mit der Einschüchterung des Gegners" begonnen wurde. Da muss man ganz unten ansetzen.

Weghören geht leider nicht

Wir erinnern uns: Begonnen hat die Debatte nach Vorwürfen der Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung gegen Harvey Weinstein und dem daran anschließenden Hashtag, in dem Tausende Frauen und Männer (!) von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Jessen ignoriert nicht nur, dass es männliche Opfer sexualisierter Gewalt gibt, die diese Diskussion mitgeprägt haben, sondern auch, dass es Frauen gab, die sich von Beginn an distanzierten.

Stattdessen erklärt er, "die Männer" würden aus #MeToo vor allem eines lernen: "Wir können jederzeit denunziert werden, auch ohne den kleinsten Vorfall." Spätestens an dieser Stelle müsste man aus bloßem Respekt weghören, aber das können wir uns in dieser angespannten Lage nicht leisten. Denn wer Kritik an den Taten einzelner Männer als Kritik an Männlichkeit selbst versteht, bei dem wird man erklärtechnisch tief buddeln müssen.

Aber das ist okay. Feministinnen und Feministen sind angetreten, um die Welt grundsätzlich zu verändern, und da gehört einige Arbeit dazu. Eines der Ziele ist, Männer davor zu bewahren, dass sie versuchen, im Alleingang die Welt zu retten bei Themen, von denen sie wenig Ahnung haben.

Ich jedenfalls saß im Taxi, als ich vom neuen bolschewistisch-feministischen Regime erfuhr, und las Jessens tränenreichen Text auf dem Weg zu einem Konzert, bei dem es dann ein Lied gab, das dem armen Mann vielleicht Trost gespendet hätte: "Tränen machen wach".

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insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
Karbonator 10.04.2018
1.
Danke für diesen Beitrag. P.S: Ich gehöre zum offensichtlich so unterdrückten Geschlecht.
HeinBlöd 10.04.2018
2. Gibt ihm leider recht.
Jessen hat versucht in seinem Text das Gefühl, was sehr viele Männer seit einigen Monaten beschleicht in Worte zu fassen, und sich damit freiwillig zur Zielscheibe eines Social Justice Warrior Shitstorms gemacht. Dafür gebührt ihm erstmal Anerkennung. Die hier vorliegende Kolumne fällt dagegen leider in die Kategorie "Beleidigte Leberwurst" und gibt dem Autor recht. Das Schlimme ist, dass Social Justice Warrior wie Frau Stokowski, das Maß verlieren und es sich anfängt eher um einen Kult zu handeln, als tatsächlich um eine Gerechtigkeitsdebatte. Wer auch nur um Ansatz versucht das zu relativieren, wird sofort mundtot gemacht.
zeichenkette 10.04.2018
3. Natürlich benachteiligt es Männer...
wenn sie Frauen nicht mehr beliebig benachteiligen dürfen. Ist doch logisch. Im Ernst: Der Verlust oder drohende Verlust oder auch nur der empfundene Verlust von gewohnten Privilegien ist natürlich erstmal eine Zumutung. Viele grummeln, einige wehren sich mit allen Mitteln. Damit ist zu rechnen. Dass als Begründung dafür nur Geschwurbel dabei rauskommen kann, ist ja klar.
angst+money 10.04.2018
4. Überschrift
Grins. So was kommt zwar nicht nur, aber derzeit ziemlich geballt aus der rechts-maskulinen Ecke. Ich (männlich) kann mir das nur mit der verhätschelten Erziehung der kleinen, scheinbar privilegierten Prinzen erklären, die dann den Rest ihres Lebens damit verbringen, entweder mit der Realität klarzukommen - oder halt sich dagegen empört zu wehren. Etwas was gerade Jessen und Konsorten - nicht immer ganz zu unrecht - gerne anderen Kulturen unterstellen.
strohsee 10.04.2018
5. Gut gebrüllt, Löwin!
Vielen Dank für diesen gut formulierten Kommentar, der die Verhältnisse wieder zurecht rückt. Nein, ich stehe als männlicher Zeitgenosse nicht unter einem weiblichen Regime, ich meine nur, dass wir, also die Männer, langsam, aber sicher begreifen und auch akzeptieren müssen, dass Mann und Frau gleich und auch gleichberechtigt sind - es gibt im menschlichen Miteinander, entgegen aller anderer Nachrichten, keine Hierarchie, die den Mann nach oben stellt, die Frau nach unten drückt. Lasst uns doch friedlich und partnerschaftlich miteinander umgehen.
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