Politische Kritik in Israel Unabhängig um jeden Preis

Weil das Museum on the Seam nicht vom israelischen Staat gefördert wird, kann es auch regierungskritisch sein. Doch die Unabhängigkeit steht auf dem Spiel - das Haus hat Probleme, Geldgeber zu finden.

Museum on the Seam
Museum on the Seam

Museum on the Seam

Von Maria Wölfle, Jerusalem


Schaffen wir das noch? Irgendwie? Diese Frage hat sich Raphie Etgar in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder gestellt. So lange schon sucht er nach einem Sponsor für den Ort, der ihm so sehr am Herzen liegt: das Museum on the Seam in Jerusalem.

Etgar sitzt in seinem Büro, die Arme vor der Brust verschränkt, seine Sätze enden oft abrupt. Er wirkt, als fühle er sich unwohl. Als verschwende er gerade seine Zeit. Unzählige Gespräche mit Journalisten hat er schon geführt, welchen Unterschied macht ein weiteres? "Wir glauben an das, was wir tun", sagt er. "Die Funktion, die das Museum hier hat, ist heute wichtiger denn je." Also macht er weiter.

Etgar ist Leiter des Museum on the Seam. Er hat es 1999 gegründet, als Ort für sozialpolitische, zeitgenössische Kunst. Die "New York Times" zählt das Museum zu den "29 führenden Kunstorten auf der Welt". Künstler wie Anselm Kiefer oder Wim Wenders haben hier ihre Werke gezeigt. Trotzdem muss das Haus womöglich in ein paar Monaten schließen.

Warum will niemand diesen besonderen Ort fördern?

Dann ist das Geld weg. Jahrelang hat die deutsche Verlegerfamilie Holtzbrinck das Museum gefördert, Ende 2015 jedoch ihre Unterstützung eingestellt. Im Unternehmen gibt es einen Generationenwechsel, dazu äußern will man sich aber nicht so recht.

Etgar sucht seitdem nach Sponsoren. Er ist in die USA geflogen, nach Deutschland, überall hat er sich umgesehen. Ohne Erfolg. Warum, das kann er sich nicht erklären. Schließlich habe das Museum on the Seam in Jerusalem, vermutlich in ganz Israel, Alleinstellungsmerkmal.

Es ist unabhängig vom Staat, weil es keine Gelder von ihm bekommt. Deshalb haben hier auch immer wieder arabische, muslimische und auch iranische Künstler ausgestellt. Künstler also, deren Länder teilweise keine diplomatischen Beziehungen zu Israel haben. "Außerdem kommen viele arabische und palästinensische Gruppen in die Ausstellungen", sagt Etgar. "Das gibt uns das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun." Es geht ihm hier um zweierlei: qualitativ hochwertige Kunst zeigen und Menschen verbinden.

Weil das Museum on the Seam unabhängig ist, kann es auch regierungskritisch sein. Dass es aber gerade solche Einrichtungen in Israel immer wieder schwer haben, zeigte zuletzt Außenminister Gabriels Besuch: Weil er sich mit den Menschenrechtsorganisationen Breaking the Silence und B'Tselem treffen wollte, hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sein Treffen mit Gabriel abgesagt.

Einschusslöcher aus dem Sechs-Tage-Krieg

Das Museum geht dabei nicht nur über Grenzen, es liegt auch an einer. Ein arabischer Architekt hat die sandsteinfarbene Villa 1932 gebaut, zwischen 1948 und 1967 haben sich israelische Soldaten hier verschanzt. Jerusalems Osten wurde in der Zeit von Jordanien kontrolliert, der Westteil der Stadt von Israel.

Direkt nebenan befand sich das Mandelbaum-Tor, das damals der einzige Übergang zwischen den beiden Stadtteilen war. Die Fassade erinnert heute noch an den Sechs-Tage-Krieg vom Juni 1967. Einschusslöcher zieren die dicken Mauern. Vom Dach aus, auf dem als eine Art Wintergarten auch Etgars Büro steht, kann man die Jerusalemer Altstadt sehen und den Ölberg. Auf der anderen Seite beginnt Mea Shearim, Jerusalems jüdisch-ultraorthodoxer Stadtteil.

Besucher im Museum
Museum on the Seam

Besucher im Museum

"Kunst als Sprache kennt keine Grenzen, sie ist international", sagt Etgar. Er wirkt enttäuscht. Die Stirn zieht er immer wieder in Falten, lachen kann er vielleicht einfach nicht mehr. Aber wenn Etgar davon spricht, was er mit dem Museum erreichen will, wird seine raue Stimme ein bisschen weicher. "Das ist hier nicht irgendein Museum, es hat eine Botschaft."

Wie genau die lautet, sagt er nicht, aber er will mit Kunst Verbindungen aufzeigen und schaffen. Zwischen Israelis und Palästinensern, Juden und Muslimen, aber auch Orthodoxen und Säkularen. Die nächste geplante Ausstellung behandelt zum Beispiel die Rolle von Religion in der Kunst. Immer sind auch Politik oder Gesellschaftskritik Thema. Vergangenes Jahr wurden Bilder der Fotojournalistin Anja Niedringhaus gezeigt, die 2014 in Afghanistan erschossen wurde.

Die erste Ausstellung hieß "Coexistence", und der Titel spricht für sich. In "Dead End" ging es um Gewalt in der israelischen Gesellschaft, in "West End" um das Verhältnis zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Meist werden Themen behandelt, die öffentlich diskutiert werden, stets mit Fokus auf Menschenrechte und darauf, durch Kunst soziale Veränderungen zu erreichen.

"Hier zu sein ist auch eine Haltung"

"Seam" bedeutet so viel wie "Naht", und dass das Museum genau hier liegt, an dieser Naht zwischen Ost- und Westjerusalem, ist für Etgar keine Nebensächlichkeit. "Hier zu sein ist auch eine Haltung", sagt er. "Es ist politisch, wir nehmen keine Seite ein."

Über drei Stockwerke verteilt hängen Bilder, Fotos, gibt es Videoinstallationen. An diesem Nachmittag ist das Museum aber so gut wie leer, wodurch es gespenstisch wirkt. Zwölf Mitarbeiter hatte Etgar mal, jetzt sind es noch drei, und deren Gehälter musste er kürzen. Wer hier noch arbeitet, tut es auch aus Idealismus. Dem Museumsbetrieb gehe es gut, sagt Etgar, vor allem Besuchergruppen gebe es viele. Aber komplett ohne Unterstützung von außen könne eben keine Kulturinstitution überleben. "Ich beschäftige mich jetzt mehr damit, die Pennys zu zählen, als mit der Kunst."

Ausstellung "Red Ink" und "Kinder Blitz"
AP

Ausstellung "Red Ink" und "Kinder Blitz"

Dabei ist das Museum gerade jetzt wichtig. Der Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis ist zum Erliegen gekommen. Stattdessen werden die Perspektiven von vielen auf beiden Seiten immer extremer. "Wenn die Welt nach rechts rückt, dann braucht es ein bisschen gesunden Menschenverstand in diesem Chaos", sagt Etgar. "Und das sind wir. Wenn die Leute nicht verstehen, welchen Beitrag wir leisten, sozial, im Bildungsbereich - was sollen wir noch machen?! "

Die Gelder der Holtzbrinck-Familie flossen über die Jerusalem Foundation an das Museum. "Die Jerusalem Foundation sucht nach neuen Sponsoren", sagt Liat Rosner, eine Sprecherin der Stiftung. "Wir arbeiten daran, dass das Museum von der Jerusalemer Stadtverwaltung und vom Kulturministerium anerkannt wird." Das Museum on the Seam könnte dann auch finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. Allerdings könnte es mit seinen politischen Themen bei der nationalrechten Kulturministerin Miri Regev nicht gut ankommen. Und dadurch wäre genau das gefährdet, wofür das Museum steht: seine Unabhängigkeit.



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Seite 1
0x8000 11.06.2017
1. Lieber Spiegel,
ich zweifle zunehmend an der Qualität der Berichterstattung. So ist dieser Artikel mit folgenden Worten überschrieben: "Politische Kritik in Israel / Unabhängig um jeden Preis". Danach würde ich erwarten, es ginge ganz allgemein um politische Kritik. Die Überschrift ist allzu reissererisch. Später schreiben Sie: "Es ist unabhängig vom Staat, weil es keine Gelder von ihm bekommt." Dieser Satz ist etwas merkwürdig, weil sie damit implizieren, hier ginge es um etwas Besonderes. Dabei ist die Feststellung eine Platitüde für demokratische Staaten. Kommen wir hierzu: "Weil das Museum on the Seam unabhängig ist, kann es auch regierungskritisch sein. Dass es aber gerade solche Einrichtungen in Israel immer wieder schwer haben, zeigte zuletzt Außenminister Gabriels Besuch: Weil er sich mit den Menschenrechtsorganisationen Breaking the Silence und B'Tselem treffen wollte, hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sein Treffen mit Gabriel abgesagt." Dass es ein privat finanziertes Museum leichter hat, regierungskritisch zu sein, ist erneut eine Selbstverständlicheit für demokratische Staaten. Warum wird es hier wiederholt? Ferner ist nicht ersichtlich, welche Beziehung zwischen dem Museum und den Organisationen Breaking the Silence und B'Tselem besteht. Der Außenminister wollte mit Vertretern der Organisationen sprechen, auch wenn dies insbesondere im Fall von Breaking the Silence ein direkter Affront nicht nur gegen die israelische Regierung, sondern auch die Stimmung in Israel war, angesichts der Einbettung seines Besuchs in zwei hohe Feiertage, an denen auch den Opfern in den Streikräften gedacht wird. Man kann es bedauern, dass es zu diesem Treffen nicht kam. Man kann aus der Absage des Gabriel-Besuchs aber nicht schließen, dass es solche Einrichtungen "schwer haben". Der argumentatorische Zusammenhang ist einfach nicht gegeben. Nebenbei darf ich anmerken, dass Herr Gabriel bei seinem Besuch im Iran offenkundig keine Vertreter der Opposition treffen wollte, aber kein Problem hatte, einem Holocaust-Leugner die Hand zu schütteln. Ich würde sagen, diese Tatsache hat ein größeres Skandal-Potential. Weiter schreiben Sie:"Dabei ist das Museum gerade jetzt wichtig. Der Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis ist zum Erliegen gekommen. Stattdessen werden die Perspektiven von vielen auf beiden Seiten immer extremer."
0x8000 11.06.2017
2. Forsetzung
Was die derzeitigen Vertreter von Hamas und Hisbollah angeht: Deren Perspektive hat sich nicht geändert: Sie möchten die Juden noch immer ins Meer treiben. Was die Fatah angeht: Sie zahlte aus Geldern der PA, also internationalen Zuwendungen, in 2016 160 Mio EUR an die Inhaftierte Palästinenser und die Familien von Selbstmordattentätern (siehe ARD), soweit diese sich nur am "palästinensischen Widerstand" gegen Israel beteiligt hätten. Mit anderen Worten: Ein Palästinenser, der einen Israeli niedersticht und dafür zu Recht ins Gefängnis kommt, erhält eine Prämie über viele Jahre. Dass Terrorismus in dieser Weise belohnt wird, dürfte auf der Welt einmalig sein. Dass der Friedensprozess um Erliegen gekommen ist, ist äußerst bedauerlich, hat aber seine Ursachen vor allem in den Forderungen der palästinensischen Seite, die mehrfach großzügige israelische Angebote ausgeschlagen hat. Für die Israelis ist die angestrebte Perspektive das Überleben. Von Anbeginn. Mit "extrem" hat das nichts zu tun. Am Ende wird der Artikel endlich journalistisch:"Wir arbeiten daran, dass das Museum von der Jerusalemer Stadtverwaltung und vom Kulturministerium anerkannt wird." Das Museum on the Seam könnte dann auch finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. Allerdings könnte es mit seinen politischen Themen bei der nationalrechten Kulturministerin Miri Regev nicht gut ankommen. Und dadurch wäre genau das gefährdet, wofür das Museum steht: seine Unabhängigkeit." Hier haben wir also die Selbstverständlichkeiten: Ein Geldgeber möchte ggfl. an der inhaltlichen Ausrichtung beteiligt sein. In Deutschland ist üblich, dass kulturelle Einrichtungen Fördermittelanträge bei öffentlichen Geldgebern einreichen, die abgelehnt oder bewilligt werden. Das ist die Normalität, und ein Geldgeber wird seine Mittel danach ausreichen, ob die Inhalte für ihn tragbar sind. Und ja: Das Museum könnte Unterstützung durch die öffentliche Hand erhalten. "Politische Kritik in Israel" - Ihre reisserische Aufmachung - ist womöglich gar nicht gefährdet. Eine Frage beantwortet ihr Bericht nicht: Warum hat das Museum nicht versucht, wie es häufig in Deutschland der Fall ist, einen Förderverein zu gründen? Ich denke, Sie sollten den Beitrag überarbeiten.
Faktenanalyse 11.06.2017
3.
Sie werfen dem Autoren einseitige Berichterstattung vor, und kommen dann ihrerseits mit Argumenten wie :"Dass der Friedensprozess um Erliegen gekommen ist, ... , hat seine Ursachen vor allem in den Forderungen der palästinensischen Seite, die mehrfach großzügige israelische Angebote ausgeschlagen hat". Das nenne ich Einseitigkeit. Was ist mit der israelischen Besatzung, den illegalen Siedlungen, etc Der anderen Seite die Schuld zuweisen, ohne eigene Fehler einzusehen. Dieses Schwarz-Weiss Denken hat bis heute eine vernünftige Lösung des Konflikts in Israel verhindert. Von daher sind Einrichtungen wie dieses Museum umso wichtiger, um den Leuten auch andere und vielleicht kontroverse Standpunkte vor Augen zu halten.
0x8000 11.06.2017
4. Liebe Faktenanalyse,
ich argumentiere nicht gegen das Museum. Ich stelle nur fest, dass der Artikel an sich nicht schlüssig ist. Es geht, um mich zu wiederholen, um solche Formulierungen: "Dass es aber gerade solche Einrichtungen in Israel immer wieder schwer haben, zeigte zuletzt Außenminister Gabriels Besuch: Weil er sich mit den Menschenrechtsorganisationen Breaking the Silence und B'Tselem treffen wollte, hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sein Treffen mit Gabriel abgesagt." Der Außenminister wollte mit Breaking the Silence eine in Israel äußerst umstrittene Organisation besuchen und daraufhin hat Netanjahu Gespräche mit Gabriel abgesagt. Also kam Gabriel gar nicht mehr und besuchte auch nicht mehr die Organisation. Für Breaking the Silence ergab sich also die Absage eines Besuchs, der möglicherweise später nachgeholt werden kann. Warum dies aber bedeutet, dass es das Museum deshalb schwer hat, ist nicht aus dem Text zu erschließen. Es "schwer haben" bedeutet im Deutschen sinngemäß, dass einem beständig Steine in den Weg gelegt werden, dass es also eine dauerhafte Behinderung des eigenen Wirkens gibt. Ist die Organisation durch die Absage des Besuchs des Außenministers in irgendeiner Weise dauerhaft und schwer behindert worden? Nein. Auch das Museum ist nicht dadurch betroffen, dass Sigmar Gabriel nicht kam. Der behauptete Zusammenhang existiert also nicht. Darum geht es. Sicher, die israelische Besatzung in einem Teil der nach Teilungsplan palästinensischen Gebiete ist Realität. Sie werden sicher wissen, wie diese entstanden ist.
C. V. Neuves 11.06.2017
5. Sinnig
Jede israel-kritische Institution hat Probleme - zumindest in der westlichen Welt. Ich belasse es dabei und verweise auf Vorposter. ich nehme nicht an, das irgendeine sinnvolle Diskussion hier angedacht ist.
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