Zum Tod Joachim Kaisers Ein Begeisterter und ein Liebender

Eitel? Das war er unbedingt, denn nur der Eitle könne seinem Urteilsvermögen vertrauen. Vor allem aber war Joachim Kaiser, der große Kritiker der "Süddeutschen Zeitung", der Literatur hingegeben.

Joachim Kaiser
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Joachim Kaiser

Ein Nachruf von


Gretel Adorno hat ihm dann gleich ihren berühmten selbst gebrannten Schnaps eingeschenkt. Den hatte sich der junge Student redlich verdient. Das war 1951, Joachim Kaiser war 22 Jahre alt, er studierte in Göttingen Musik und Germanistik, ein Redakteur der renommierten "Frankfurter Hefte" hatte bei einem Gespräch die Bemerkung fallen lassen, von diesem Theodor Wiesengrund Adorno sei ein neues Buch erschienen, "Philosophie der neuen Musik", das verstehe leider kein Mensch.

Der junge Kaiser erkannte seine Chance sogleich und sagte: "Ich wüsste schon jemanden, der es besprechen könnte. Ich."

Sechs Wochen schrieb er an der Rezension. Als er sie eingeschickt hatte, antwortete ihm der Redakteur, das sei ganz fabelhaft, aber leider unverständlich. Kaiser antwortete, klar, man könne auch über Hegel schreiben, dass es Vierjährige verstehen, die Frage sei, ob man dann noch über Hegel schreibe.

Der Redakteur kapitulierte, Kaisers Rezension erschien, es war der Beginn seines Ruhms. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bat ihn um Texte und Adorno lud ihn zu sich nach Hause, Gretel schenkte ihm ein.

Joachim Kaiser wurde einer der großen, geliebten und gefürchteten, einer der populärsten Kritiker Nachkriegsdeutschlands. Seine Leidenschaft galt vor allem der Musik, seine Kritiken erschienen seit 1959 in der "Süddeutschen Zeitung", deren Feuilleton er viele Jahre leitete. Seit 1953 wurde er zu den Treffen der Gruppe 47 eingeladen. Hier lieferte er sich legendäre Duelle mit Walter Jens, Hans Mayer und vor allem mit seinem Lieblingsgegner, seinem großen Gegenüber Marcel Reich-Ranicki. "Wir waren beide der Literatur hingegeben", hat er einmal gesagt.

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Joachim Kaiser beherrschte die große Kunst, seine ungeheure Detailkenntnis und Gelehrsamkeit in eine populäre, mitreißende Form zu kleiden. Er war ein Begeisterter und ein Liebender. Er litt an den Niederlagen der Künstler, die er verehrte. "Freundschaftsgefährdend" nannte er selbst einen Verriss, den er über Martin Walsers "Einhorn" geschrieben hatte. Und er fügte als Fazit hinzu, "dass ich, fasziniert von solchem Misslingen, auf den nächsten Roman aus Friedrichshafen warte, weil Niederlagen eines mit solchen Waffen ausgestatteten Streiters tausendmal aufregender sind als vernünftige Siege von rechts oder links".

In München und in ganz Deutschland hatte Joachim Kaiser eine wahre Gemeinde. Die Menschen glaubten an ihn und an sein Urteil über Musik und Literatur. Er selbst war zum Bersten eitel, es sei ihm egal, wer unter ihm Feuilletonchef der "SZ" sei, hat er gerne gesagt, und dass nur, wer sich selbst liebt, auch ein tiefes Vertrauen in sein eigenes Urteilsvermögen haben kann. "Mit Eitlen kommt man ja leicht aus", hat er gesagt. "Ich glaube sogar, dass Kritiker konstitutiv eitel sein müssen." Denn ein Kritiker "muss subjektiven, kaum beweisbaren Empfindungen objektive Bedeutsamkeit unterstellen".

Den jungen Enzensberger entdeckte Joachim Kaiser bei der "FAZ", er hat Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger und ihre Gedichte geliebt. Kunstfragen waren Existenzfragen für ihn. Es ging in jedem Text ums Ganze. Um die Wahrheit über ein Kunstwerk und um das Unterhaltungsbedürfnis der Menschen. Seine Autobiografie hat er "Der letzte Mohikaner" genannt.

Er war ein Kämpfer, am Ende fühlte er sich ein wenig aus der Zeit gefallen. Gefürchtet, so hat er in einem späten Interview gesagt, sei er in München nur noch als Radfahrer. Über seine Kritiken beschwere sich keiner mehr. "Die Leute nehmen sie hin wie ein Unwetter." Und melancholisch fragt er sich selbst: "Wer protestiert schon gegen Hagelschlag?"



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