Jenseits des Hypes Die wichtigsten Kunstschauen 2010

Darf's mal was anderes sein als aufwendig beworbene Massenausstellungen? Von aufstrebenden Künstlern über Geburtstagsretrospektiven verstorbener Größen bis hin zu echten Klassikern: Der KulturSPIEGEL stellt die sehenswertesten Schauen des kommenden Jahres vor.


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Kunstschauen 2010: Die sollten Sie nicht verpassen!

Der Kunsthype und die Kunstbegeisterung der letzten Jahre haben sich abgekühlt, die Sensationen sind erst mal ad acta gelegt. Um die Kunst muss man sich trotzdem nicht sorgen und auch nicht um den Kunstbetrieb, denn Museen und Kunstvereine bespielen weiterhin ihre Häuser mit großen Ausstellungen und mit Arbeiten junger Künstler. Die Anzahl der Gruppen-Großausstellungen, die Bi- und Triennalen heißen - Düsseldorf hat sogar eine Quadriennale (10. September 2010 bis Januar 2011) - nimmt international noch zu, denn Großausstellungen taugen zum Stadtmarketing, dienen dem Image und dem Tourismus.

Jede dieser Veranstaltungen braucht man allerdings nicht besuchen, denn oft sieht man überall die gleichen Künstler, die so gefragt sind, dass sie nicht für jede Ausstellung gute, neue Arbeiten parat haben können.

Also sollte man sich das Ausstellungsangebot genau ansehen, die Städte-PR-Maßnahmen abhaken, einen Bogen um lieblos zusammengeschusterte Privatsammler-Schauen machen oder auch um Häuser wie die Berlinische Galerie, deren phantasieloses Programm im neuen Jahr mit einer "Junge Kunst der Gasag"-Ausstellung beginnt, später mit einer "Gasag-Kunstpreis"-Ausstellung und einer Vattenfall-Contemporary-Preis-Ausstellung weitergeht und mit einer Nan Goldin-Ausstellung ins Jahr 2011 (24. September 2010 bis 1. Februar 2011) geht , nachdem in Berlin bei c/o im Postfuhramt gerade eine große Schau der Fotografin zu sehen war.

Wenn schon Bekanntes, dann kann man unter vielen Ausstellungen mit Künstlern wählen, die für die Gegenwartskunst Maßstäbe gesetzt haben und wichtige Lehrer und Vorbilder für die jüngere Generation waren.

Die anerkannten Klassiker

Bernd und Hilla Becher zum Beispiel, aus deren legendärer Düsseldorfer Klasse Fotografen wie Ruff, Gursky und Struth oder jüngere wie Elger Esser hervor gegangen sind. "Bergwerke und Hütten" der Bechers werden innerhalb des Kulturhauptstadtjahres "Ruhr. 2010" im Bottroper Josef Albers Museum Quadrat (7. Februar bis 2. Mai 2010) ausgestellt.

Eine Retrospektive von Robert Mapplethorpe mit rund 150 Fotos zeigt das NRW-Forum in Düsseldorf (6. Februar bis 15. August 2010); Arbeiten des legendären britischen Pop-Künstlers Richard Hamilton sind in der Serpentine Gallery in London zu sehen (3. März bis 25. April 2010).

Der amerikanische West-Coast-Künstler Ed Ruscha, dessen künstlerische Entwicklung vor allem das Amerika der Fünfziger und Sechziger mit dem Mythos der Route 66, mit Hollywood und banaler Massenkultur prägte, zeigt "50 Jahre Malerei" im Haus der Kunst München (12. Februar bis 2. Mai).

Die unbekannteren Größen

Zu den Künstler-Vorbildern gehört auch Rudolf Stingel, der in New York lebt und dort hoch geschätzt ist, bei uns aber selten gezeigt wird. Vom 10. Februar bis zum 24. Mai 2010 wird er dem Mies van der Rohe Haus der Berliner Neuen Nationalgalerie mit einem riesigen Teppich und neuen Ölbildern ein völlig neues Gesicht geben und damit die Frage nach der heutigen Rolle der Malerei stellen.

Radikaler hat der Maler Uwe Lausen (1941-1970) die Frage nach der Kunst gestellt: "Das alltägliche Leben ist die einzige Möglichkeit für die zukünftige Kunst. Wir müssen nach radikalen Freunden suchen - solche gibt es ja..." Der von der Gruppe SPUR beeinflusste gestisch figurative Maler nahm sich mit 29 Jahren das Leben. Von Künstlern ist er immer geschätzt worden, aber Museen haben ihn kaum gezeigt. Jetzt ändert sich das: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt eine Uwe-Lausen-Retrospektive (4. März bis 13. Juni 2010), die später in die Villa Stuck nach München wandert (24. Juni bis 3. Oktober 2010).

Die Publikumslieblinge

Ausstellungen mit Künstlern, die zu den Publikumslieblingen zählen, gibt es 2010 auch: zum Beispiel die Frieda-Kahlo-Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau (30. April bis 9. August 2010), Henri Rousseau in der Fondation Beyerler (Basel/Riehen, 7. Februar bis 9. Mai 2010); in Frankfurt werden Ernst Ludwig Kirchner (Städel Museum, 23. April bis 25. Juli 2010), George Seurat (Schirn, 4. März bis 9. Mai 2010) und Gustave Courbet (Schirn, 15. Oktober 2010 bis 30. Januar 2011) gezeigt; Pierre Bonnard ist in Wuppertal (Von-der-Heydt-Museum, 12. September 2010 bis 31. November 2011) zu sehen, in Krems gibt es eine Retrospektive von Paula Modersohn-Becker (Kunsthalle, 14. März bis 4. Juli 2010). Jean-Michel Basquiat, erst Graffiti-Sprayer, dann neoexpressiver Maler, wäre in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden - Anlass zu einer Überblicksschau bei Beyerler in Riehen (9. Mai bis 5. September 2010)

Auch Neo Rauch feiert 2010 seinen 50. Geburtstag, deshalb sind zwei große Schauen zu sehen, eine davon natürlich in seiner Heimatstadt Leipzig (Museum der bildenden Künste, 18. April bis 15. August 2010) und eine in der Münchner Pinakothek der Moderne (20. April bis 15. August 2010).

Kunst und Bildung

Auch für die Bildung kann man ins Museum gehen: "Zukunft seit 1560" (18. April bis 7. November 2010) im Dresdner Residenzschloss ist nicht nur eine wunderbare Sammlungsschau, sondern zeigt, wie früher handwerkliche und naturwissenschaftliche Objekte in den Kunstkammern gleichberechtigt neben der Bildenden Kunst standen. Und wer das Byzantinische Reich glänzen sehen will, geht in die Kunst und Ausstellungshalle in Bonn zu "Byzanz: Pracht und Alltag" (26. Februar bis 13. Juni 2010) oder in den Pariser Louvre zur Geschichtsschau "Heiliges Russland" (5. März bis 24. Mai 2010).

Auch die zwei Meissen-Porzellan-Ausstellungen zum 300. Gründungsjahr der Manufaktur in Berlin (Ephraim-Palast, 9. Mai bis 29. August 2010) und Dresden (Japanisches Palais, 8. Mai bis 29. August) sagen viel aus über die Alltagskultur von Adel und Bürgertum.

Die Jungen

Die Zeitgenossen muss man sich ansehen: Zwei interessante Biennalen in Berlin (Kuratorin Kathrin Rhomberg) und New York (von Francesco Bonami und Gary Carrion-Murayari) geben eine Szene-Übersicht (6. Berlin-Biennale, 11. Juni bis zum 8. August 2010 und Whitney vom 25. Februar bis 30. Mai 2010).

Einzelausstellungen zur intensiveren Betrachtung haben zum Beispiel folgende Künstler: Thomas Zipp in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum (13. März bis 13. Juni 2010), Stefan Müller in der Kunsthalle Baden-Baden (27. März bis 30. Mai 2010), der vielgelobte Wade Guyton in Köln (Museum Ludwig, 23. April bis 15. August 2010). Im Saarbrückener Saarlandmuseum stellt Vincent Tavenne aus (27. März bis 6. Juni 2010), der Kunstverein Hannover zeigt den Leipziger Maler David Schnell (10. April bis 30. Mai 2010; danach im Gemeentemuseum Den Haag 10. Juli bis 17. Oktober 2010), und in der Kestnergesellschaft ist gleichzeitig mit Daniel Richter die wunderbare Natanlie Djurberg zu sehen (beide ab 3. September bis 11. bzw. 7. November 2010) und später Michael Sailsdorfer zusammen mit Joachim Koester (26. November 2010 bis 6. Februar 2011).

Die Architekten

Es gäbe noch viel zu empfehlen, nur am Rande noch: Das Centre Pompidou eröffnet eine Zweigstelle in Metz (12. bis 16. Mai 2010) - natürlich in einem sensationellen Bau der Architekten Shiguru Ban und Jean de Gastines. Endlich wird der Architekt Richard Neutra mal gewürdigt (Marta Herford, 8. Mai bis 1. August 2010), die 12. Architektur-Biennale Venedig leitet dieses Jahr Kazuyo Sejima (29. August bis 21. November 2010), aber wer den Deutschen Pavillon kuratiert, ist noch ein Geheimnis.

Ein bisschen Hype muss sein

Aus London in die Hamburger Kunsthalle kommt die tolle Schau "Pop Life. Art in a Material World" (12. Februar bis 9. Mai 2010), die viel Nacktes und viel Selbstvermarktung in der Kunst zeigt - ein bisschen Hype und Skandal tut der Kunst ja doch ganz gut...



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Seite 1
moonoi 29.12.2009
1. kunst
ist die faehigkeit mit immer weniger immer mehr, um am schluss mit nichts alles zu verdienen http://sehrgut.de
Kunstfan 03.03.2010
2. Berlinische Galerie vom Autor unterschätzt!
Die Empfehlung, um die Berlinische Galerie einen Bogen zu machen, kann ich mir nur durch eine mangelnde Kenntnis des Hauses durch den Autor erklären. Die Berlinische Galerie - Landesmuseum für zeitgenössische Kunst, Fotografie und Architektur gehört meiner Meinung nach zu einem der unterschätztesten der Berliner Museen für zeitgenössische Kunst. Das zeigt auch die Tatsache, dass dieses Haus im letzten Jahr seine Besucherzahlen um 40% steigern konnte, obwohl der Trend ansonsten in Berlin rückgängig war. Das Haus hat nicht nur eine hochspannende Sammlung über Kunst, die in Berlin entstanden ist, sondern verfügt mit Dr. Heinz Stahlhut über einen hervorragenden Kurator, der es trotz eines erbärmlichen Budgets schafft, die spannendsten Positionen der zeitgenössischen Kunst ins Haus zu bringen. Berlin ist ein armes Land. Hier ist wenig Geld für die Kultur übrig und dass die Berlinische Galerie sich Partner aus der Wirtschaft sucht, um ein hochkarätiges Ausstellungsprogramm zu sichern, halte ich bei der derzeitigen Haushaltslage für klug und notwendig. Der Vattenfall Contemporary 2010 wird immerhin an den international bekannten Video- und Medienkünstler Julian Rosefeldt verliehen, dem hiermit eine Einzelausstellung von Mai bis Oktober ermöglicht wird, die das Haus ohne die finanzielle Unterstützung von Vattenfall wahrscheinlich nicht hätte machen können. Es ärgert mich, dass es in Deutschland kategorisch immer noch - im Gegensatz zum englischsprachigen Raum - als negativ bewertet wird, wenn sich eine Kulturinstitution Partner in der Wirtschaft sucht. Wir werden uns bei den Haushalten der Länder daran gewöhnen müssen und sollten dankbar sein, wenn sich großzügige Partner in der Wirtschaft finden, die gerade jetzt in Zeiten der Finanzkrise bereit sind helfend einzuspringen. Dass damit natürlich auch Wunsch verbunden ist, ein wenig Glanz und Gloria der Kunstwelt auf das Firmenimage zu übertragen, halte ich für legitim.
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