Fotos von Jessica Todd Harper Die kurze Zeit, die wir Leben nennen

Das moderne Familienleben, arrangiert im Stil alter Meister: Die US-Fotografin Jessica Todd Harper zeigt in ihrem beeindruckenden Bildband "The Home Stage" den Kreislauf von Leben und Vergänglichkeit inmitten des Alltags.

Jessica Todd Harper

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So dicht liegen Tod und Leben nebeneinander: Ein alter Mann, die Augen geschlossen, den Mund geöffnet, liegt in seinem Bett auf einem weißen Laken, auf einem weißen Kissen. Er sieht aus, als könnte er jeden Moment sterben. Neben dem Greis liegt ein Kleinkind auf dem Bett. Es schaut gequält und hält sich die Hand vors Gesicht, als ahnte es die Vergänglichkeit des Lebens.

Jessica Todd Harper hat dieses Foto gemacht. Als Teenager hat die US-Amerikanerin immer ihren Skizzenblock mit in Kunstmuseen genommen, um die Gemälde, die sie dort sah, abzumalen. Sie stammten von alten Meistern wie Vermeer. Todd Harper war fasziniert von deren Kunst, von der Begabung, das Familienleben, das Häusliche festzuhalten.

Irgendwann begann Todd Harper zu fotografieren. Nach "Interior Exposure" (2008) ist nun ihr zweiter Bildband "The Home Stage" erschienen: Er gibt Einblicke in das Zentrum einer amerikanischen Familie. Kinderspielzeug auf dem Boden, stillende Mütter, ein schlafender Ehemann, ein Baby, das sich an seiner Mutter festhält. Momente des Alltags, des Innehaltens, des Lebens. "Ich zeige das häusliche Leben, das niemand mehr wahrnimmt, weil jeder so beschäftigt ist", sagt Todd Harper.

Und doch ist hier etwas anders. Die Aufnahmen wirken wie aus einer anderen Zeit. Todd Harper spielt mit dem Licht und ihren Objekten so, wie es vor ihr die großen Maler getan haben, deren Gemälde sie sich immer in den Museen anschaute. Auch sie geben Einblicke in das Häusliche, halten fest, wie Kinder spielen, wie sich Erwachsene ausruhen, wie Familien picknicken gehen.

"Manchmal finde ich das Licht"

Entscheidender Bestandteil von Todd Harpers Aufnahmen ist das Sonnenlicht. Es schlägt sich durch die Fenster des Zuhauses, scheint auf Betten, Sofas, Teppiche - doch vor allem auf die Menschen selbst. Es schenkt ihnen Achtung und scheint ihnen fast eine Art Heiligenschein zu geben. "Manchmal finde ich das Licht zuerst, und dann hole ich die Leute in den Raum", sagt Todd Harper.

Im Gegensatz zum ersten Bildband hat die US-Amerikanerin die Mehrzahl der Szenen in "The Home Stage" arrangiert. Todd Harper sagt, als Mutter habe sie sehr viel zu tun, sie könne nicht warten, bis der richtige Moment für ein gutes Foto endlich käme. Aus diesem Grund stelle sie die Fotos. Durch Komposition und Licht wirken sie auch so, als wären sie Gemälde alter Meister. "Ich kopiere die großen Maler nicht", sagt Jessica Todd Harper. "Zumindest nicht bewusst." Aber wenn sie die Fotos entwickle, dann sei sie selbst immer wieder überrascht, wie sehr sie diesen Gemälden ähnelten.

An den Beginn ihres zweiten Bildbandes stellt Todd Harper drei Fotos, die vor vielen Jahrzehnten gemacht worden sind. Auf ihnen sind Todd Harpers Verwandte zu sehen. Dazu zitiert sie aus dem Alten Testament: "Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen."

Todd Harper zeigt das menschliche Dasein, den ewigen Kreislauf des Lebens auf eine Weise, die an Terrence Malicks Opus Magnum "Tree of Life" erinnert.

"Wenn man mal ein Kind sieht, das nicht lacht, dann ist das etwas anderes"

"Der Bildband handelt davon, was uns widerfährt, wenn wir hier sind - in der kurzen Zeit, bis wir sterben", sagt Todd Harper. Ihre Fotografien wirken melancholisch, manchmal fast beklemmend. Niemand lacht auf Jessica Todd Harpers Bildern, die Familienmitglieder schauen ernst und nachdenklich. Auch die Kinder. Todd Harper sagt, sie schauten verträumt. "In unserer Kultur lacht jeder, vor allem Kinder, sie lernen das, wenn sie noch sehr jung sind. Doch wenn man mal ein Kind sieht, das nicht lacht, dann ist das etwas anderes. Dann denkt man erst, hier stimmt was nicht." Lachende Kinder seien ein Zeichen für Öffentlichkeit. Doch Todd Harper jagt nach dem Inneren einer Familie, nach dem, was Außenstehenden sonst verborgen bleibt.

"Familie ist Sicherheit", sagt die Fotografin. Sie gebe den Menschen einen Sinn im Leben. Bedeutungsvolle Beziehungen würden in der Ewigkeit fortbestehen. Jessica Todd Harper ist es wichtig, ihre Kinder auf den richtigen Weg zu bringen, immer für sie da zu sein, egal, was passiert. So wie sie es von ihren Eltern gelernt habe.

Der Mann auf dem Bett, der so aussieht als würde er sterben, ist Todd Harpers Großvater. Und der Säugling ist der Urenkel des Mannes. Auf der Fotografie ist sowohl die Tochter des Greises zu sehen, die sich über ihn beugt, wie auch die Hände seiner Enkelin. Vier Generationen sind hier vereint. "Sie repräsentieren die Kette des Lebens", sagt Todd Harper.

An dem Tag, an dem die Fotografie entstand, ist der alte Mann gestorben.



insgesamt 7 Beiträge
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InesH 09.12.2014
1. Sehr ästhetisch
- und extrem steril. Wie Untergangsstimmung. Das Leben scheint für die Fotografin ein Jammertal in toller Umgebung zu sein. Auf keinem der hier gezeigten Fotos ist auch nur der Hauch eines Lächelns zu sehen. Die kurze Zeit, die wir Leben nennen, sollten wir eigentlich mit so viel Freude füllen, wie wir können.
vandersteeg 09.12.2014
2. Das muss ja nicht so bleiben
Was viele nicht wissen ist, die Biotechnologie ist heute auf einem Stand, wo man sagen kann, dass eine gute Chance besteht, in 20-30 Jahren das "Altern" unter medizinische Kontrolle zu bringen. Das ist kein Hokus-Pokus, sondern reine Biologie. Wer sich auch nur annähernd dafür mal interessiert (und ich finde alle komisch, die das nicht tun), sollte z.B. hier mal anfangen zu lesen: www.sens.org
shechinah 09.12.2014
3. Selbstverliebt..
ein bisschen viel Selbstinszenierung für meinen Geschmack - sieht eher nach einer Therapie aus, als nach ernsthafter Photographie - dazu ist auch das Framing immer ein bisschen zu schlampig, geschwätzig und inkonsequent. Nett gemeint, aber nicht gekonnt.
wiealle 09.12.2014
4. Wohl dem,...
... der es rechtzeitig realisiert: Nichts ist befriedigender, als der Intuition zu folgen und die Familie in den Mittelpunkt zu stellen. Keine Kinder? Kann sich zu später Reue auswachsen. Eltern abgeschoben? Das gibt böses Gewissen!
wintergreen 09.12.2014
5. Na ja,
scheint mir alles ein bisschen allzu inszeniert und weichgespült. Das Licht auch immer à la Vermeer - bloss war der ein Meister, und Frau Harper, wir mir scheint, eine nicht besonders kreative Nachahmerin, die ihre Kompositionen zudem noch mit einer etwas aufdringlichen moralischen Botschaft belädt. Bitte nicht!
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